Noch im vergangenen Jahrhundert dirigierte Marek Janowski einmal die „Nocturnes“ von Claude Debussy beim Deutschen Symphonie-Orchester. Unter seiner Leitung entstand da ein Klangorganismus von unendlicher Differenziertheit, dessen Delikatesse und Wärme schwer mit dem schlecht gelaunt und skeptisch dreinblickenden Mann am Pult zusammenzureimen war.

Dennoch war klar: Dergleichen hört man selten oder nie, und dieser Marek Janowski, der damals noch nicht zum Helden des Rundfunk-Sinfonieorchesters avanciert war, musste eindeutig als Dirigent mit einem einzigartigen Ohr für Klangfarben gelten samt der Fähigkeit, seine Ansprüche auch als Gastdirigent eines Orchesters durchzusetzen.

Janowski feierte den Durchbruch mit dem „Ring des Nibelungen“

So jemanden nennt man „Orchestererzieher“, und für das DSO war er damals als Gastdirigent wichtig, weil der gleichzeitige Chefdirigent Vladimir Ashkenazy als Pianist dergleichen überhaupt nicht vermochte.

Janowski, heute vor 80 Jahren in Warschau geboren und in Wuppertal aufgewachsen, studierte unter anderem bei Wolfgang Sawallisch und bekam erste Engagements an Opernhäusern im Rheinland. Seinen künstlerischen Durchbruch feierte er 1983 mit der ersten digitalen Gesamtaufnahme von Wagners „Ring des Nibelungen“ mit der Sächsischen Staatskapelle. Karajans zehn Jahre ältere Aufnahme, die damals als Nonplusultra eines aus dem piano entwickelten Wagner-Stils galt, ist keineswegs farbiger oder dramaturgisch überzeugender; Janowski musiziert weniger extrovertiert, dafür mit einem Bewusstsein für die inneren motivischen Prozesse und ihre klangliche Vermittlung, das bis heute nicht übertroffen wurde.

Marek Janowski gilt als kompromisslos und konsequent

Dennoch wurde Janowski noch lange nicht unter die Großen gerechnet und blieb ein Dirigent, der eher Orchester der zweiten Reihe leitete und als Chefdirigent auf erstklassiges Niveau brachte, erstmals 1984, als er das Orchestre Philharmonique de Radio France übernahm. Vor allem diese Tätigkeit außerhalb Deutschlands hat verhindert, dass Janowski hierzulande seinem Wert nach gehandelt wurde. Aber dank Frankreich entwickelte er sich zu einem Musiker, der knorriges deutsches Kapellmeistertum mit klanglicher Transparenz und Sinnlichkeit verbindet. 2002 übernahm er nach langen Verhandlungen das Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester und leitete es bis 2017. In dieser Zeit focht er mehrere Krisen bis zur Rücktrittsdrohung durch – und vermochte das RSB zu einem Orchester ersten Ranges zu entwickeln.

Sein kompromissloses Verfolgen eher unglamouröser Qualitätsvorstellungen mag ein weiterer Grund sein, dass Janowski erst spät ans Pult etwa der Berliner Philharmoniker gebeten wurde. Janowski hasst die Show, und noch den Versuch des RSB, aus seiner Solidität ein Markenzeichen zu machen, würdigte er auf PR-Fotos mit skeptischen Blicken. Nur konsequent war es, dass Janowski seit Jahrzehnten die narzisstischen Anstrengungen moderner Regie nicht mehr musikalisch begleitet – bis er 2016 als Einspringer für Kirill Petrenko ein spätes Debüt bei den Bayreuther Festspielen gab. Man wünscht sich von Janowski, der ab Sommer die Dresdner Philharmoniker als Chef erziehen wird, noch viele solche Überraschungen.