Die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv ist Generalmusikdirektorin in Graz. In Berlin tritt sie im Pierre-Boulez-Saal auf.
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Dirigieren Frauen anders als Männer? Komponieren sie anders? Spielen sie anders Klavier oder Geige? Was an Musik könnte Ansatzpunkt für eine genderspezifische Differenz sein? In der Literatur mag man den weiblichen Ansatz an „Frauenthemen“ erkennen – aber damit bewegt sich die Betrachtung schon außerhalb der Form, die das eigentliche „Thema“ der Musik ist. Und was ist mit den Gefühlen, fühlen Frauen nicht anders?

Vielleicht, aber auch das Fühlen von Frauen wurde von der überwältigenden Mehrheit der Komponisten-Männer längst musikalisch kodifiziert, und noch hat sich keine Frau darüber beschwert, dass Händel, Mozart, Wagner oder Strauss es als Männer gewagt haben, das Gefühlsleben liebender, betrogener oder alternder Frauen darzustellen. Gegen diese jahrhundertelange von Männern geübte Definitionsarbeit – falls sie „männlich“ ist – muss ein „weiblicher“ Zugriff – sollte es ihn geben – erst einmal ankommen.

Die Dirigentinnen-Frage ist allein eine gesellschaftspolitische

Von der Warte der Form aus kann es uns vollkommen egal sein, ob Männlein oder Weiblein Musik macht. Die Dirigentinnen-Frage ist allein eine gesellschaftspolitische. Und hier besteht Reserviertheit gegen Dirigentinnen, zweifellos. An der Staatsoper haben Simone Young und Eun Sun Kim sich erste Sporen verdient und hat Alondra de la Parra ein Einspringer-Debüt gegeben. Und dennoch lässt man die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, Generalmusikdirektorin in Graz, nur im Pierre-Boulez-Saal auftreten mit einem Programm aus seltsamen Petitessen mit Prokofjews Symphonie Classique als Höhepunkt. Dabei verkörpert sie zudem die seltsame Schizophrenie deutschen Musiklebens: Die 1978 Geborene absolvierte in Dresden ein Aufbaustudium, lernte bei deutschen Dirigenten, war Assistentin bei den Bamberger Symphonikern, hat Stipendien ohne Ende bezogen – und dann erntet man diese Investitionen hierzulande nur in Kammermusiksälen?

Mirga Gražinyte-Tyla erhält da bessere Unterstützung, nämlich von Gidon Kremer, der sie nicht nur als Dirigentin seiner Kremerata Baltica einsetzt, sondern mit ihr auch Aufnahmen für die Deutsche Grammophon gemacht hat. Mirga Gražinyt, 1986 in Litauen geboren, hat ihre ersten Operndirigate in Osnabrück und Heidelberg absolviert, ist aber längst ein international hoch gehandelter Name – nicht zuletzt als Nachfolgerin von Simon Rattle und Andris Nelsons als Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra. Im Rahmen der Kremer-Hommage am Konzerthaus wird sie neben Schostakowitschs Erstem Klavierkonzert auch die Zweite Symphonie von Mieczysław Weinberg dirigieren, dem 1996 gestorbenen polnischen Komponisten, den bekannter zu machen Kremers großes Anliegen ist.

Klassische Musik: Ganz tot ist der Westen noch nicht

Polen, Litauen, Ukraine, Russland: Was wäre unser Musikleben ohne die großen Begabungen aus dem Osten Europas? Vielleicht wäre es – innovativer? Denn oft hat man doch den Eindruck einer Verwaltung des Repertoire-Stillstands auf gewiss höchstem Niveau. Auch Kremers Engagement für Weinberg gilt keinem Komponisten, der dem Hörer etwas Neues abverlangen würde – wie etwa die russische Komponistin Galina Ustwolskaja. Die sechs Klaviersonaten der Schostakowitsch-Schülerin sind anders als die sinfonischen Epen des Schostakowitsch-Adepten Weinberg Exerzitien in donnernder Kargheit, spirituelle Übungen von höchster Zuspitzung. Frauenmusik? Darauf würde vom Hören wohl niemand raten. Aufgeführt werden sie von dem Österreicher Markus Hinterhäuser, der im Nebenberuf Intendant der Salzburger Festspiele ist.

Der Komponist Edgar Varèse erhoffte sich Impulse weder aus dem Osten noch überhaupt aus Europa. Er ging in die USA, komponierte das krachend-brausende Orchesterwerk „Amériques“ und versuchte einen neuen, ingenieurshaften Komponistentyp zu etablieren. Belá Bartók war ebenfalls ein Freund reißbretthafter Klarheit – aber als er in die USA emigrierte, war ihm eher nach Rückschau zumute wie im Dritten Klavierkonzert. Beide Werke werden die Berliner Philharmoniker unter Leitung des fabelhaften François-Xavier Roth aufführen, am Sonnabend in der Late Night gibt es fast die gesamte Kammermusik von Varèse oben drauf. Ganz tot ist der Westen noch nicht.