Guy und Howard Lawrence treten unter dem Namen Disclosure auf.
Foto: Universal Music

Seit Anbeginn des vergangenen Jahrzehnts produzieren die Brüder Guy und Howard Lawrence unter dem Namen Disclosure höchst erfolgreich genau die Art von Tanzmusik, die man von zwei netten britischen Mittelklassejungs mit guter musikalischer Ausbildung erwarten würde: stilistisch vielfältig, immens gut produziert, voller dringlicher, aber niemals kontroverser Gastgesänge von Lorde bis The Weeknd – kurzum: Clubmusik für Guardian-Leser!

So auch auf ihrem dritten Album „Energy“, welches soeben erschienen ist. Neu dabei ist allerdings der Fokus auf HipHop, der hier dem gewohnten UK-Garage-House-Electro-Mix der Brüder unterlegt wird; so ist etwa im Stück „My High“ ein Rap-Duett des amerikanischen Trump-Kritikers Aminé und des wegen seiner Anti-Boris-Johnson-Tiraden bei Musikpreis-Zeremonien allseits beliebten Rappers Slowthai zu hören. Dazu entfalten sich Beats, die man einerseits als zappelig, andererseits auch als gepflegt bezeichnen könnte. An anderer Stelle wimmert der Chicagoer Rapper Mick Jenkins in knackig harmonisierende Autotune-Effekte hinein – auch dies ist eine direkt in die Beine gehende, aber dennoch an ihrer allzu ganzheitlichen Professionalität leidende Meditation über Tanz-Pop.

Disclosure: Wie eine Clubszene im Werbeclip

So entfaltet das Album schnell eine Art Metawirkung, wie sie einem Werk, das vier Jahrzehnte elektronischer Club-Musik verarbeitet und gleichzeitig in den Mainstream zielt, vielleicht zwangsläufig innewohnt. All das perfekt gefilterte Flirren und Pulsieren, all die toll gemischten Stimmen, all die optimal hüpfenden Synthie-Basslinien, die zwar gerne mal in den Vordergrund gezerrt werden, aber nie das Klangbild aus der Balance bringen, all dies wirkt weniger wie Musik, die in irgendeinem sinnesverlorenen Hier und Jetzt auf einer Tanzfläche stattfindet, sondern eher wie eine Clubszene in einem von sehr cleveren Creative Directors gedrehten Werbeclip.

Andererseits kommt man nicht umhin, die musikalische Raffinesse und das Studio-Know-how dieser Produktion zu bewundern. Und bewegen kann man sich dazu natürlich allemal: So macht Kelis’ druckvolles Umhergesoule das Stück „Watch Your Step“ zu einem neuen Meilenstein des Handtaschen-House – und beim perkussionsbetonten Titelstück „Energy“ fühlt man sich in lange zurückliegende Nächte im längst vergangenen Berliner Club WMF mit den DJs des Jazzanova-Kollektivs zurückversetzt.

Das Rohe, Unfertige, welches die Einflüsse von Disclosure ursprünglich auszeichnete und zu transzendentalen Club-Erfahrungen führte, ist hier jedoch ausgemerzt, ganz als wäre das Album das Ergebnis eines langwierigen Marktforschungsprozesses. Allerdings muss es sich um ein Testpublikum mit sehr viel Groove gehandelt haben.

Disclosure - „Energy“ (Island Records /Universal Music)