Gene Avery, Stormé DeLarverie, Dore Orr in der Doku "Disclosure".
Foto:  Netflix

BerlinDerzeit tobt in den USA ein gesellschaftlicher und kultureller Kampf. „Black Lives Matter“ und „I can't breathe“ sind zu Schlachtrufen geworden. Es geht um Anerkennung, gesellschaftliche Stellung und Schutz vor Übergriffen durch die Polizei und Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft. Ganz ähnlich wie den Afroamerikanern ergeht es transsexuellen Menschen, die noch immer Opfer von Vorurteilen und Ausgrenzung wirtschaftlicher und sozialer Art werden. Auch „hate crimes“ kommen immer wieder vor – die Zahl an Morden und Übergriffen gegen Transsexuelle ist nach wie vor hoch.

Und doch: es tut sich etwas. Politisch zwar weniger – immerhin hat US-Präsident Trump gerichtlich bestätigt bekommen, dass Trans-Personen vom Militärdienst ausgeschlossen werden dürfen –, aber doch in der Kultur: Transsexuelle werden nicht mehr nur als komische Figuren, sondern als ernsthafte Charaktere angesehen, erscheinen in Serien, Filmen und Büchern. Vom Wandel des (Hollywood-) Bildes von Transgender-Personen in Filmen und Serien handelt die neue Netflix-Dokumentation „Disclosure“ von Sam Feder, die im Januar, noch vor dem Corona-Ausbruch, ihre Premiere auf dem Sundance-Festival in Utah hatte. Alle Interviewten des Films sind Trans-Personen.

„Disclosure“, das heißt auf Deutsch Offenlegung. Man könnte es auch „Coming-Out“ nennen. Viele prominente schwule Männer und lesbische Frauen haben diesen schwierigen Prozess des „Herauskommens“ bereits hinter sich.

Doch bei transsexuellen Personen steht diese Entwicklung noch am Anfang: Nur wenige Prominente hierzulande treten offensiv gegen Gendergrenzen auf, und kaum ein Sender würde sich trauen, eine transsexuelle Person zur Hauptfigur zu machen. Die US-Amazon-Serie „Transparent“ versuchte genau das, das Time-Cover von 2014 mit der Schauspielerin Laverne Cox rückte das Thema mit der Schlagzeile „The Transgender Tipping Point“ (Der Transgender-Wendepunkt) ins Bild. Sportler Bruce Jenner wurde zu Caitlyn Jenner und für die Vanity Fair 2015 von Star-Fotografin Annie Leibowitz fotografiert.  Auch Lilly Wachowsky („The Matrix“) wird in „Diclosure“ als die wohl bekannteste Trans-Regisseurin der Welt interviewt.

Jedoch kommen nicht nur Prominente in der Neflix-Doku zu Wort, auch weniger bekannte Menschen wie Jamie Clayton aus „Sense8“ oder Rain Valdez aus der Serie „Sneaky Pete“ äußern sich zur Geschichte der kulturellen Repräsentation transsexueller Menschen. Diese ist seit Jahrzehnten, nicht nur in Hollywood, voller Klischees, kultureller Aneignung oder blanker Vorurteile, die oft und gerne reproduziert wurden. Schon zu Stummfilmzeiten, so zeigt es Regisseur Sam Feder, wurden Männer gerne in Frauenkleider gesteckt, manchmal sogar schwarz geschminkt, und waren meist lustig gemeinte oder tragische Figuren. Männer in Frauenkostümen, oder Frauen, die zu Männern wurden – mehr als „Crossdressing“ war von Hollywood lange Zeit nicht zu erwarten, selbst noch in den achtziger Jahren, als sich Barbara Streisand in den Jungen Anshel in „Yentl“ verwandelte.

Crossdressing in Hollywood: Dustin Hoffmann als Tootsie.
Foto: Imago

Dustin Hoffmann wurde zu „Tootsie“. Das „Crossdressing“ ließ Hollywood lange Zeit nicht los: Robin Williams spielte in „Mrs. Doubtfire“ eine lustig-unbeholfene Figur. Derlei Filme seien aber nicht grundsätzlich zu verdammen, sagt etwa Laverne Cox in der Doku. Sie als schwarze Transgender-Person habe beispielsweise „Yentl“ geliebt, auch wenn sie so rein gar nichts mit der jüdischen Welt des Mädchens Yentl zu tun habe.

Die Evolutionsgeschichte transsexueller Personen in Hollywood ist eine voller Rückschläge, aber auch zwiespältiger Erfolge: Die Serie „Transparent“ etwa, in der der Schauspieler Jeffrey Tambor zu „Moira“ wird und ein ganzes Kaleidoskop von Gefühlsschwankungen durchlebt, erkennen die Interviewten der Doku zwar an. Aber zukünftig wäre es doch besser, wenn transsexuelle Personen solche Rollen spielen würden, sagt etwa Darstellerin Trace Lysette. Sonst würden heterosexuelle Zuschauer auf ewig glauben, Transgender bedeute nur „Männer in Frauenkleidern“.

Etwas schade, wenn auch verständlich ist es, dass die deutsche Sichtweise in der Doku nicht auftaucht. Dabei gäbe es auch in Deutschland interessante Beispiele: „Viktor/Viktoria“ von 1933 war eine für die damalige Zeit progressive Komödie, die sogar die Nazis nicht verboten. Heinz Rühmann und Peter Alexander verwandelten sich in den spießigen 50er und 60er Jahren zu „Charleys Tante“.   Erst Jahrzehnte später versuchte Rosa von Praunheim bei uns das Thema in einer Doku anzugehen, allerdings ohne große Resonanz. Hier und da tauchen Trans-Personen im „Polizeiruf“ oder „Tatort“ auf, immerhin.

Wie es scheint, müssen die Anstöße für eine gesellschaftliche Entwicklung beim Transgender-Thema aus den USA kommen, wo in einer ganzen Reihe von Serien der Streamingdienste eine oder mehrere Transpersonen tragende Rollen übernahmen  („Pose“, „Stadtgeschichten“). Selbst diese Produktionen kommen nicht immer ohne Klischee aus, aber das gehört wohl zur gesellschaftlichen Entwicklung dazu. Oder, wie es eine der Schauspielerinnen in der Doku sagt: Wenn es mehr Trans-Charaktere und Rollen gäbe, dann müsste man nicht jede einzelne Darstellung so überbewerten. Hoffentlich haben Hollywood, aber auch die Produzenten hierzulande, diesen Ruf gehört.

Disclosure von Sam Feder und Amy Scholder, auf Netflix