Es gibt Märchen, die sind einfach und klar. Andere geben ihren Zauber nie ganz preis. Um ein solches handelt es sich bei „Die Schöne und das Biest“, einem französischen Volksmärchen, das seit siebzig Jahren Filmemacher inspiriert. Eine Fee verwandelt einen hartherzigen Prinzen in ein grässliches Ungeheuer. Eine junge Schöne muss dessen guten Kern finden, um den Fluch zu lösen. Der neuesten Verfilmung aus dem Hause Disney sah das potenzielle Publikum aufgeregt entgegen; die Klickzahl für den Trailer im Internet brach Rekorde.

Schon 1946 schuf der Dichter Jean Cocteau mit „Es war einmal“ einen Film, der Maßstäbe setzte. Düster sind seine Bilder, sein Ungeheuer wurde Vorbild vieler weiterer Bestien. Das russische Märchen „Die feuerrote Blume“ (1978) dagegen spiegelt das Hässliche fast ausschließlich im Erschrecken der lebensfrohen Schönen. Der Franzose Christophe Gans wandte sich 2014 an Erwachsene und übertrieb in Farbe und Dramatik. Der Disney-Zeichentrickfilm von 1991 wiederum war zwanzig Jahre lang der einzige animierte Film überhaupt, der für den Oscar in der Kategorie „Bester Film“ nominiert worden ist (dann folgte „Oben“).

Es ist eine Rolle, die zu Emma Watson passt

Nun bringt Disney also eine Neufassung heraus und setzt damit die Beatmung seiner Klassiker fort. Nachdem Angelina Jolie Dornröschens böse Fee war („Maleficent“, 2014), Lily James Aschenputtel spielte („Cinderella“, 2015), lebendig aussehende Tiere und ein echtes Menschenkind durchs „Dschungelbuch“ (2016) zogen, tritt in „Die Schöne und das Biest“ Emma Watson in der weiblichen Titelrolle an. Einige berühmte Kollegen von ihr, deren Namen auf der Besetzungsliste stehen, sind die meiste Zeit allerdings nur in der Originalfassung zu hören und kaum zu sehen. Emma Thompson singt und spricht die verwandelte Teekanne. Ewan McGregors Lächeln versteckt sich im Grinsegesicht des Kerzenleuchters Lumière.

Der Regisseur Bill Condon umreißt in der Rahmenhandlung im Dorf Belles Charakter in prägnanten Momenten: Sie bastelt eine Anlage, um das Waschen zu erleichtern, doch andere Dorfbewohner zerstören den Apparat – denn eine Frau hat sich Stück für Stück mit der Wäsche abzurackern. Sie lehrt ein kleines Mädchen das Lesen und wird von ihm fortgerissen – denn Bildung ist gefährlich. Als Belles Vater auf seiner Fahrt in die Stadt vom Wege abkommt und im Schloss des verzauberten Prinzen landet, ist es nur logisch, dass Belle nicht Hilfe bei irgendwelchen Kerlen sucht. Sie selbst spürt den Vater auf und begibt sich für ihn in die Hände der Bestie. Der Rest ist bekannt: Die Schöne braucht eine Weile, bis sie das Ungeheuer erträgt. In einer Schlüsselszene ist es die geteilte Freude an Büchern und am Lesen, die beide einander näher bringt. Für diese eindeutige Botschaft verdient die Neufassung höchstes Lob.

Condon erweist dem von Fans verehrten Disney-Vorgänger Respekt und dreht ganze Szenen aus dem gezeichneten Film in sorgfältig gebauten Kulissen mit tollen Kostümen nach. Und um das Geheimnis zu lüften: Seine Hauptdarstellerin übertrifft das Original, weil sie mit ihrem ganzen Wesen Sorge und Hingabe zeigen kann, Ärger und Ehrgeiz. Es ist eine Rolle, die zu Emma Watson passt. Sie hat diese strahlende Schönheit, sie ist jenseits der Leinwand als kluge und selbstbewusste Frau bekannt.

Die alten Melodien erklingen neu

Als Prinz agiert neben ihr Dan Stevens (Matthew aus „Downton Abbey“) recht fad. Das Ungeheuer, das er für den Dreh spielte – oft auf Stelzen! – und durch ein computergeneriertes Wesen ersetzt wurde, wirkt viel interessanter. Sein behaartes Gesicht deutet auf das Innenleben der verzauberten Kreatur. Auch Kevin Kline als Belles Vater hat wenig Möglichkeiten, sich auszudrücken. Und Luke Evans als Frauenheld Gaston wandelt sich schroff vom Charmeur zum Gekränkten. Die Szene, in der sein Gefährte LeFou (Josh Gad) sich als schwul outet, ist so kurz, dass man sie als Mitteleuropäer leicht übersieht. In weniger aufgeklärten Gesellschaften jedoch sorgte die Sequenz vorab für Schlagzeilen.

Die größten Erwartungen richteten sich naturgemäß an die musikalische Gestaltung. Mitreißend sind die Massenszenen dirigiert und choreografiert. Viele der alten Disney-Melodien erklingen neu; nicht perfekt, aber mit Leidenschaft gesungen. Sie verleiten zum Träumen von einer Welt, in der die Guten siegen. Da kommen „La La Land“-Gefühle auf. Und wenn die Mitglieder der Oscar-Academy mit ihren Herzen zu hören imstande sind, werden sie dieser Filmmusik im nächsten Jahr wieder eine Chance einräumen. Bester Film wurde die 1991er-Fassung zwar nicht, prämiert wurde sie aber für den Besten Song und die Beste Filmmusik.