Leipzig - In der nächsten Woche kommt ein Film in die Kinos, der eine unglaubliche Geschichte erzählt. Sie spielt im Taï-Nationalpark im Südwesten der Elfenbeinküste und handelt von einem jungen Schimpansen, der zunächst unbeschwerte Tage im Schoße eines Affenclans verbringt. Oskar, wie das Tier genannt wird, verlebt viel Zeit mit seiner Mutter Isha, er lernt von ihr, wie man Nüsse knackt, wobei er manchen Fehlversuch zu verkraften hat. Er tobt mit den anderen Halbwüchsigen durch den Regenwald, er führt ein glückliches Affenleben, bis er eines Tages beim Angriff einer rivalisierenden Schimpansengruppe seine Mutter verliert.

Nun ist Oskar auf sich allein gestellt. Er magert ab, wird immer schwächer, droht zu verhungern. Doch dann nimmt sich Freddy, der Chef der Gruppe, des Jungen an. Er gewährt Oskar sogar Platz auf seinem Rücken und trägt ihn durch den Urwald, wie es sonst meist nur die Mütter tun. Am Ende des Films sieht man, wie Oskar sich mit seinen dünnen Ärmchen an ihn klammert. Was für ein Bild, was für eine Moral – das mächtige Alphatier adoptiert ein Waisenkind.

Und was für ein Glück für die britischen Filmemacher Alastair Fothergill und Mark Linfield, denen diese wundervolle Story im Urwald begegnet ist. „Über Monate hinweg unter extremen Bedingungen gedreht, erzählt ‚Schimpansen‘ eine wahre, einzigartige Geschichte, die von der Natur geschrieben wurde.“ So ist es im Pressetext zu lesen. Produziert wurde der Film im Auftrag des amerikanischen Disney-Konzerns, der sich mit seinem Label Disneynature der anspruchsvollen Naturbetrachtung widmen möchte.

Nicht zuletzt aus Gründen der Seriosität griffen die Regisseure bei ihren Dreharbeiten auf die Expertise des Schweizer Biologen Christophe Boesch, 61, zurück, der seit 1997 am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Abteilung Primatologie leitet. Zeit seines gesamten Wissenschaftslebens beschäftigt sich Boesch bereits mit frei lebenden Menschenaffen, für seine Diplomarbeit hat er in den frühen Siebzigerjahren bei Dian Fossey in Ruanda die Zählung der Berggorillas organisiert. Neben der Britin Jane Goodall und dem Holländer Frans de Waal zählt er heute zu den renommiertesten Schimpansenforschern weltweit.

Boesch fungierte bei der Produktion als wissenschaftlicher Hauptberater, die Aufnahmen entstanden in jenem Gebiet des Taï-Nationalparks, in dem er seit mehr als dreißig Jahren seine Studien an Schimpansen betreibt. Wissenschaftliche Arbeit wird von der Öffentlichkeit zumeist kaum wahrgenommen. Was für eine Gelegenheit. Das Max-Planck-Institut wirbt auf seiner Website gleich seitenweise für den Film und die „Taï-Schimpansen als Hollywoodstars“, wie das Foto eines jungen Schimpansen untertitelt ist, bei dem man bis vor Kurzem noch dachte, dass dies Oskar sei.

Tod nach sieben Monaten

Aber nun ist keineswegs mehr so sicher, wer einen dort so keck anschaut. In einem Beitrag des Magazins Spiegel gibt Christophe Boesch zu, dass die Geschichte konstruiert sei und der Star des Films von fünf verschiedenen Schimpansen gespielt wurde. Ein glückliches Ende gibt es, zumindest für einen von ihnen, auch nicht. Der Affe, dessen Adoption das emotionale Zentrum des Films bildet, hat diesen fürsorglichen Akt in Wahrheit nicht lange überlebt. So gern man dieser unglaublichen Geschichte im Dunkel des Kinos folgen wollte, bei Lichte besehen ist sie eben genau das: unglaublich.

Nun hätte man von Disney auch nichts anderes als ein Märchen erwarten dürfen. Sie machen das seit achtzig Jahren, und sie machen es perfekt, wieder einmal. Wenn allerdings ein angesehener Primatenforscher wie Boesch einen Pakt mit Bambi schließt, stellt sich schon die Frage, wie weit sich ein Wissenschaftler der Fabulierungskunst des Unterhaltungskonzerns beugen darf, ohne seine Reputation aufs Spiel zu setzen.

Auch darüber haben wir mit Christophe Boesch gesprochen, als wir ihn am 10. April in seinem Leipziger Büro zu einem ausführlichen Interview trafen, das sich nicht nur um den Film drehte, sondern auch seine Forschungsarbeit in Afrika thematisierte und das Überleben der Schimpansen als bedrohte Art ansprach. Eine Frage jedoch stand ganz oben: „Wie geht es Oskar?“

Christophe Boesch hätte darauf antworten können, dass Adoptionen in knapp der Hälfte der von ihm dokumentierten Fälle dem Jungtier nur relativ kurze Zeit ein Überleben sichern. Er hätte sagen können: Das eine ist die Geschichte, das andere ist die Realität. Er hätte darauf hinweisen können, dass der adoptierte Affe, den der Film Oskar nennt, in Wirklichkeit Victor hieß und dass er sieben Monate nach der Adoption gestorben ist, noch während der Dreharbeiten.

Er hätte auch erwähnen können, dass Disney der Name Victor zu erwachsen klang und sie für das globale Marketing etwas Kindgerechtes wollten, Oskar eben. Das alles könnte ihm durch den Kopf gegangen sein, geantwortet hat Boesch wie folgt: „Oskar geht es gut. Er ist jetzt ungefähr acht Jahre alt, und es klappt inzwischen auch mit den Nüssen, das hat er gelernt. Er ist dadurch bei der Nahrungssuche viel weniger abhängig von Freddy. Männliche Schimpansen werden mit fünfzehn erwachsen. Er hat die Hälfte des Weges geschafft.“

Einer der fünf Schimpansen, die sich die Hauptrolle teilen, wie man nunmehr weiß, heißt wohl tatsächlich Oskar. Vielleicht ist es sogar der mit den Problemen beim Nüsseknacken. Doch dürfte Boesch klar gewesen sein, worauf die Frage zielte, auf das weitere Schicksal des adoptierten Affen natürlich. Er hat sich in dem Gespräch dazu entschieden, nicht vom erdichteten Pressetext abzuweichen und legte damit seine Aufgabe als wissenschaftlicher Berater des Films recht großzügig aus. Letztlich wird die Täuschung des Publikums durch Boeschs Worte auch noch wissenschaftlich beglaubigt.

Dass die Rahmenhandlung des Films aus der Disney-Kiste stammt, kann selbst dem gutwilligsten Zuschauer nicht verborgen bleiben. Der Chef der gegnerischen Schimpansen heißt hier ausgerechnet Scar. Dieser Name ist den Kindern noch aus dem „König der Löwen“ vertraut. Der Konflikt zwischen den verfeindeten Clans vermenschlicht die Tiere auf eine problematische Weise, zumal in Situationen, deren Verlauf allzu konstruiert erscheint. Daher die Frage: „Die Geschichte folgt der Dramaturgie eines Familienfilms. Da gibt es die Guten, die Bösen und zum Schluss ein Happy End. Tiere in Freiheit lassen sich schwer in ein Szenario einbinden. Haben Sie ein wenig getrickst?“

Christophe Boesch hätte darauf antworten können, dass diese Art von Naturfilmen immer einen Kompromiss zwischen Tatsachenbeobachtung und dramatischer Verdichtung ist. Er hätte sagen können, dass es bei den Schimpansen naturgemäß keine „Guten“ und keine „Bösen“ gibt, dass solche Beschreibung ein Zugeständnis an die Sehgewohnheiten der Zuschauer sei.

Er hätte beim Thema Tricksen ruhig auch auf die Szenen mit den angreifenden Schimpansen eingehen können, hatte doch die Max-Planck-Gesellschaft auf ihrer Website in einem Begleittext zum Film längst eingeräumt: „,Dieser Kampf hat so nie stattgefunden. Die Gruppen konnten gar nicht aufeinander stoßen’, plaudert Deschner aus dem Nähkästchen. Während Freddys Gruppe im Taï-Nationalpark beheimatet sei, lebe die Bande von Scar in Ngogo im Kibale-Nationalpark in Uganda.“ Tobias Deschner ist ein Forschungskollege von Christophe Boesch.

Interview wird nicht veröffentlicht

Dieser ließ das Nähkästchen während unseres Interviews vorsorglich geschlossen. Der wissenschaftliche Fachberater des Films „Schimpansen“ antwortete, wie es Disney gefällt: „Wenn Sie Naturfilme drehen, können Sie sich schöne Geschichten ausdenken, am Ende bestimmen die Tiere die Handlung. Dass Oskar seine Mutter verliert, haben wir nicht vorhergesehen. Und auch nicht, dass er adoptiert wird. Das haben die Schimpansen entschieden. Ich kann mir vorstellen, dass der Film für Sie etwas Disney-typisch aussieht, aber er zeigt das, was im Wald passiert ist.“

Angesichts solcher Aussagen haben wir uns entschlossen, das Interview mit Christophe Boesch, das am Wochenende erscheinen sollte, nicht zu veröffentlichen.

Was bringt einen Wissenschaftler dazu, sich als Filmpromoter derart zu verbiegen? Ist es Unerfahrenheit, Eitelkeit? Oder ist es der wachsende Druck auf die Forschungseinrichtungen, nicht bloß öffentliche Wahrnehmung zu finden, sondern auch private Gelder? Ein Teil der Einnahmen in der Startwoche des Films geht an Boeschs Schimpansen-Stiftung. Sein wichtigstes Anliegen ist es sicher, bei einem Massenpublikum das Bewusstsein für die Einzigartigkeit der vom Aussterben bedrohten Menschenaffen zu schärfen. Eine Fernsehserie wie „Unser Charly“ hat bei vielen dazu beigetragen, das Trugbild vom lustigen Äffchen zu zeichnen. Das Tragische an Boeschs Bemühungen ist nun, dass Oskar, oder wie immer er heißen mag, durch die Verschleierung der eigentlichen Geschichte als eine Art Charly des Urwalds durch die Gegend hüpft. Auch er wird als Figur instrumentalisiert, hier wenigstens im Auftrag einer noblen Idee.

Doch rückt diese Idee im publizistischen Trubel um den Wahrheitsgehalt der Story nun leider in den Hintergrund. Christophe Boesch hat inzwischen auf die Vorhaltungen im Spiegel und auf Nachfragen dieser Zeitung reagiert. Er räumt jetzt ein, dass „Schimpansen“ ein Spielfilm sei. Dennoch sei die Handlung nicht erfunden.

Drama statt Information

Als Spielfilm ist „Schimpansen“ durchaus sehenswert. Der Regisseur Alastair Fothergill, der viele Naturfilme für die BBC betreut hat, entging hier der Gefahr, der er noch bei dem Tiefsee-Spektakel „Deep Blue“ erlegen war: nämlich durch visuelle Dauersensationen und überladenen Musikeinsatz das Eigengewicht der Geschichte zu ersticken. „Schimpansen“ ist bei aller Verniedlichung, die insbesondere im infantilen Kommentar zum Ausdruck kommt, immer noch sehr informativ. Dass man dieser Geschichte aus dem Affenclan so vertrauensvoll – um nicht zu sagen zutraulich – folgt, hat vor allem mit dem Eindruck einer unverwechselbaren Identität der Affen zu tun. Jeder für sich ist ein Charakterkopf. Bei dem einen ist der Oberkiefer platt gedrückt, beim nächsten stark gewölbt. Die Lippen können glatt oder ausgefranst sein. Die Stellung der Augen gibt dem Antlitz – so muss man es nennen – einen zutiefst individuellen Charakter.

Selbst wer sich lediglich durch Tiersendungen im Fernsehen oder durch die Wissenschaftsseiten von Tageszeitungen informiert, weiß, zu welch komplexen Leistungen Schimpansen in der Lage sind: Sie können vorausschauend planen, sie haben also ein ausgeprägtes Zeitbewusstsein; und sie sind in der Lage, das Verhalten sowohl von Artgenossen wie von artfremden Tieren einzukalkulieren. Deshalb erscheinen sowohl die Szenen einer kollektiven Jagd als auch die geschilderte Adoption in dem Film plausibel, was dazu geführt hat, dass sie zunächst niemand in Zweifel zog.

Der Film würde wenig von seiner Wirkung verlieren, wenn man im Vorspann oder durch einen Kommentar klarstellte, dass diese Geschichte sich nicht so wie hier gezeigt abgespielt hat, sich aber so hätte abspielen können. Selbst eine vergleichsweise bescheidene Produktion wie die über den sogenannten Problembären Bruno am vergangenen Montag in der ARD sparte nicht mit dem wiederholten Hinweis darauf, welche Bilder tatsächlich Bruno zeigten.

Der französische Regisseur Luc Jacquet hatte 2007 großen Erfolg mit dem Spielfilm „Der Fuchs und das Mädchen“. Aber erstens wurde nie verdeckt, dass es sich bei der Freundschaft zwischen der elfjährigen Schülerin Lila und einer Füchsin um reine Erfindung handelte. Und zweitens informierte der Drehstab die Öffentlichkeit darüber, dass man den Charakter der Füchsin aus mehreren Tieren zusammengesetzt und dabei sowohl in Frankreich wie in Norditalien gedreht habe. Auch bei der „Geschichte vom weinenden Kamel“, die das Regieduo Byambasuren Davaa und Luigi Falorni 2002 in der Mongolei gedreht hat, war klar, dass sich hier Dokumentation und Fiktion zu einem wunderschönen Märchen ergänzen. Solange dieses Verfahren transparent bleibt, ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden.

Doch in Naturfilmen geschieht heute vielfach das gleiche wie in historischen Dokumentarfilmen: Information wird nicht illustriert, sondern dramatisiert. Wie in der Schul- und Museumspädagogik greift auch im Film die Angst vor Anstrengung und Langeweile bei der Wissensvermittlung um sich, so dass schließlich das Erleben höher bewertet wird als das Verstehen. Selten einmal verzichten die Filmemacher darauf, Bambi-Niedlichkeit zu erzeugen oder den Schrecken nach dem Muster von „Der weiße Hai“ als Genussmittel einzusetzen.

Einen ganz anderen Weg schlugen Christian Rost und Claus Strigel kürzlich mit ihrer Dokumentation „Unter Menschen“ ein, die dem Schicksal von Schimpansen nachgingen, die beim österreichischen Pharmakonzern Immuno jahrelang als Versuchstiere dienten und die meiste Zeit in Einzelkäfigen gehalten wurden. Die behutsame Resozialisierung der psychisch verstörten und durch Viren infizierten Tiere durch aufopferungsvolle Pflegerinnen wurde mit der Reflexion über Schuld und Verantwortung des Menschen gegenüber den Tieren verbunden. Weitestgehend kommentarlos gehalten, mutet der Film den Zuschauern einiges zu. In einer Vorstellung im Berliner Kino Babylon verloren sich denn auch kurz nach dem Filmstart nur sechs Besucher.

Disney muss sich um volle Kinosäle keine Gedanken machen. „Schimpansen“ ist ein Kinderfilm mit einer rührenden Geschichte und spektakulären Bildern. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.