Ein riesiges Loch tut sich im Jenseits auf. Hunderte von Seelen stürzen sich Sekunde für Sekunden in dieses Portal, das Richtung Erde und damit Richtung Leben führt. Allein der Musiklehrer Joe (im Original gesprochen von Jamie Foxx) und die junge, noch namenlose Seele neben ihm schaffen den Absprung nicht.

Die im Original von Tina Fey gesprochene Seele wird von den Kindergärtnern des Himmels einfach „22“ genannt. Sie ist eine Seele ohne Körper. Eigentlich hat sie alles was sie braucht, um den Absprung zu machen und ihr Leben auf der Erde zu beginnen. Allein der sogenannte Funke fehlt ihr. Joe hingegen hat seinen Funken, den Jazz, gerade erst wiederentdeckt, im Freudentaumel darüber aber das irdische Leben beim Fall in einen Kanalisationsschacht verloren. Kaum hat der Lehrer sich einen Platz in der Band der Jazz-Ikone Dorothea Williams (Angela Bassett) erspielt, findet er sich plötzlich im Jenseits wieder. Joe sieht das nicht ein und landet nach seiner Flucht vor dem Tod im „Davorseits“, dort, wo junge Seelen wie 22 auf den Sprung ins Leben warten. Eine Seele, die nicht bereit ist für das Jenseits, trifft also auf eine Seele, die nicht bereit ist für das Diesseits.

Das klassische Pixar-Rezept, nach dem konzeptionell angelegte Figuren in das perfekt geplante Chaos stürzen, setzt sich auch im 23. Film des Animationsstudios fort. „Soul“ ist eine Rückkehr zu den alten Stärken von Pixar. Diese lagen schon immer in der Kunst, ein auf den ersten Blick schwer beladenes Thema – in diesem Fall ist es, schlicht ausgedrückt, der Sinn des Lebens – mit Humor und ästhetischer Feinfühligkeit in Bewegung zu bringen. Dem Regieduo Pete Docter und Kemp Powers gelingt das ganz ausgezeichnet. „Soul“ steuert zwar mehrmals auf abgedroschene Aphorismen zu, bleibt aber im entscheidenden Augenblick immer fluide genug, um metaphysische Fragen einzukreisen, ohne sich in Gemeinplätzen zu verheddern.

Identitäten werden durcheinander gewirbelt, Perspektiven gewechselt und das Leben neu entdeckt. 22 landet in Joes Körper, Joe landet im Körper einer Katze, beide sehen die Welt durch neue Augen. Die junge Seele und alte Seele lernen die Welt jenseits des Alltagstrotts kennen, den Joe vor seinem vorzeitigen Ableben allzu oft spüren musste. Die Pizza schmeckt plötzlich fantastisch, das Metallgeländer wird zum haptischen Erlebnis, der Fall eines Ahornsamens zum einmaligen Schauspiel. Mit den dazugehörigen Animationen ringt der Film den prosaischen Sinneseindrücken immer wieder neue Reize ab. „Soul“ formuliert damit weniger Lebensweisheiten als sie als tatsächlich erlebbar zu machen. Wie das geht, wissen die jüngsten Seelen meist am besten – man muss sich einfach zusammen ins Leben stürzen.

Soul USA 2020; Regie: Pete Docter, Kemp Powers; Sprecher: Jamie Foxx, Tina Fey, Angela Bassett, u.A. , 100 Min. , Farbe; FSK: 0, zu finden auf dem Streamingdienst Disney+.