Die Volksgenossen sind den Nazis in den Bayreuther Gratisvorstellungen der Wagner-Oper „Meistersinger von Nürnberg“ massenhaft und regelmäßig eingeschlafen. Gerade 1943, als der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, war das offenbar nicht die Unterhaltung, die gerade  gebraucht wurde. Aber die beim Volk beliebte Unterhaltungsmusik stammte von sogenannten Negern –  das sollte  ja nun auch nicht sein. So wandte man sich an den Gitarristen Django Reinhardt, der im besetzten Paris greifbar schien, den europäischen Jazz verkörperte und zum Glück auf das  seitens der Nazis verhasste Saxophon verzichtete.

Der Wille zur Verpflichtung Django Reinhardts, der 1910 in Belgien als Sohn französischer Sinti geboren wurde, bleibt dennoch eine Kuriosität nationalsozialistischer Kulturpolitik, die doch zunächst darauf abzielte, den Einfluss „fremder Rassen“ zu unterbinden. In Étienne Comars Regiedebüt „Django“, der am Abend als Wettbewerbsfilm die 67. Berlinale eröffnete, treffen wir auf einen Mann, der sich neben seiner Musik vor allem für sich selbst interessiert und das Interesse der Boches in ihren Uniformen angesichts seiner zweifellosen Genialität für angemessen hält.

Das Problem ist für ihn weniger, dass ihn das schiere Böse zu umklammern versucht, sondern dass es ihn künstlerisch beschränken will: In amüsanter Karikatur deutscher Gründlichkeit schreibt der Vertrag vor, dass auf „undeutsche Instrumente“ wie Kuhglocken zu verzichten sei, der Bass nicht gezupft, sondern mit dem Bogen gestrichen werden müsse, und der Anteil an synkopierten Rhythmen auf zwanzig Prozent zu reduzieren sei. Mit so einem Knebelvertrag wischt sich Django nur das Fett aus den Mundwinkeln.

Das Lachen wird ihm im Laufe des Films vergehen. Spätestens als ihn die Polizei  abholt und gefangen setzt, um ihn danach einer demütigenden, rassistischen Anthropometrie zu unterziehen, in der ein linientreuer Mediziner seine verbrannte Hand mit gelähmten Außenfingern als typisches Degenerationsmerkmal bezeichnet, beginnt er zu begreifen, was hier eigentlich vorgeht. Django versucht, mit seiner Band und Familie in die Schweiz zu fliehen, wird aber auch an der französischen Grenze von den Nazis ausfindig gemacht und zur Tafelmusik beim großen Bonzentreffen in einer  Villa  verpflichtet.

Blonde Verführerin à la Film noir

Comar, der bislang erfolgreich als Filmproduzent tätig war (siehe Seite 22), erfindet das Biopic in „Django“ nicht neu, aber er meistert es durchaus kraftvoll und durchdacht. So erscheint der Anfang mit den Sinti im Ardennen-Wald ein arges Klischee zu sein: Arm, aber frei, ganz dem Moment hingegeben musizieren sie wie die Vögel in den Bäumen, der Nachwuchs streift umher und sammelt Holz fürs Lagerfeuer. Bis dann eine Pistole ins Bild ragt und einem der Jungen an die Schläfe gesetzt wird – wenig später hallen Schüsse durch den Wald, die Jungen fliehen, einer der Musiker wird mitten im Gesang erschossen.

Diese Szene sagt zunächst: Hier besteht Lebensgefahr. Aber falls man derart bittere Momente poetologisch auswerten darf, zeigt sie auch, dass hier ein Regisseur sehr bewusst mit topischen Sujets umgeht: Nazis, „Zigeuner“ (so nennen sie sich selbst im Film), geniale Künstler, undurchsichtige Frauen werden hier zunächst als vertraute Motive vorgeführt, um dann genauer betrachtet zu werden. Cécile de France etwa spielt die fiktive Rolle der blonden Verführerin à la Film noir, die sich nach und nach als willensstarke Résistance-Spionin und am Ende als zutiefst liebende Frau entpuppt. Die Nazis wiederum haben hier ungewöhnlich zivilisierte Auftritte, nicht nur, weil sie alle fließend französisch sprechen; ihre Versuche zur Reglementierung des genialen Musikers wirken in ihrer Gleichzeitigkeit von Fachkenntnis und bornierter Beschränkung eher hilflos als barbarisch. Umso krasser fällt es ins Gewicht, wenn sie den Wohnwagenkreis der Sinti  abfackeln.

Darin ist Comars Film am Ende doch eine künstlerische Wohltat: Er schlachtet die bekannten Schauplätze, die bekannten Handlungen nicht aus; er  versucht das unzählige Male Gefilmte nicht zu überbieten, um womöglich die visuelle Drastik mit historischem „So-war-es-nun-mal“ scheinheilig zu entschuldigen. Indem  er mehr andeutet als zeigt, rechnet der Regisseur mit der Intelligenz und Einbildungskraft seines Publikums.

Mitreißende Konzertszene

„Django“ ist außerdem einer der wenigen Musiker-Filme, in denen man sich auch als Sachverständiger nicht zu schämen braucht, weil die fachliche Sphäre ziemlich akkurat ins Bild gesetzt wird. Reda Kateb spielt die Titelfigur hinreißend, aber nicht als ekstatischen Traumtänzer, sondern als durchaus selbstgefälligen Menschen, der sich langsam aus seiner geistigen Beschränkung auf die Kunst herausarbeitet. In der ersten, langen, aber auch mitreißend gefilmten Konzertszene sieht man ihn arrogant grinsen, wenn er seinen beiden gesunden Fingern beim Tanz übers Griffbrett zuschaut; gleichzeitig sieht man die Konzentration, die sein brillantes Solospiel erfordert. Gerade in ihrer Wirklichkeitsnähe, in ihrer Betonung des Gemachten gegenüber dem Faszinierenden vermögen die Musikszenen zu fesseln.

Lediglich gegen Ende überdehnt Comar das Thesenhafte, wenn Reinhardt 1945 sein Requiem für die ermordeten Zigeuner aufführt: Ganz glaubwürdig wirkt diese Wandlung zum politisch bewussten Künstler nicht, nachdem er noch fünf Minuten vorher seine schwangere Frau und seine alte Mutter auf der Flucht zurückgelassen hat. Außerdem ist die aus wenigen erhaltenen Takten arrangierte Musik so lasch ausgefallen, dass sie nie und nimmer von Django Reinhardt sein kann.

Dennoch hätte Dieter Kosslick kaum einen besseren Film finden können, um das Berliner Filmfestival zu eröffnen: „Vielleicht sind es ja die Geschichten von starken Individuen und die Ideen herausragender Künstler, die an die Stelle der großen Utopien treten“, schrieb der  Berlinale-Direktor ins Editorial des Programms. In „Django“ wird keine Utopie entworfen, sondern gezeigt, wie ein Künstler als Idealfigur des Individualisten angesichts einer bösen Übermacht überlebt. In der Tat: Ist heute noch mehr zu erwarten? Aber wenn dem so ist: Was ist daran noch politisch?

Django 10.2.: Friedrichstadt-Palast (14.30 Uhr und 17.30 Uhr); 11.2.: Bundesplatzkino (18 Uhr) 16.2.: Haus der Berliner Festspiele (18.30 Uhr)