Dmitrij Kapitelman an der Oberbaumbrücke in Berlin.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinEigentlich lebt Dmitrij Kapitelman in Frankfurt am Main, aber dieser Tage hat er in Berlin zu tun. Wir treffen uns am Bahnhof Warschauer Straße. Er steht schon da, als ich ankomme. Weil es dort zu laut ist, gehen wir ans Spreeufer in Kreuzberg. Auf dem Weg dorthin sprechen wir über Tiere. Er habe durch den Hund seiner Familie Verantwortung gelernt.

Berliner Zeitung: Lieber Herr Kapitelman, vor ein paar Tagen kam die Einladung zur Bundespressekonferenz. Monika Grütters, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein und Josef Schuster vom Zentralrat der Juden wollen über jüdisches Leben in Deutschland ein Jahr nach dem Anschlag in Halle sprechen. Wie ist das denn, jüdisches Leben in Deutschland?

Dmitrij Kapitelman: Ist das die erste Frage?

Okay, wir fangen von Anfang an. Sie sind als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen und 1994 in Ostdeutschland gelandet. Da waren Sie acht. Wie war das?

Das war ein großes Abenteuer. Ein Ausflug mit vielen Koffern. Natürlich ahnt man nicht, dass da ein Schritt passiert, der für immer das Leben und die Familiengeschichte verändert. Es gab die große Verheißung von Germanija. Das war aber vor allem eine Drohkulisse: „Wenn du in Germanija nicht die ganze Zeit lernst, dann wird nichts aus dir“, hieß es. Und die Oma krakeelte von der Seite: „Nicht mal als Kloputzer werden sie dich da nehmen.“

In so ein Land will man doch nicht als Kind, oder? 

Das stimmt. Aber meine Eltern waren aufgeregt, also war ich auch aufgeregt.

Ihnen ist die kleine sächsische Stadt Meerane zugeteilt worden. Waren Sie dort ein Außenseiter?

Naja. Das Heym, wie wir das Asylheim genannt haben, mit Ypsilon, weil das jüdischer klingt, war eigentlich ein angenehmer Ort. Nebendran gab es eine Kuhweide. Und da war ein unterbeschäftigter Polizist namens Karsten, der irgendwann mit allen Schach gespielt hat. Die Außenseitergeschichte hat man so nicht gespürt, weil es diese Heym-Gemeinschaft gab. Eigentlich war das Leben sogar plötzlich viel geselliger. Ich habe es erst gemerkt, als ich an eine deutsche Grundschule kam. Die sprechen eine andere Sprache. Allen ist klar, dass du anders bist. Ich kann mich noch erinnern, als Zeugnisse verteilt wurden. Ich wusste nicht, was das ist. Es gab keine Zensuren, sondern kleine Beschreibungen, wie man sich so macht. Bei mir stand nicht so viel Positives drin.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Dmitrij Kapitelman, geboren 1986 in Kiew, kam 1994 als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Leipzig und besuchte danach die Deutsche Journalistenschule in München. Er lebt als freier Autor in Frankfurt am Main.

2016 erschien von ihm sein Romandebüt „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ (Hanser), er äußert sich in dem gerade erschienenen Buch „Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“ (Hrsg. von Lydia Lierke und Massimo Perinelli, Verbrecher-Verlag). Anfang 2021 erscheint bei Hanser sein zweiter Roman.

Was stand denn drin?

Dass ich mich weigere, Hilfe anzunehmen und meine eigene Arbeitsweise bevorzuge. (lacht) Irgendwas über meinen Starrsinn. Diese Beurteilungen wurden verlesen, bei allen wurde applaudiert, nur bei mir eher nicht so. Da habe ich gemerkt: „Offenbar hast Du dieses Spiel nicht gewonnen, Dima.“ Da hat es mir zum ersten Mal gedämmert: „Wir sind anders, wir sind fremd. Und nicht jeder mag uns.“ Was sich seit damals wie ein roter Faden durchs Leben zieht: Ich muss eigene Entscheidungen treffen. Ich konnte nicht zu meinen Eltern gehen und fragen: „Wie läuft das hier?“ Die konnten mir auch nicht bei den Deutsch-Hausaufgaben helfen. Das klingt vielleicht banal, aber das ist es nicht. Denn die Eltern sind eigentlich die Institution, die einem sonst immer zu helfen weiß.

Ein Jahr später zog Ihre Familie nach Leipzig-Grünau, eine riesige Plattenbausiedlung. Wie war es dort?

Das war eine andere Welt. Wir waren erst ein paar Wochen dort, da saß ich auf dem Spielplatz, gegenüber unserem Elfgeschosser, eine Wand von Häusern. Vor einem dieser Häuser lag ein Mann, der zusammengeschlagen worden war. Von Nazis. Ich glaube, er war sogar selber ein Nazi. Der lag da blutend. Und keinen hat es interessiert. Ich habe niemanden gefragt, warum der da liegt und warum ihm keiner aufhilft. Aber es hat mich fertiggemacht. In der Schule wusste ich nicht, ob ich unbeliebt bin, weil ich einen leichten russischen Akzent habe. Irgendwann habe ich mich an meinen Vater gewandt – und er hat gesagt: „Die Leute werden nie vergessen, dass du Einwanderer bist.“ Aber ich wollte das gar nicht hören. Du willst so nicht aufwachsen. Du willst, dass die Jungs, mit denen du gerade Fußball gespielt hast, deine Freunde werden.

Sie waren neun, wussten Sie damals schon, was Nazis sind?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich das verstanden habe. Innerhalb der Plattenbaufluchten gab es grüne Innenhöfe. Da haben wir Fußball gespielt. Ich weiß noch, dass mein großwüchsiger Freund Felix und ich gekickt haben und dann diese Jungs dazukamen. Die hatten alle keine Haare, und sie hatten diese komischen Stiefel, mit denen man eigentlich nicht Fußball spielen kann. Zwei, drei Jahre später habe ich verstanden: „Okay, du hast mit Neonazis gespielt.“ Aber voll realisiert habe ich das Konzept Nazi erst, als ich in ein Alter kam, in dem man zusammenschlagbar wurde.

Welches Alter war das?

Wenn sich der erste Flaum bildet und man die ersten Anzeichen von Männlichkeit zeigt.

Sind Sie jemals zusammengeschlagen worden?

Nicht so richtig. Ich hatte ’ne Knarre am Kopf.

Was?!

Ja ja, mein Freund Benjamin und ich saßen am Kulkwitzer See und haben Eis gegessen. Da haben sie sich zu uns gesetzt und gesagt: „Wir wollen euch mal was zeigen.“ Einer hat sein Köfferchen aufgemacht, und die Knarre auf uns gehalten.

Dmitrij Kapitelman: „Unsere Nachbarin hatte einen Sticker an ihrer Tür, auf dem stand: ‚Rudolf Hess, Volksheld‘.“
Foto:  Benjamin Pritzkuleit

Sie sind blond und blauäugig.

Das ist egal. Wir hatten keine Glatze und keine Springerstiefel. Das hat in Grünau schon gereicht. Ich bin tausendmal weggerannt. Alle sind in dieser Zeit in Ostdeutschland ständig vor Neonazis weggerannt. Das war ostdeutsche Realität.

Haben Sie das Ihren Eltern erzählt?

Meistens nicht. Ich musste dann fürchten, dass ich abends nicht mehr raus darf. Aber sie waren ja nicht blind. Unsere Nachbarin hatte einen Sticker an ihrer Tür, auf dem stand: „Rudolf Hess, Volksheld“. Im siebten Stock haben die Neonazis jeden Freitag gefeiert.

Ihre Eltern wohnen ja immer noch in Leipzig. Auch in Grünau?

Nein, diese Häuser sind abgerissen worden. Zum Glück. Meine Freundin meinte neulich, sie wisse gar nicht, was die Leute immer gegen Neubauten haben. Aber für mich bedeuten Altbauten, dass an der Ecke keine Nazis stehen, die mich zusammenschlagen.

Wie ist die Situation jetzt in Leipzig? Hat sich da was geändert?

Natürlich rennen da keine Neonazis mehr herum und schlagen Leute tot. Das hat auch lange genug gedauert. Es war aber nicht der deutsche Sicherheitsapparat, der dafür gesorgt hat. Die linke Szene in Leipzig hat viel dafür getan, dass die Nazis sich das alles nicht trauen. Also: No thanks to the police.

Und die Neonazis, haben die sich geändert?

Warum sollten sie? Sie haben nie gesellschaftliche Repressalien oder Ächtung erfahren. Und warum sollten sie es jetzt tun, da rechtsextreme Positionen konsensfähig sind. Also wenn die AfD 28 Prozent in Sachsen holt.

Es gibt eine Verbindung zwischen den Baseballschläger-Jahren und heute?

Was soll passiert sein, um diese Kontinuität zu brechen? Man kann bis heute Witze über Juden oder Geflüchtete in der Kneipe erzählen. Man ist dadurch nicht im gesellschaftlichen Abseits. Leipzig ist ja eigentlich der linke Leuchtfleck in Sachsen. Die Stadt hat riesige Fortschritte gemacht. Aber die Vorurteile, die Rachsucht, die es da gab – die sind nirgendwo hin. Dazu braucht es eine gesellschaftliche Aufarbeitung, und die gab es nie. Die Baseballschläger-Jahre sind jetzt erst Thema geworden. Es hat eine Generation gedauert, um das überhaupt ins Bewusstsein zu holen. Ich sage nicht, die Wiedervereinigung sei schlecht. Ich sage nicht: Helmut Kohl ist schuld daran, dass sie mir in Grünau Kippen auf dem Arm ausgedrückt haben. Aber was mir fehlt, ist ein Diskurs darüber, was Leute aushalten mussten in den ersten Jahren. Vor allem die auf Platz drei in der demografischen Hierarchie hinter West- und Ostdeutsch: die Einwanderer. Und was für eine Ironie, dass der Staat sagte: „Wir holen jetzt die Juden aus dem antisemitischen Osteuropa in die Sicherheit.“ Das ist nicht Sicherheit, wo ich war. Wirklich nicht. Ich hatte ein viel sichereres Leben in Kiew als in Grünau.

Die Wiedervereinigung hat diese Leute ja nicht erschaffen.

Ich glaube, dass all das, was schon da war, gezeigt werden konnte. Außerdem ist den Leuten ihr Kompass kaputtgegangen. Und ja, auch die Nazis wurden wiedervereinigt. Aber vergessen wir mal die Nazis. Der Bäcker, der Straßenbahnfahrer, der alte Seemann aus dem sechsten Stock – die hatten so etwas an sich wie nach einem Unfall. So durchgeschüttelt. Aber als Erklärung reicht mir das nicht.

Wäre es denn besser gewesen, Sie wären in Westdeutschland gelandet?

Einerseits ja, weil ich dem Kind, das ich damals war, wünsche, dass es das alles nicht erlebt hätte.

Vergangenes Wochenende ist in Hamburg ein Jude vor einer Synagoge zusammengeschlagen worden. Mit einem Klappspaten. Beziehen Sie so eine Nachricht auf sich?

Na klar, ich fühle mich persönlich angegriffen. Aber ich fühle mich viel mehr angegriffen durch die Phrasen, die dann aus der Politik kommen: „Das ist ein Angriff auf uns alle.“ Wir alle haben einen Innenminister, der jede Maßnahme blockt, die Nazis aus den Sicherheitsbehörden rauszukriegen. Ich brauche da keine Sonntagsrede, ich will ’ne fucking Untersuchung und wissen, wie viele Nazis in den Sicherheitsbehörden sitzen. Kommt mir bitte nicht mit eurem ewigen Bedauern und den „Nie wieder“-Beteuerungen. Entnazifiziert bitte die Polizei.

Sie haben mal den Begriff „Wiedergutmachungsjude“ benutzt. Die Kontingentjuden sind ja auf Einladung gekommen, mit der Vorstellung, hier willkommen zu sein, oder?

Es war ein politisches Projekt mit dem Ziel, das ermordete jüdische Leben wieder zu erschaffen. Da erwartet man nicht, dass man gejagt wird. Ich bin weiß und männlich. Ich gehe durch den Alltag mit relativ wenig Diskriminierung. Aber wenn so etwas wie in Hamburg passiert, dann empfinde ich, dass Juden in diesem Land abgelehnt werden. Dass der Hass immer noch total tief sitzt.

In Ihrem Buch „Das unsichtbare Lächeln meines Vaters“ zitieren Sie Ihren Vater mit dem Satz: „Die Juden werden in Deutschland genauso gehasst wie in der Ukraine, nur darf man es hier nicht so offen zeigen.“

In der Ukraine klingt Antisemitismus anders. Als ich das letzte Mal in Kiew war, waren mein Vater und ich bei Freunden. Herzensgute Leute. Igor hat beim Abendessen gesagt: „Die Juden klauen.“ Er sprach von hochrangigen Politikern. Ich hab ihn dann gefragt, ob sie als Juden klauen und goldene Synagogen errichten oder als Politiker, die sich Villen bauen. Das hat er total eingesehen. Und es war für mich kein Grund, mit diesem Menschen zu brechen. Wie soll ich das sagen? Der Weg zur Schoah ist einfach weiter, wenn man in der Ukraine über Juden spricht.

Definieren Sie sich überhaupt als Jude?

Ja, aber das definiert nicht, wer ich bin. Meine Freundin ist auch eine russische Jüdin, wir haben einen Freundeskreis aus Diaspora-Juden. Natürlich spielt das eine große Rolle. Manchmal nur, weil man weiß, dass man nicht darüber sprechen muss. Es gibt die gemeinsame Erfahrung, und dann kann man auch über Papayas reden.

Wie ist das bei Ihnen mit der Religion?

In der Sowjetunion war es schwierig, die jüdische Religion zu praktizieren. Die Tradition ist nicht an mich weitergegeben worden. Ich war einmal in Berlin beim Gemeindetag zu einer Lesung in der großen Synagoge eingeladen. Danach war Gottesdienst. Ich habe das als schön empfunden. Ich finde es gut, dass man sich einmal in der Woche trifft und sagt: „Es gibt etwas Größeres als uns.“ Dann lese ich den Text und da steht: „Der Ewige wird für alle sorgen.“ Ich habe bis jetzt aber nicht erlebt, dass der Ewige alles für mich regelt. Aber wenn ich eine Familie gründe, werde ich mich wahrscheinlich ein bisschen mehr in der Verantwortung fühlen, die Tradition weiterzugeben. So zu tun vor dem Kind, als wüsste ich das alles, damit es nicht ratlos vor der eigenen Identität steht.

Dmitrij Kapitelman: „Ich wünsche mir, dass Leute, die hier ein Leben haben und etwas leisten in der Gesellschaft, nicht behandelt werden, als wären sie jederzeit wieder ausstoßbar.“
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Stehen Sie denn selbst ratlos vor Ihrer Identität?

Früher war dem so. Und ich nehme meinem Vater manchmal übel, dass er sich nicht die Mühe gemacht hat, das weiterzugeben. Denn er hat die Tradition ja noch bekommen von seinen Eltern. Sein Opa war Rabbi. Kapitelman ist der Mann, der die Kapitel der Thora kennt.

In dem gerade erschienenen Buch „Erinnern stören“ erzählen Sie von den Schwierigkeiten bei der Einbürgerung in Deutschland. Ich dachte, für Wiedergutmachungsjuden ist das ganz einfach. Was ist das Problem?

Ich habe den Eindruck, dass der deutsche Staat alles tut, um die Einbürgerung so kompliziert wie möglich zu machen.

Sie werden also behandelt wie alle anderen?

Was ja auch okay ist. Ich wünsche mir keine bessere Behandlung für mich, ich wünsche mir, dass Leute, die hier ein Leben haben und etwas leisten in der Gesellschaft, nicht behandelt werden, als wären sie jederzeit wieder ausstoßbar. Bei der Einbürgerung geht es vor allem darum, dass man finanziell stabil ist. Ich habe fünf verschiedene Versicherungen abschließen müssen, um den Einbürgerungsantrag stellen zu können. Ich habe Steuererklärungen für die vergangenen fünf Jahre abgeben müssen. Und wissen Sie, wie die Loyalität zum Grundgesetz geprüft wird?

Nein.

Man wird gefragt: Sind Sie loyal zum Grundgesetz? Und du sagst Ja. Gut. Dauert eine Minute. Aber die Steuererklärungen haben sie ein Jahr lang studiert. Ich hab mich in den ganzen sieben Jahren, die ich in Berlin gelebt habe, nie angemeldet. Denn ich habe immer noch eine Residenzpflicht im Pass. 

Das dürfen Sie doch nicht öffentlich sagen.

Ich habe nirgendwo gelesen, dass Deutschland wieder ein reiches jüdisches Leben unter Residenzpflicht möchte.

Was gibt einem das eigentlich für ein Gefühl?

Degradiert und ohnmächtig. Es erinnert dich daran, wo man steht für diesen Staat. Als wäre ein Vierteljahrhundert, ein Großteil deines Lebens hier unbedeutend. Als wärst du immer noch ein Fremder. Ausstoßbar.

Sehen Sie Ihre Zukunft trotzdem hier?

Wäre ja noch schöner, wenn nicht.