Eine Kommode mit Tischlampen, Pflanzen und einer Buddha-Figur ist in der Dauerausstellung "about: documenta" in der Neuen Galerie ausgestellt.
Foto: dpa/Uwe Zucchi

KasselWas wohl würde der Menschenbeobachter und Dichter Carl Einstein zu dieser Kunstinstallation anno 2019 sagen? Dass sich der deutsche Spießer darüber ärgert? Sich wundert? Gar wohlfühlt in diesem Kasseler Wirtschaftswunder-Wohnzimmer?

Besucher sollen in Plüschsesseln auf dem Orientteppich Platz nehmen, vor den Volant-Vorhängen, dem Teetischchen, der Kirschbaumholz-Kommode mit Spitzendeckchen, Nippes und Topfpflanzen. Gemütlichkeit – kontrastiert von Funktionsleuchten. Und vom tulpenförmigen Plastiktisch des skandinavischen Designers Saarinen.   Willkommen in der deutschen Wohnstube der 50er- und 60er-Jahre.

Ein deutsches Wohnzimmer um 1960, Ausblick auf die Documenta 2022.
Foto:  dpa/Uwe Zucchi

Zu verdanken haben wir das nostalgische Ambiente dem indonesischen Kollektiv „ruangrupa“, Macher der Documenta 15 im Jahr 2022. Deren kurioser Einfall ist irritierendes Zentrum der Schau „about: documenta“ im Kasseler Fridericianum, die durch die Geschichte der Weltausstellung seit Gründung 1955 durch Arnold Bode führt.

So also sehen Asiaten, deren Heimat einst von Westeuropäern kolonialisiert worden war, die Deutschen in ihrer gemütlichen Privatsphäre. Nehmen wir es als anregende oder auch aufstörende Ironie? Als Fingerzeig, dass das Erfinderland Deutschland in Nostalgie verharrt, derweil in fernen Hemisphären die Innovationen passieren? Die indonesischen Kuratoren lächeln höflich – und schweigen vielsagend.