Documenta 2017: Weltkunstzwilling Kassel–Athen

Olympisch lässt sich diese Kooperation weiß Zeus nicht an, auch wenn der neoantike Kasseler Herkules, schon rein mythenmäßig abendländisch ganz gut zu Athen mit seiner Akropolis passt.

Unverständnis, Entrüstung löste die gestrige Nachricht aus der hessischen Documenta-Zentrale aus, die 14. Weltausstellung der Gegenwartskunst 2017 werde erstmals parallel an einem zweiten Ort stattfinden: in Athen. Vor allem Kasseler Instanzen, Geschäftsleute, Hoteliers fürchten ums Prestige, aber auch Politiker und Stammtischler schimpfen wie die Rohrspatzen.

Der berufene polnische Documenta-14-Kurator Adam Szymczyk schlachtet in den Augen vieler Kasseler deren Heilige Kuh, das „Pflänzchen, aus dem seit 1955 ein Weltkunstereignis in der Provinz“ geworden sei. Mit zuverlässig viel Geld aus der Landes-und Stadtkasse.

Aber Szymczyk ist nicht umzustimmen. Demnach beginnt die 14. Documenta im April 2017 erst in Athen, am 10. Juni dann in Kassel. Danach gibt es jeweils zwei „Museen der 100 Tage“, wie gehabt seit 62 Jahren, als der Kasseler Maler Arnold Bode die Weltschau aus der Taufe hob, um der Moderne nach der Nazi-Barbarei wieder eine Plattform zu verschaffen.

Szymczyk will gänzlich Neues wagen, vor allem auch, wie er sagt, „Politisches, Grenzenloses“ – ein Erfordernis der Zeit. Das erfolgreiche Kunstmodell Documenta müsse sich der aktuellen Situation in Europa und der Welt stellen. Zudem werde man endlich „die greifbare Spannung zwischen dem Norden und dem Süden“ manifestieren.

Ins Team hat er griechische Experten berufen. Es ist also besiegelt: 2017 wird nun auch die Metropole am Fuße der Akropolis zum Documenta-Ort, deren 13. Ausgabe einen Rekord aufstellte: 860.000 Besucher kamen 2012 nach Kassel.

Wer damals schon die Augen aufsperrte, sah, wohin der Documenta-Weg führte: Zwar eher nur bildlich-symbolisch, doch deutlich wahrnehmbar waren das ägyptische Alexandria, das afghanische Kabul als Documenta-Orte ausgewiesen.

Instinktlos sei diese Verdoppelung, rügen Kasseler CDU-Politiker und fordern Oberbürgermeister Bertram Hilgen, SPD, auf, „ein Machtwort“ zu sprechen. Aber der muss sich wohl erst von der schnöden Bemerkung Szymczyks erholen, das Leben finde eben nicht in Kassel, sondern ganz woanders statt. Und den Vogel schießt für die Empörten wohl auch die bizarr klingende Arbeitsthese des Chefkurators ab: „Von Athen lernen.“ Die griechische Hauptstadt hat nämlich keinen Cent übrig, während die Documenta vom Land Hessen und der Stadt Kassel stets zuverlässig finanziert wird. Muss also für Athen gesammelt werden?