Es ist dieser eine magische Moment, den es nur alle fünf Jahre gibt: Die Documenta in Kassel öffnet ihre Tore und lüftet den Schleier um die beteiligten Künstler und die Werke, die zu sehen sind. Es ist eben immer noch die wichtigste Ausstellung der Welt, und das mitten in der nordhessischen Provinz. Der Oberbürgermeister hatte recht, als er sagte: „Die Documenta gibt es nur wegen Kassel. Und sie funktioniert nur in Kassel.“ Er hätte vielleicht noch hinzufügen sollen: „Was wäre Kassel ohne die Documenta?“ Aber bevor die Vorstellung der Documenta-Macherin begann, trat erst einmal die Künstlerin Ceal Floyer ans Mikrofon und biss in einer fünfminütigen Performance ihre Fingernägel ab – hörbarer, als einem lieb war. War das eine Einstimmung auf den langen intellektuellen Vortrag, den Carolyn Christov-Bakargiev statt eines mediengerecht kurzen Statements kurz darauf der versammelten Presse zumuten sollte?

Eine skeptizistische Weltsicht

Die künstlerische Leiterin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, die dreieinhalb Jahre auf diesen Augenblick hin gearbeitet hatte, war sich der Bedeutung des Augenblicks durchaus bewusst. Aber die resolute Italo-Bulgaro-Amerikanerin mit den Dürerlocken ist nicht die Frau, die sich so schnell einschüchtern lässt. „Well, jetzt bin ich dran“, sagte sie vor den Hunderten Journalisten, Museumsleuten, Documenta-Künstlern, Ex-Documenta-Chefs (Okwui Enwezor) und Nationalgalerie-Direktoren (Udo Kittelmann). Und hob zu einer langen, einstündigen, hochkomplexen Rede über ihr Ausstellungskonzept und ihre Ideen zur Kunst an. Die Vorlesung – nichts anderes war es – wäre mindestens doppelt so lang geworden, hätte sie nicht zwischendurch Dutzende Blätter ihres Manuskript übersprungen.
Christov-Bakargiev entwickelte eine skeptizistische Weltsicht, in der sie sich mit Vorliebe auf den antiken Philosophen Sextus Empiricus bezieht. Der schrieb: „Die Skepsis ist die Kunst, auf alle mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegen zu setzen.“ Daraus bezieht Christov-Bakargiev ihr Verständnis von Kunst: „Das Rätsel der Kunst besteht darin, dass wir nicht wissen, was sie ist, bis sie nicht mehr das ist, was sie war.“ Was heißt das für die Documenta? Diese ist für die Chefkuratorin nicht zuletzt eine „Choreografie“, wobei sie sich auf neue Formen des partizipativen Tanzes bezieht.

Ihre Art des Ausstellungsmachens solle Menschen und Ideen zusammenbringen und nicht trennen. Darum stoppte sie zusammen mit dem Künstlerduo Faivovich & Goldberg deren Projekt, den zweitgrößten Meteoriten der Welt von Argentinien nach Kassel zu bringen, als Anthropologen und Indio-Stämme vor Ort dagegen protestierten.
Unpolitisch ist diese Documenta nicht, wie viel geargwöhnt, weil Christov-Bakargiev stets darauf verwies, dass sie kein Konzept habe. Sie verwies auf die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt und die Katastrophen der Kriege. Ein Teil der Documenta findet daher als eine Ausstellung in Kabul statt. Dort soll es um den „geistigen Zustand“ der Belagerung gehen. Die Hauptschau steht für „Ich stehe auf der Bühne“, Stationen Kairo/Alexandria und im kanadischen Banff für „Hoffnung“ und „Rückzug“.

Man braucht viel Zeit

Niemand außer Christov-Bakargiev selbst wird das alles sehen können. Schon der Parcours in Kassel ist reichhaltig wie nie. Die Werke, Filme oder Installationen von rund 150 Künstlern sind auf 30 Orte in der Innenstadt verteilt, am meisten davon im Fridericianum, in der Galerie Neuer Meister und in der Documenta-Halle. Hinzu kommen 53 Projekte allein im weitläufigen Park der Karlsaue. Man muss also viel Zeit und Ausdauer mit nach Kassel bringen. Die Weltkunstschau wird am Sonnabend, 9. Juni, in Anwesenheit des Bundespräsidenten eröffnet. Bis dahin ist sie nur für Fachpublikum zugänglich. Sie läuft bis 16. September. Vor fünf Jahren zur Documenta 12 kamen in den 100 Tagen 750 000 Besucher. Das mindestens will man jetzt wieder erreichen.