Kassel - Der Bundespräsident hat es einfach. Er muss nur winken und bekommt Applaus vor dem Kasseler Fridericianum. Joachim Gauck ist gekommen, um die Documenta 13 zu eröffnen. Was er dazu sagt, kann die Menge auf dem Friedrichsplatz nur später nachlesen oder im Radio anhören. Etwa dass Gauck Sorgen hatte: „Mein Gott, wo gehst du hin?“, habe er sich nach Lektüre einiger Artikel zur Ausstellung gefragt. „Aber mein Kopf und mein Herz haben etwas bekommen.“

In Kassel hatten Interviews mit Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev für Kopfschütteln gesorgt. Ihr Denkansatz, in dem Erdbeeren eine politische Intention zugesprochen wird, sorgte für Spott. Die scharfe Kritik an einer Skulptur in einem Kirchturm entzweite die Geister. Jetzt ist anderes wichtiger. Das Publikum will selbst sehen, was es zu sehen gibt.

Einheimische beschreiben eine Art spezieller Euphorie. „Die ganze Welt ist da – das find' ich richtig gut“, sagt Peter Esterbauer. Ein anderer fühlt sich an die Pfingst-Geschichte erinnert: „Plötzlich konnten die Menschen verschiedene Sprachen sprechen.“ Dann ziehen er und seine Frau los – Eintrittskarten kaufen.

Holger Schulze aus Leipzig hat schon eine. Aber weil der Präsident durchs Fridericianum geht, kommt er noch nicht hinein. „Ich würde schon mal verhalten winken – aber nicht mehr“, sagt Schulze zum Thema Gauck-Sehen. Sein Interesse gilt Anton Zeilinger. Der Quantenphysiker ist mit Experimenten vertreten und am Eröffnungstag anwesend.

Wo positionierst Du Dich in der Welt?

Marijana Bajic aus Wolfsburg trägt je ein Gemälde vor Bauch und Rücken und ein Schild „Ich bin meine eigene Kunstausstellung“. Sie wolle wissen, ob ihre Bilder Leute bewegen, sagt sie. Andere jungen Menschen laufen mit Plakat-Aufschriften wie „Screw mother’s day (sinngemäß: Ich pfeif’ auf den Muttertag)“ umher. Anders als Bajic haben sie einen Documenta-Pass am Gürtel: Sie gehören zu einem Werk von Ida Applebroog.

Vor dem Opernhaus ist Grazyna Gruschka von Documenta-Begeisterung ergriffen. Um sich an Außenbeiträgen wie Kristina Buchs Schmetterlingsgarten zu erfreuen, braucht sie kein Ticket. Sie zeigt auf eine Brennnessel in der temporären Pflanzung und erzählt, wie ihre Mutter aus sowas gesunden Tee gekocht habe. „Sehr schön – die Natur“, sagt sie.

Auch nach Stunden der Erkundung sind beeindruckte Stimmen zu hören. Winnie Fu aus Hongkong war 1987 zur Documenta 8 in Kassel und hatte immer wiedergekommen wollen. Geschafft hat sie es erst jetzt . Die Documenta 13 gefalle ihr sehr, sagt sie: Sie rege zur Frage an, „wo du dich positionierst in dieser Welt“.