Manfred Schneckenburger (1938–2019)   
Foto: Documenta-Archi

KölnZwar war alles, was dieser Kölner Kunstkurator 1977, dann nochmals 1987 als Impresario der Documenta 6 und 8, zuwegebrachte, für Kunstfans im Osten ferner als der Mond. Das Außergewöhnliche, Couragierte seines Handelns indes drang über die analoge Nachrichtenverbreitung auch bis ins sächsische „Tal der toten Augen“, was den West-TV-Empfang betraf.

Documenta-Macher Manfred Schneckenburger präsentierte 1977 zum einen Joseph Beuys mit der sensationellen „Honigpumpe“ sowie das Who is Who der Weltkunst etwa mit Nam June Paik, Bruce Nauman, Anselm Kiefer, Francis Bacon, David Hockney, Bill Viola, Walter de Maria und im erstmalig integrierten Foto-/Filmbereich Fassbinder und Scorsese-Werke. Er wagte ein nie dagewesenes Happening-Spektakel: Laserlicht über dem Documenta-Gelände und HA Schult ließ – fiktiv – ein Flugzeug abstürzen.

Sein Kunstbegriff war osterweitert

Noch verrückter aber, mitten im Kalten Krieg: Er hatte DDR-Maler eingeladen, Leipziger Schule: Heisig, Tübke, Mattheuer. Es kam zum Eklat. Er habe „Staatskünstler“ geholt. Baselitz, der aus Dresden Geflohene schimpfte die Ostler „Arschlöcher“; er und sein Freund Lüpertz hängten aus Protest ihre Bilder ab. Aber Schneckenburger hielt das aus.

Sein Kunstbegriff war, im Beuys’schen Sinne, auch osterweitert. Er fand es wichtig, fair – und bereichend, dass das Publikum die maltechnische Versiertheit der Leipziger, deren exotische, geschichtsträchtige Bilderwelten, sehen und beurteilen konnte.

Gerade kam die traurige Nachricht, dass Manfred Schneckenburger am Dienstag, gleich nach seinem 81. Geburtstag, in Köln gestorben ist. Der in Stuttgart geborene Kunsthistoriker, Hochschullehrer an der Kunstakademie Münster und weltweit geschätzte Ausstellungsmacher war bislang der einzige seiner Zunft, der die Kasseler Weltschau Documenta zweimal leiten konnte. 1987 sprang er ein, nachdem sich das Kuratorenteam völlig zerstritten hatte.

Unter ihm wurde die Documenta, – mit politischer Kunst von Hans Haacke, Barbara Kruger und Hamilton Finlay – endgültig zum Weltkunst-Ereignis seit ihrer Gründung 1955.