Partner für Kultur: Der Leipziger Verein Land in Sicht trifft die Döbelner Treibhaus-Leute auf der Baustelle des Cafés Courage im Jugendhaus. Von rechts: die Maler Christoph Ruckhäberle und David Schnell, Galerist Christian Seyde, Galeristin Carolin Nitsche, Künstler Paul Bowler, Treibhaus-Leiterin Judith Schilling, Sozialarbeiter Stephan Conrad und Kunststudentin Jördis Senf.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Döbeln - Wir sind in Mittelsachsen. Döbeln liegt im weiten grünen Talkessel der Freiberger Mulde, 70 Kilometer von Leipzig entfernt.  Den Besucher empfängt eine geputzte 24.000-Einwohner-Stadt mit viel Grün, einem großen Gewerbeareal am Rande und mit zügigem Autobahn-Anschluss zur A14. Das sandsteinerne Rathaus am Obermarkt strahlt mit seinen Neorenaissance-Giebeln gediegene Tradition aus. Zu jeder vollen Stunde lässt die Turmuhr einen voluminösen Westminster-Schlag erklingen. Unten in den Sälen und Büros führt die örtliche CDU ihre Regierungsgeschäfte. Die renovierten historischen Bürgerhäuser beeindrucken den Besucher ebenso wie der gepflegte klassizistische Theaterbau. Die Schienen im Pflaster verraten, dass es hier eine besondere Attraktion zu bestaunen, aber auch zu benutzen gibt: eine historische Pferde-Straßenbahn, die bei Stadtfesten zum Einsatz kommt. Im ganzen Städtchen ist es still, blitzsauber, artig. Keine besonderen Vorkommnisse also?

Der schöne Schein trügt. Das vor gut 20 Jahren gegründete Jugend-Freizeit-Domizil Treibhaus e.V. an der Bahnhofstraße, wo an der Fassade „Haus der Demokratie“ geschrieben steht, ist der AfD-Fraktion Döbelns und auch Mittelsachsens ein Dorn im Auge.  Es stört wohl schon der Name: Etwas keimt, treibt aus, wächst ungebändigt. Immer wieder wird versucht, der Einrichtung die Gelder aus öffentlicher Hand streitig zu machen. Eine Strategie, die die AfD in vielen Gemeinden verfolgt, wo sie beachtliche Stimmenanteile erzielt haben. „Wir gehören zum Feindbild der AfD“, sagt Treibhaus-Leiterin Judith Schilling. „Sie halten uns nicht aus, dabei gehört es doch zur Demokratie, andere Meinungen und Ansichten auszuhalten. Wir halten deren Weltbild doch auch aus.“

Döbelner Stadtpanorama an der Freiberger Mulde
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Niemand würde vermuten, dass hinter den Fassaden des imposanten, unter Denkmalschutz stehenden Gründerzeitbaus von 1896 ein Ort für interkulturelle, künstlerische und soziale Jugend-Projekte beheimatet ist. Nirgends eine Spur von Graffitis, unter den Fenstersimsen Hochparterre sind lediglich originelle und ziemlich professionell gemachte, korrosionsfeste Bilder aus der Grafik- und Siebdruckwerkstatt angebracht, wie zum Zeichen: Wir machen hier in Workshops richtige Kunst!

Im Flur steht ein Klavier. Unten rechts befindet sich ein großer, hoher, saalartiger Raum. Hier nimmt gerade das Café Courage neue Form an. Etwas verspätet, denn während der Corona-Sperren war an Treffen und an Bauarbeiten nicht zu denken. Die Lampen, berichtet Sozialarbeiter Stephan Conrad, würden von den Jugendlichen zusammen mit Studenten der Burg-Giebichenstein-Kunsthochschule Halle entworfen. Es gab dafür schon einen Workshop zum Thema nachhaltige und nachwachsende Materialien. Auch die Kunststudentin Jördis Senf, sie wohnt im Nachbarort Roßwein und studiert an der Hochschule für Gestaltung in erzgebirgischen Schneeberg, ist Treibhaus-Mitglied und hilft mit Ideen, den Raum einzurichten, „zeitgemäß auf jeden Fall – klare Formen, aber nicht so streng, und Farbe, für farbiges Licht. Ist ja ein Jugendcafé, kein Architektenbüro“.

Noch ist das Café, in dem ab Herbst Diskussionen, Ausstellungen, Lesungen, hoffentlich auch wieder Konzerte und mal wieder eine Disko stattfinden sollen, sobald das wieder erlaubt ist, eine Baustelle mit Rollgerüsten. Junge Leute schleppen Bretter, räumen Bauschutt. Die Abiturientin Lisa Laschet macht hier gerade ein Praktikum, sie will ab kommenden Herbst Sozialpädagogik studieren, für die etwas staubige Arbeit, meint sie, sei sie sich keinesfalls zu fein. Der 17- jährige Kevin verrät uns nur seinen Vornamen, er leiste hier gerade seine Sozialstunden ab. Wir fragen natürlich nicht, was er denn angestellt habe, um dieser Verpflichtung nachkommen zu müssen. Er habe nicht das Gefühl, dazu „verdonnert“ worden zu sein. Er findet es sogar „ziemlich cool“.

Die „Coolen“, etwa Judith Schilling und Sozialarbeiter Stephan Conrad, haben eine Menge durchgestanden und auch erreicht mit ihrem knapp 80-köpfigen Verein. Nach langem Hin und Her hat der CDU-Kulturkonvent Mittelsachsen schließlich eine öffentliche Förderung für die Institution genehmigt. Die AfD in Döbeln und in der Region wollte das verhindern. Das Treibhaus e.V., in dem auch Geflüchtete sozial und kulturell betreut und integriert werden, verletze mit seiner linkssozialen Bildungs- und Kulturarbeit die politische Neutralität. Man unterstellt gar linksextreme Tendenzen.

Und nachts flogen wieder mal Steine. Das Döbelner Treibhaus hat in der Stadt nicht nur Freunde.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Aus der Bevölkerung kam moralische Unterstützung. Eltern und auch Senioren hatten einen offenen Brief an die Politiker unterschrieben, als dem Treibhaus durch die Blockade der AfD beinahe die Luft ausging, die zwölf Mitarbeiter um ihren Job fürchten mussten. Bald könnte das Ringen weitergehen, für 2021 wird wieder um die Förderung und damit auch um die Stellen der Sozialarbeiter gebangt. Conrad zeigt auf eines der Fenster. Da flog letzte Nacht ein Stein rein. Das zersplitterte Loch in der Scheibe ist gut zu erkennen. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. „Aber wir würden gerne mit den Steine-Schmeißern mal reden. Was ist ihr Problem?“, beteuert Conrad.

Dabei seien derartige Attacken inzwischen die Ausnahme, beschwichtigt Judith Schilling. Vor Jahren sei es in und um Döbeln noch hoch hergegangen. Die Rechtsextremen waren schon rein äußerlich nicht zu übersehen und nicht zu überhören. Es gab aufs Treibhaus etliche Angriffe und Störungen, gerade bei Diskussionen, bei Konzerten und auch bei „Stolperstein“-Verlegungen, wo im Pflaster vor Hauseingängen an jüdische Bewohner Döbelns erinnert wird, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Und es gab sogar Angriffe auf Treibhaus-Vereinsmitglieder.

„Heute ist das anders“, beschreibt die optimistisch aufgelegte Judith Schilling die Situation: „Die Rechten haben die Taktik und Strategie verändert, subtiler gemacht. Sie gerieren sich bürgerlich, also gesellschaftlich verantwortlich. Es gibt inzwischen eine regelrechte Sozialarbeit von rechts, was bei der Bevölkerung durchaus ankommt als ‚die guten Rechten‘.“ Lokal bekannte Neonazis räumen Spielplätze auf, gehen für alte und kranke Bürger einkaufen, sammeln Geld für Tierheime und für bedürftige – deutsche – Familien. Sie geben nunmehr die Kümmerer – und sie demonstrierten unterm Beifall, aber auch Kopfschütteln der zwiegespaltenen Bevölkerung gegen die Corona-Auflagen und protestieren gegen den „übergriffigen“ Staat.

Zum Glück gibt es ganz andere Nachbarn, wenn auch 70 Kilometer entfernt. Der Leipziger Verein Land in Sicht hilft auf seine Weise. Initiator ist der Maler David Schnell, erfolgreich im internationalen Kunstbetrieb. Mit Kollegen und Freunden gründete er die Fördergruppe. Man unterstützt inzwischen schon 19 Projekte im ländlichen Raum quer durch Sachsen, erstens mit – privatem – Geld und zweitens mit gutem Rat. Am intensivsten ist der Kontakt zu Döbeln. Heute sind einige Leipziger ins Treibhaus gekommen, stehen auf der Baustelle, die demnächst zum umgestalteten Café Courage wird. David Schnell stellt seine Land-in-Sicht-Mitstreiter vor: Carolin Nietzsche, Galeristin in der Leipziger Baumwollspinnerei, Christoph Ruckhäberle, Maler und Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Christian Seyde von der Galerie Kleindienst, den Künstler Paul Bowler, der dreht bei der Gelegenheit gleich mal ein Video.

In diesem schönen Gründerzeit-Eckhaus geht es seit 20 Jahren um Kultur-und Bildungsarbeit für Jugendliche. Der AfD im mittelsächsischen Döbeln gefällt das nicht.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Die Idee für den aus der Seefahrt übernommenen und im übertragenen Sinne zu lesenden Namen „Land in Sicht“ sei nicht beim Bier, sondern beim Kaffeetrinken entstanden, erzählt David Schnell. „Als Bürger, als Kunstschaffende, denen es gut geht, wollen wir was tun für andere, die es brauchen. Ohne vom Staat Geld zu fordern.“ Der Maler stammt aus dem Kölner Raum, hat vor Jahren im Kreis der berühmten „Neuen Leipziger Schule“ studiert. Seine Motive, oft Landschaften, die eine starke tektonische Struktur haben und in der sich Naturerscheinungen überraschend in architektonische oder organische Formen auflösen, sind international gefragt. Er findet es normal, vom Erfolg auch materiell etwas abzugeben. Und das nicht generös, sondern gezielt. David Schnell begründet das aus seiner eigenen Erfahrung mit solchen für die Jugend und deren Lebensart wichtigen Orte wie das Döbelner Treibhaus. Sein Jugendkulturhaus im Rheinland habe ihn mehr geprägt und sozialisiert als die Schule, sagt er. Die Konzerte, die Malwerkstatt hätten dazu beigetragen, seinen eigenen Weg in die Kunst zu finden.

David Schnells Malerkollege Christoph Ruckhäberle, der aus Bayern stammt und zunächst in Kalifornien Zeichentrickfilm studiert hat, bevor er nach Leipzig an die Hochschule für Grafik und Buchkunst ging, pflichtet ihm bei: „Wir leben in Leipzig weitgehend in unserer Kunstblase. Ich lehre an der Hochschule, da ist die Lage liberal und progressiv, und wir bestätigen uns quasi dauernd in unserer Sicht auf die Welt und in unserer Haltung. Aber das ist eben nicht die ganze Welt. Auch in der weltoffenen Großstadt Leipzig gibt es Gegenden, wo rechts gewählt wird, wo rassistische Parolen greifen. Und im Stadtrat haben CDU, FDP und AfD – zum Glück vergeblich gegen SPD, Linke und Grüne – versucht zu verhindern, dass 50 Künstler ein sogenanntes Corona-Stipendium erhalten, das über die Krisenzeit hilft.“ Also ist Goethes weltoffenes „Klein Paris“, die „Stadt der friedlichen Revolution von 1989“ keineswegs eine Insel der Glückseligen. „Es geht uns schon an, was um uns herum passiert“, so Ruckhäberle. „Darum fragen wir uns: Was können wir aktiv tun, wo können wir mit unseren Möglichkeiten unterstützen?“

Galerist Christian Seyde, ein waschechter Sachse, beschreibt die Rolle der Leipziger Land-in-Sicht-Leute „als Scharnier zwischen der künstlerischen und finanziell fördernden Rolle und dem Treibhaus, als Hilfe für die kulturelle Basisarbeit auf dem Land, wo der Druck viel größer und direkter ist, als in den Städten: Wir geben nichts vor, aber wir vermitteln. Wir bringen nicht etwa großsprecherisch und besserwisserisch Kunst aus Leipzig nach Döbeln. Die Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen macht das Treibhaus selber. Wir halten uns im Hintergrund.“ Klingt gut: Tue Gutes und rede nicht viel darüber. Und vielleicht, so die Hoffnung, machen andere es dann nach.

Jeder der inzwischen 40 Mitglieder im Förderverein der Leipziger zahlt ein, was er monatlich kann, die Beiträge staffeln sich von 30 bis 240 Euro. Damit werden die Kultur- Projekte wie das in Döbeln unterstützt. „Notgroschen“ nennt  Land-in-Sicht-Gründer David Schnell diese schnelle Hilfe. Es wäre natürlich gut, wenn die in der Stadt angesiedelten Unternehmen mithelfen würden, etwa eine florierende Motorenfabrik, die Einrichtungen zu unterstützen. Aber so weit ist es noch nicht. Die AfD hört nicht auf, reflexhaft zu reagieren, wenn im Treibhaus Migranten betreut und einbezogen werden. Und den Spitzen der Döbelner Stadtgesellschaft ist offenbar noch nicht bewusst, dass man diese gerade bei der Jugend für Toleranz und soziale Balance sorgende Einrichtung fördern sollte, damit die jungen Leute darin auch ein kulturelles Zuhause sehen. Sodass sie auch deshalb in der Stadt bleiben. Beziehungsweise zurückkehren, und sich einbringen, wenn sie die Welt gesehen haben.

Der Maler David Schnell sieht durch Kunstmessen, Biennalen und Ausstellungseinladungen eine Menge von der Welt. Er wird da oft gefragt, auch von im Ausland lebenden Deutschen, was da politisch los sei mit der erstarkenden AfD, in Sachsen und auch in anderen neuen Bundesländern. Und er wird gefragt: Was macht Ihr dagegen? Schnell sagt: „Wir müssen noch mehr werden, die sich mitengagieren. Wir stehen ja erst am Anfang. Und weniger Bürokratie seitens der sächsischen Politik wäre auch hilfreich.“