Berlin - Von Auschwitz zu erzählen ist unmöglich. Unser Kopf weigert sich. Wir können den Tod eines Kindes nicht fassen – wie also sollen wir den Tod von Millionen Menschen begreifen?“ Dieses Zitat des israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld eröffnet jede Folge dieser Doku-Reihe. Die internationale Koproduktion „Die Wahrheit über den Holocaust“ will das Unmögliche versuchen – wie schon so viele Bücher, Spielfilme und Dokumentation zuvor. So hatte das ZDF im Jahre 2000 die sechsteilige Reihe „Holokaust“ gezeigt. Zehn Jahre zuvor hatten Lea Rosh und Eberhard Jäckel mit der ARD-Reihe „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ die Vernichtung der Juden in ganz Europa dokumentiert.

60 Experten

Gunnar Dedio, der Geschäftsführer der Filmfirma Looks, spürte zunächst einen Abwehrreflex, als er von Produzent Pawel Rozenberg gefragt wurde, ob seine Firma eine internationale Holocaust-Reihe mitproduzieren könne. Das lag nicht nur am Unfassbaren des Themas. Er fragte sich auch : Muss das noch mal sein? Welchen Sender kann ich dafür überhaupt interessieren? Doch dann reizten ihn gerade die Schwierigkeiten des Projekts – und er fand in ZDFinfo einen Sender, der sich gerade mit solchen Dokus profiliert und bei einem jüngeren Publikum auf steigende Resonanz trifft. Der anmaßend klingende Titel „Die Wahrheit über den Holocaust“ ist bewusst provokant gewählt.

Die Filmfirma Looks hatte erst im Frühjahr mit dem internationalen Projekt „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ für Aufsehen gesorgt, das mit seiner Serienstruktur ein neues Publikum ansprach und weltweit so erfolgreich war, dass die Reihe mit Tagebüchern der 20er Jahre fortgesetzt wird. Die Holocaust-Doku aber greift auf klassische Mittel zurück, verzichtet auf Dramatisierungen oder Nachinszenierungen – beides erschien Dedio hier unangebracht. Er beschreibt die Erzählweise als „vielstimmigen Chor“ - die Serie vereint 60 führende Experten, die möglichst sachlich und kompakt erklären, wie die Mechanik der Massenvernichtung in Gang gesetzt und betrieben wurde.

Reich an bislang weitgehend unbekannten Fakten

Zu den Historikern und Autoren gehören Ian Kershaw, Stefan Georg Troller, Saul Friedländer, Amoz Oz oder Serge Klarsfeld. Beibehalten wurde die internationale Perspektive. Anders als etwa frühere ZDF-Produktionen aus der Werkstatt Guido Knopps ist diese von Partnern in Frankreich, Deutschland und Israel produzierte Serie nicht auf Adolf Hitler fixiert, sondern fragt auch nach Schuld und Verantwortung in den europäischen Nachbarländern. „Damit hätten sich deutsche Autoren schwer getan“, erklärt Gunnar Dedio.

Doch so kann die Serie immer wieder Fakten liefern, die in Deutschland kaum verbreitet sind. So wird in Folge eins „Terror“ auch die Konferenz von Evian beleuchtet, auf der kein Land Bereitschaft zeigt, die jüdischen Flüchtlinge aufzunehmen. In Folge drei wird aufgezeigt, wie die französische Vichy-Regierung den Antisemitismus Deutschlands übernahm.

Selbst Produzent Dedio ertappte sich bei der Ansicht der Serie dabei, dass er sich neue Fakten notierte, über die er sich auf Wikipedia weiter informieren wollte – dem Zuschauer dürfte es nicht anders gehen. Bei der Auswahl des Materials konnten die Autoren William Karel und Blanche Finger nicht nur aus 400 Stunden Interviews auswählen, sondern auf ebenso viel Filmmaterial sowie 6000 Fotos zurückgreifen. Gerade aus den Archiven in Osteuropa sei neues Filmmaterial gefunden worden, etwa Farbaufnahmen aus dem Ghetto in Lodz.

Zwei Viererblöcke

Eine Besonderheit der Holocaust-Reihe sieht Produzent Gunnar Dedio zudem in der Fortführung über das Befreiungsjahr 1945 hinaus. Die beiden letzten Folgen umfassen den Umgang mit dem Holocaust bis heute. „Was hieß für die Überlebenden überhaupt Befreiung?“ fragt Gunnar Dedio. „Für viele setzte sich die Katastrophe fort.“ „Die Wahrheit über den Holocaust“ läuft im Frankreich im Hauptprogramm France2, ZDFinfo strahlt die Serie in zwei Viererblöcken aus, die danach mehrfach im Programm wiederholt werden. Im ZDF soll später noch ein einstündiger Film über den Umgang mit dem Holocaust nach 1945 laufen. Zuvor, am 27. Februar 2015, erscheint „Die Wahrheit über den Holocaust“ noch als Dreifach-DVD mit ausführlicheren Interviews .

Die Wahrheit über den Holocaust,

(Folgen eins bis vier) 20.15 Uhr, ZDFinfo

Folgen fünf bis acht am 16. Januar