Berlin - Ich steh auf DT 64! Ein schriller Popsong mit dieser Zeile ertönt während des Vorspanns, leitet einen Rückblick auf jenen Sender ein, der heute fast schon legendär ist. Doch der Titel der Gruppe Prinzz war eigentlich gar keine Huldigung des DDR-Radiosenders, sondern 1983 noch eine klare Parodie, die sogar in der abgemilderten Radiofassung herauszuhören war. Wer damals auf dem Schulhof erklärt hätte, DT 64 sei sein Lieblingssender, der wäre belächelt oder verhöhnt worden. Angesagt waren die Sender aus dem Westen, von den DDR-Programmen nutzte man nur die Sendungen zum Mitschneiden von Musik.

Als Festivalradio gestartet

„War die Radiowelle mehr als ein vom Jugendverband FDJ gegängelter Ostsender, mehr als die rockige Jugendabteilung der SED-Propagandamaschine?“ So fragt die Reportage von Stephan Kühnrich eingangs etwas umständlich und beantwortet die Frage am Ende genauso vorsichtig: DT 64 sei „ein wenig mehr Rock’n’Roll als FDJ“ gewesen. Der Film zeichnet die Geschichte des Senders nach, der vor fünfzig Jahren, im Mai 1964, zum Deutschlandtreffen als Festivalradio gestartet worden war und in den folgenden Jahrzehnten als Nachmittagsprogramm des Berliner Rundfunks lief.

In den Interviews mit Programmmachern, vom ersten Wellenchef Siegmar Krause bis zum letzten Chefredakteur Michael Schiewack, wird deutlich, wie stark DT 64 den Wellen der DDR-Kulturpolitik unterworfen war. Mal galten die Beatles als progressiv, dann wurde das „Yeah-Yeah-Yeah“ als monoton oder aufputschend verteufelt, mal war Udo Lindenberg der Friedensfreund, dann war er verboten. Erst ab 1986 wurde aus dem Programmfenster ein Vollprogramm, durch Zusammenschluss mit dem „hallo“, dem Jugendjournal von „Stimme der DDR“, das hier aber gar nicht erwähnt wird.

Dass bei DT 64 manches lockerer gehandhabt werden konnte, dass in den Nachrichten nicht jedes Mal alle Funktionen von Erich Honecker aufgesagt werden mussten, war aber noch kein Grund, das Tagesprogramm einzuschalten. Interessanter waren die abendlichen Musik-Spezialsendungen, etwa das „Parocktikum“, das junge Bands förderte.

Spannende Bilder liefert die Radiogeschichte erst nach der Wende, als DT 64 tatsächlich ohne Zwänge sein Publikum ansprechen konnte und in punkto Originalität, Aktualität und Frechheit den anderen Ostradios weit voraus war. Autor Stephan Kühnrich, der diese turbulenten Jahre als Kameramann in Moskau verbrachte, lässt in seinem Film die Stimmung aufleben, als ein bis heute einzigartiger Zusammenhalt zwischen Radio und Hörern entstand und die Fans massenhaft gegen die drohende Abschaltung protestierten.

Rias für einen Tag

Leider geht der Film aber zu wenig in die Details. So hätte doch Christoph Singelnstein, damals Intendant des DDR-Rundfunks und später leitender Radiomacher bei ORB und RBB, doch mal erklären können, warum er im September 1990 über Nacht das Programm von Rias 1 auf die Frequenzen von DT 64 schalten ließ – eine Maßnahme, die er nach den heftigen Protesten einen Tag später zurücknehmen musste.

Dass dieser MDR-Film den ersten MDR-Intendanten Udo Reiter, der das bedrohte Programm schließlich in seinen Sender holte, als Retter feiert, ist zwar legitim. Als „ersten Sieg für die Ossis“ feierte Wellenchef Schiewack damals diese Rettung. Doch dass DT 64 beim MDR nach einem halben Jahr auf eine rauschende Mittelwelle ausweichen musste, wird schon nicht mehr erwähnt.