Seit der Architekt Norman Foster 1999 dem Berliner Reichstag eine Kuppel aufs Dach setzte, tanzen die Bürger den Parlamentariern symbolisch auf dem Kopf herum. In Wahrheit ist es jedoch umgekehrt, der Blick von oben in den Plenarraum suggeriert eine Transparenz, die es so nicht gibt. Was machen die da oben, die Abgeordneten, eigentlich im Bundestag? Die zweiteilige Dokumentation „Volksvertreter. Abgeordnet in den Bundestag“ gibt eine Antwort darauf. Ein Jahr lang beobachtete Siegfried Ressel fünf Abgeordnete bei ihrer alltäglichen Demokratiearbeit.

Die FDP-Politikerin Sylvia Canel wird ihren Beruf verlieren, sie scheidet mit Ende der Legislatur aus dem Bundestag aus. Der Leipziger Thomas Feist ist für die CDU im Bundestag, seine Assistenten hat er von seinem Vorgänger übernommen wie die Büromöbel. Die Linke Heike Hänsel kommt aus Schwaben und ist so unermüdlich darin, mit Zwischenrufen und Nachfragen die Debattenkultur des Hauses zu stärken, dass sie weit über die Grenzen ihrer kleinen Fraktion Aufsehen erregt. Rolf Mützenich von der SPD hat sein Mandat als Direktkandidat des Wahlkreises „Köln III“ errungen, nun ist er außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Aber was hat der Bürgerkrieg in Syrien, so fragen seine Wähler, mit Köln Römisch Drei zu tun? Elisabeth Scharfenberg ist bei den Grünen, der Partei, die einst Berufspolitiker verachtete. Die Parteibasis mit ihren selbstherrlichen Entscheidungen geht der Berufspolitikerin oft auf die Nerven.

Der Dokumentarfilm interessiert sich für jenen Politikalltag, der im Schatten der großen Medienereignisse stattfindet. Man sieht, wie Politik zustande kommt: Reden, die nur sieben Minuten dauern dürfen, werden minutiös von der Fraktion gecheckt, Wahlkampfveranstaltungen bei einer Tasse Filterkaffee vorbereitet. „Die sollen ja keinen Kugelschreiber wählen“, schimpft Thomas Feist und weigert sich, beim Straßenwahlkampf mit Give-aways auf sich aufmerksam zu machen.

Es geht in den zwei Mal 45 Minuten dieser Beobachtung gelegentlich so zäh zu wie im Alltag der Hinterbänkler. Die Entschleunigung ist volle Absicht. Zu den schönsten Szenen des Films gehört ein Radiointerview, das der Außenpolitische Sprecher Mützenich per Telefon führt. Man hört nicht die Fragen des Radiomoderators, sondern nur die langen Ausführungen Mützenichs. Was im Radio wie ein normales Politikergespräch rüberkommt, hat aus der Perspektive des Zuschauers etwas Gestelltes und Surreales. In gewisser Weise ist „Volksvertreter“ die späte Antwort auf Herlinde Kölbls Reportage „Die Meute – Macht und Ohnmacht der Medien“. Die Fotografin hatte damals den Politbetrieb der noch jungen Berliner Republik als medialen Ausnahmezustand aus der Perspektive der Journalisten geschildert. Dieser Medienwahrheit stellt Siegfried Ressel nun das Schattendasein der vielen Politarbeiter entgegen. Was für eine Kernerarbeit und zähe Opferbereitschaft! Man möchte diese fünf zum Dank alle sofort wählen – ganz gleich, welcher politischen Überzeugung.

Volksvertreter, 20.15 Uhr, 04.2013, 3Sat. Zweiter Teil am Donnerstag