Doku „Zurück ins Vaterland“: Israelis ziehen in die Heimat ihrer Großeltern

Rund 20000 Israelis leben nach Schätzungen heute in Berlin. Viele davon sind Enkel von Holocaust-Überlebenden. Ein Film versucht zu beantworten, was Israelis dazu bewegt, in die oft verhasste Heimat ihrer Großeltern zurückzukehren. Warum ausgerechnet Deutschland?

Die Idee für den Film kam Katharina Rohrer und Gil Levanon, als sie beim Spaziergang am Tel Aviver Strand einen Schäferhund sahen. „Ich habe Gil gefragt: „Was macht denn ein deutscher Schäferhund am Strand in Israel?““, erzählt die österreichische Regisseurin Rohrer der Deutschen Presse-Agentur. Das Ereignis löste Gespräche mit der Israelin Levanon aus, die schließlich in den gemeinsamen Dokumentarfilm „Back to the Fatherland“ (Zurück ins Vaterland) mündeten. Er erzählt von jungen Israelis, die nach Deutschland oder Österreich ziehen - die verlorene Heimat ihrer Großeltern. Eine Heimat, in der Juden verfolgt und ermordet wurden.

Der Film, mit dem sie sich bei der Berlinale im Februar beworben haben, erzählt auch die Geschichte der israelischen Co-Regisseurin Gil Levanon, die nach Berlin ziehen will. Als sie ihrem Großvater Jochanan Tenzer von ihren Plänen erzählt, versteinert sein Gesicht. „Auf keinen Fall!“, sagt er. „Ich glaube nicht an Deutschland“, sagt der in Laufersweiler (Rheinland-Pfalz) aufgewachsene 97-Jährige, der 1937 als Jugendlicher ins damalige Palästina auswanderte. Seine Familie blieb zurück und wurde von den Nazis ermordet. „Sie waren schlecht, und sie blieben schlecht, und sie werden schlecht bleiben“, lautet sein Urteil über die Deutschen.

Seine Enkelin hatte eine so entschiedene Reaktion nicht erwartet. „Es wird jetzt sehr schwer sein, es zu tun, in dem Wissen, dass er so dagegen ist“, sagt sie im Film. „Ich habe das Gefühl, ihm wirklich wehzutun oder ihn zu verraten.“ Auch ihre Schwester lebt seit einigen Jahren in Berlin.

Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte

Die Österreicherin Rohrer wollte mit dem Film auch ihre eigene Familiengeschichte aufarbeiten. Ihr Großvater war überzeugter Nazi, diente als Kommandant in einer Bergeinheit. 1944 wurde er in Jugoslawien getötet. „Man spürt schon die Schuld der Generation, obwohl man nichts dafür kann“, sagt Rohrer. In einer stark symbolbeladenen Szene des Films holt sie die Nazi-Uniform ihres Großvaters vorsichtig aus einer Truhe auf dem Dachboden.

Gil Levanon hat sie vor 15 Jahren kennengelernt, als beide in New York studierten. Heute sind sie eng befreundet und arbeiten zusammen. Optisch entsprechen beide nicht dem Stereotyp ihrer Herkunft: Die Israelin Gil Levanon ist strohblond, Rohrer dagegen ein dunkler Typ. Auf dem Haifa-Filmfestival habe man deshalb die Namensschilder verwechselt, erzählt Levanon lachend.

Insgesamt werden drei Paare von Enkeln und Großeltern vorgestellt. Der Künstler Dan Peled lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er sagt, er habe sich in Israel und in seiner Familie nicht heimisch gefühlt und wolle auch nie zurück nach Israel, wegen der Besatzung der Palästinensergebiete. „Ich habe mein Zuhause gefunden“, sagt er über sein Leben in Berlin. „Ich fahre nur zurück, um meine Oma zu besuchen.“

Die Oma ist die über 90-jährige Lea Ron Peled, die aus Wien stammt. Auch sie hatte Schwierigkeiten mit dem Umzug des Enkels nach Deutschland. „Ich habe nichts gesagt, aber ich war nicht begeistert. Warum ausgerechnet Deutschland?“

Ihr Enkel versucht, sie zu besänftigen: „Jetzt wo ich Deutsch kann, kann ich mit Dir über Themen sprechen, über die ich vorher nicht mit Dir reden konnte. Du hast nie erzählt“, sagt er. „Vielleicht hast Du nie gefragt“, antwortet die Großmutter lächelnd.

Der Israeli Guy Schachar lebt mit seiner Freundin in Österreich - sein in Wien geborener Großvater ist Holocaust-Überlebender, wurde als Jugendlicher mit Mutter und Bruder nach Theresienstadt verschleppt. Uri Ben Rehav sagt trotzdem, er freue sich, dass Guy in Österreich lebe. „Es ist sehr traurig, aber das ist die Wahrheit. Hier im Land (Israel) ist die Lage sehr schlecht.“ Er besucht Guy in Wien und stellt sich dort seiner persönlichen Geschichte. „Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Österreich, bis der Homo sapiens aus Braunau gekommen ist“, sagt Uri.

Bei Gil Levanon sind es paradoxerweise gerade die Erinnerungen an das Haus ihrer Großeltern in Haifa, die bei ihr Heimatgefühle auslösen, wenn sie in Berlin ist. „Opa und Oma haben immer Deutsch gesprochen, und das hat sich so weich angehört - es sind gute Erinnerungen“, sagt sie.

„Wenn ich in Berlin im Café sitze, habe ich das Gefühl, im Wohnzimmer meiner Großeltern zu sein.“ Für ihre Heimatgefühle hat sie noch eine ungewöhnliche Erklärung parat. „Unsere DNA hat viel länger in Europa gelebt als in Israel, es gibt eine Art unbewusster Strömungen, es fühlt sich bekannt an.“

Dass inzwischen viele Tausende Israelis in Berlin leben, schaffe eine neue Normalität. „Wir bauen neue Brücken“, sagt Levanon. „Die zweite und dritte Generation nach dem Holocaust hat immer noch eine schwere Last zu tragen. Wir müssen miteinander reden, um damit umzugehen, weiterzugehen.“ Ihr Großvater sei nach ihrem Umzug ein bisschen weicher geworden. „Er hat es geschafft zu sagen: Wenn Du glücklich bist, dann bin ich auch glücklich. Und das ist sehr viel.“ (Sara Lemel, dpa)