Doku.Arts: Von Träumen und Alpträumen

Die Werkschau „Doku.Arts“ vereint mehr als zwanzig Dokumentar- und Kompilationsfilme über Kunst und Künstler. Sie begann gestern Abend mit einer Hommage an Stanley Kubrick und dessen legendären Horrorfilm „Shining“ (1980). Kaum war dieses, in einem leeren Berghotel spielende Gruselstück in den Kinos, überschlugen sich schon die Interpretationen. Von seriösen Professoren bis zu abstrusen Verschwörungstheoretikern nahmen sich alle möglichen Zuschauer des Films an, filterten aus ihm Motive psychischer Traumata und sexueller Obsessionen, aber auch historischer Schuld und Sühne. Ja, „Shining“ mit seinen visuellen Metaphern für eine im Grunde nicht darstellbare Grausamkeit wurde sogar als Kommentar zum Holocaust gedeutet. Jetzt widmet sich Rodney Ascher in „Room 237“ des Phänomens und lässt fünf Kommentatoren zu Wort kommen. Deren Annäherungen an „Shining“ bewegen sich zwischen krudem Wortgeklingel und erhellender Detailbesessenheit – und machen „Room 237“ zu einer vergnüglichen intellektuellen Zeitreise (Wiederholung des Films am 17..9., 20 Uhr; ab 19.9. läuft „Room 237“ regulär in den Kinos).

Zur Auswahl von „Doku.Arts“ gehören zahlreiche Porträts, etwa über den japanischen Architekten Tadao Ando („Von der Leere zur Unendlichkeit“) oder auch den Sänger, Saxophonisten und experimentellen Komponisten Enzo Avitabile („Enzo Avitabile Music Life“). Die russisch-amerikanische Koproduktion „A Punk Prayer“ widmet sich dem Phänomen des feministischen Punkrock-Kollektivs Pussy Riot, dokumentiert den Gerichtsprozess gegen die aufmüpfigen jungen Frauen und „legt das menschliche Gesicht hinter der Maske der Provokation“ frei. Spannend auch „Our Nixon“, eine Kompilation aus mehr als fünfhundert Spulen Super-8-Farbfilmmaterial, das drei enge Berater des US-amerikanischen Präsidenten Richard Nixon vor mehr als vierzig Jahren aufnahmen und das endlich an die Öffentlichkeit gebracht werden konnte: ein frischer Blick auf eine desaströse Epoche der amerikanischen Politik.

Sehr zu empfehlen ist „Final Cuts: Ladies and Gentlemen“ des ungarischen Regisseurs György Palfi. Nach seinen viel beachteten Spielfilmgrotesken „Hukkle“ (2002) und „Taxidermia“ (2006) nahm er sich die Zeit und Muße, Szenen aus mehr als fünfhundert klassischen Filmen zu einer Melange zu vereinen, die sich mit stets wiederkehrenden Grundmotiven im Kino befasst: Liebe, Eifersucht, Hass, Hoffnung, Sehnsucht, Tod. Palfi, der von Sergej Eisenstein bis Andrzej Wajda, John Ford bis Alfred Hitchcock so ziemlich alles gesehen hat, was im Kino gut und teuer war, versteht seine Puzzlearbeit nicht zuletzt als Traumreise in die Welt des Unterbewussten: Wir jedenfalls folgen ihm hochgradig amüsiert.

Eher kontemplativ wirkt dagegen „Inventory of the Motherland“ von Ben van Lieshout, ein Film, der an den Fotografen Sergej Produkin-Gorskij (1863-1944) und dessen Kunst der frühen Farbdias erinnert. Produkin-Gorskij war zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom russischen Zaren Nikolaus II. mit einem eigenen Dunkelkammer-Zug ausgestattet worden, um in entlegene Gebiete des Riesenreichs zu fahren und dem Herrscher Aufnahmen von jenen Landstrichen zu offerieren, in die er selbst nie einen Fuß setzen würde. Die mehr als 10.000 Glasnegative befinden sich heute in der Library of Congress in Washington, wurden digitalisiert und dienten dem Regisseur als Grundlage, nun selbst eine Fahrt in die von Produkin-Gorskij bereisten Gebiete zu unternehmen, nach Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart zu suchen. Ohne Kommentar, mit langen meditativen Einstellungen, ohne raumzerstörende Zooms, dafür mit horizontalen Kamerafahrten zeigt der Film ein Universum, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Landschaften, Tiere, Kirchen, Bauernmärkte, bärtige Priester, Kulturhäuser und Denkmäler aus realsozialistischen Zeiten: Das alltägliche Russland wird gleichsam in aller Sinnlichkeit zelebrier .

Doku.Arts – Second Hand Cinema Zeughauskino bis 29..September.