Dokumentarfilm "Der Imker": Asyl in der Natur

Er mag es, wenn sie ihn stechen, sagt Ibrahim Gezer. „Die Stiche sind gut gegen Rheuma.“ Mit ruhiger Hand zieht er die Stachel aus der Haut seines Unterarms. Ein Bienengift-Allergiker wäre wohl schon bewusstlos. Aber Ibrahim Gezer scheint gegen gar nichts allergisch zu sein, auch nicht gegen die Zumutungen der Bürokratie.

Der Dokumentarfilmer Mano Khalil porträtiert mit Ibrahim Gezer einen Menschen, der von seinen Träumen nicht ablässt, obwohl ihn das Leben dazu zwingen will. Gezer stammt aus einem kurdischen Dorf in der Türkei. Als Imker hatte er es zu Wohlstand gebracht, mit seiner Frau und elf Kindern bewohnte er ein großes Haus.

Seit dem Tag, als die türkische Armee das Dorf verwüstete, hat Gezer fast alles verloren. Seine Frau nahm sich das Leben, vier seiner Söhne sind tot. Nach Jahren auf der Flucht, versteckt in den Bergen, gelang Ibrahim Gezer die Flucht in die Schweiz. Sieben seiner Kinder lebten dort schon im Asyl. Die Schweiz zeigt Mano Khalil in diesem Film als Land mit offenen Armen. Allerdings muss alles ordentlich vonstatten gehen, und wer da mit unordentlichen Papieren ankommt, der kann auch keine Rente bekommen.

Ibrahim Gezer kann nicht beweisen, dass er schon 65 ist, die türkischen Dokumente machen ihn fünf Jahre jünger. Also muss er seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter an einem Verpackungsfließband für Kräuterbonbons verdienen. Zusammen mit Behinderten, denen wie ihm nur anspruchslose Arbeiten anvertraut werden. Das läge ihm doch, dieses natürliche Produkt, sagt sein Sachbearbeiter. Als Imker sei er ja auch gern in der Natur. Dabei aber verdiene er zu wenig, das sei ein Hobby, kein Beruf.

Ein Wunder von Geduld und Zutrauen

Mano Kahlil zeigt den alten Mann inmitten all dieser Widrigkeiten als Wunder von Geduld und Zutrauen. Psychologen sprächen von hoher sozialer und emotionaler Kompetenz. Es bleibt in diesem Film angenehm rätselhaft, woher all diese überlebensnotwendigen Eigenschaften kommen. Gezer findet schnell Freunde, eine junge Bauernfamilie versorgt er mit seinem Hobby-Honig. Der adoptierte Großvater spricht zwar nur fragmentarisch Deutsch. Er verständigt sich anders, mit Blicken, mit Händen, mit einer Warmherzigkeit, die alle einhüllt, denen er begegnet. So auch die Zuschauer dieses Films. Das ist nicht selbstverständlich, denn oft löst gerade die überbordende Sympathie, die ein Regisseur seinem Helden entgegenbringt, beim Publikum Abwehrreflexe aus. Doch Mano Khalil hat trotz aller Loyalität mit Gezer einen genauen Blick für das, was diesen Menschen ausmacht.

Es ist die unvoreingenommene Zuwendung, die dieser Mann jedem entgegenbringt. Sei es dem Baby der Wahlfamilie, sei es dem kleinen Enkel, der statt den Bienenstöcken lieber den Großvater einräuchert. Aber es gibt nicht nur Idyllen. Gezers winziges Appartement über einer Kneipe ist kein Ort, an dem sich jemand zu Hause fühlen kann. Die Aufnahmen dort zeigen ihn traurig, ohne Bezug zu den Gegenständen, die ihn umgeben. Der Imker gehört der Natur an, zu der er wie die Bergbauern kein sentimentales Verhältnis hat. In großen Panoramen öffnet Khalil den Blick auf Gebirgslandschaften, die sich frappierend ähneln. Khalil erfindet die kurdische Schweiz.

Der Imker Schweiz 2013; Regie, Drehbuch, Kamera: Mano Khalil; Mit Ibrahim Gezer u. a. Dokumentarfilm, 107 Minuten