Natürlich handelt dieser Film vom Jazz. Er kann gar nicht anders; die Geschichte dieser Plattenfirma lässt sich nicht mit Geschäftsbilanzen erzählen. Er muss ein vielstimmiges Loblied auf die amerikanischste aller Kunstformen anstimmen, muss sich ihrem Rhythmus und ihrer Energie anvertrauen. Aber im Kern ist „It must schwing!“ ein Heimatfilm.

Er erzählt, wie an einem Ort ein Gefühl von Zugehörigkeit entsteht. „Blue Note“ war und ist das Zuhause für fast jeden Jazzmusiker von hohen Graden. Ron Carter, Herbie Hancock und Wayne Shorter sind nur einige von vielen lebenden Legenden, die berichten, wie sie in einer Firma heimisch wurden, die 1939 mit einem Kapital von zehn Dollar gegründet wurde und den Jazz weltweit für immer veränderte. Wie es sich für einen guten Heimatfilm gehört, handelt auch dieser von Verlust, Bedrohung und Utopie. 

Hommage aus Deutschland

Am Anfang dieser Geschichte steht die Musikbegeisterung zweier Berliner Juden, die sich in den 1930ern in die USA retten konnten. Alfred Lion emigrierte schon 1934, sein Freund Francis Wollf hielt bis 1939 aus. Bis dahin blieb seine Leidenschaft unentdeckt, denn die Nazis hassten den Jazz zwar, wussten aber nicht genau, was er ist. Auch in New York war er damals ein Stiefkind der amerikanischen Kultur. Es war eine schwere Beheimatung für die zwei Emigranten. Aber sie halfen den Amerikanern, sich selbst besser zu verstehen.

Es ist mithin kein Zufall, dass diese Hommage aus Deutschland kommt. Überraschen darf diese Herkunft schon. Eric Friedler ist einer der besten Dokumentaristen, die fürs deutsche Fernsehen arbeiten. Er hat leidenschaftlich recherchierte Filme über Erich Honecker, die argentinische Militärdiktatur, den Genozid an den Armeniern, die Verstrickung der Industriellen-Dynastie Quandt in der Nazizeit gedreht sowie die munter pubertierende „Eis am Stil“-Saga. Friedler, der seinen neuen Film zur Premiere im „Babylon“ am Donnerstag vorstellt, ist ein Archäologe des Verschütteten und Verdrängten. Er legt tiefe, ungeahnte Schichten frei.

Einer der verstörendsten Erträge seiner Recherchen ist die Entdeckung, dass Jazz in Plattenläden seinerzeit nicht als Stilrichtung, sondern nach Hautfarbe der Musiker einsortiert wurde. Es gewinnt eine traurige Ironie, dass Lion und Wolff vor dem deutschen Rassenwahn flohen und sodann brüsk mit dessen amerikanischer Spielart konfrontiert wurden. 

Ungeheurer Elan der Zeitzeugen

Sie waren nicht nur farbenblinde Idealisten, die ihre Musiker fair bezahlten (sogar für Proben, unerhört!), sondern Schrittmacher: Auf dem Höhepunkt der Swing-Ära spürten sie, wie viel Moderne in der Luft lag: Stärker noch als die Konkurrenz bei „Verve“ bereiteten sie dem Bebop den Weg. 

Friedler montiert dies in atemlosem Tempo. Die Kaskade der Zeugnisse von Musikern, Familienangehörigen und Jazzhistorikern lässt kein Innehalten zu. Der Rhythmus degradiert sie oft zu bloßen Stichwortgebern. Einige gewinnen nach und nach Kontur: Sonny Rollins als politischer Visionär, Lou Donaldson als heiserer Schelm, Lions Ehefrauen als gewährendes Korrektiv. Thomas Schäfers Kamera liebt sie und gibt ihnen anmutig Raum. So wird auch in der Kurzatmigkeit der ungeheure Elan der Zeitzeugen spürbar. Für Puristen ist dieser flotte Bilder- und Klangteppich zuweilen eine Zumutung, wenn etwa schwermütige Schicksalsmusik ein Piano-Solo des tragischen Bud Powell übertönt.

Unschuld, Abgründe

„It must Schwing!“ kennt keine Bildernot. Der Rückgriff auf Animationssequenzen ist zwar längst ein Gemeinplatz in zeitgenössischen Dokumentarfilmen geworden. Aber Friedler setzt sie einfallsreich ein. Sie geben den Biographien ein Flair zuversichtlicher Unschuld, um im nächsten Augenblick erschreckende Abgründe zu offenbaren. Sie verleihen Friedlers lebhafter Geschichtsschreibung zusätzliche Sogwirkung. Der verschwiegene Wolff tritt aus dem Schatten seines Partners heraus, sein Einfluss auf die stilbildende Cover-Gestaltung des Labels kommt ebenso zur Geltung wie der Beitrag des kongenialen Toningenieurs Rudy van Gelder, bei dem jedes Instrument so klingt, wie man es nie zuvor gehört hat.

Zusehends schält sich auch die gesellschaftliche Bedeutung heraus, die das Label besaß. Die Apotheose, die „Blue Note“zum Soundtrack der Bürgerrechtsbewegung erklärt, ist zwar historisch anfechtbar. Aber man möchte es allzu gern glauben, wenn man in einer Animationsszene sieht, wie sich der KuKluxKlan im Tempo von Billie Holidays „Strange fruit“ bewegen muss.

It must schwing! Die Blue-Note-Story 
Deutschland 2018. Regie: Eric Friedler. Drehbuch Friedler und Silke Schütze, Co-Produzent: Wim Wenders, Dokumentarfilm, Schwarzweiß und Farbe, 118 Minuten, FSK: ab 12 Jahren