Werner Klemke hat zwei Leben gelebt. In seinem zweiten wurde er der bekannteste Buchkünstler der DDR, Professor an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, mit Ehrungen bedacht. Von dem ersten Leben wussten nicht einmal seine Kinder. Es war verborgen in seinen Erinnerungen und in einem Dokumentenschrank der Synagoge von Bussum in der Nähe von Amsterdam. Die Niederländerin Annet Betsalel hat Papiere gefunden, die zu Werner Klemkes verborgener Lebensgeschichte führten. Durch Zufall: Sie half nur ihrem Mann, der Kantor in der dortigen jüdischen Gemeinde ist, Unterlagen für eine Chronik zu ordnen.

Betsalel rekonstruierte von den ersten Blättern ausgehend die Zusammenhänge, nahm Kontakt zu den damit verbundenen Familien auf, befragte sie – und drehte den Dokumentarfilm „Treffpunkt Erasmus“. Er lief zuerst im Mai auf dem Jüdischen Filmfestival in Potsdam und Berlin und kommt nun endlich regulär ins Kino.

Seltene Dokumente und feiner Humor

Der nachrichtliche Kern von Betsalels Entdeckung hat schon Verbreitung gefunden und ordentlich für Verblüffung gesorgt: Werner Klemke (1917–1994) fälschte als Soldat der deutschen Wehrmacht und Mitglied der Besatzungsarmee in den Niederlanden Dokumente für verfolgte Juden und rettete damit deren Leben. Er nutzte seine Fähigkeiten als Holzschnitzer und Steindrucker, brachte sich selbst in Gefahr und half anderen, die er gar nicht kannte. Ihm zur Seite stand der Fotograf Johannes Gerhardt, der später bei einem Luftangriff umkam.

Annet Betsalel erzählt in ihrem Film alles der Reihe nach. Dabei hilft ihr ein Kriegstagebuch, das Klemke rückblickend schrieb und zeichnete – ein Unikat. Die Zeichnungen daraus hat sie für kurze Sequenzen animiert. Auch auf einige Schwarz-Weiß-Fotos kann sie zurückgreifen.

Zwischendurch blickt sie in das offizielle zweite Leben von Werner Klemke mit ein paar Ausschnitten aus dem DDR-Fernsehen. Sie zeugen von seinem feinen Humor. Vor allem aber lässt sie Klemkes Kinder zu Wort kommen, die heute um die 60 Jahre alt sind. Die Tochter Ulrike Braun und der Sohn Christian Klemke begleiteten die Regisseurin sogar über eine längere Strecke der Reise und stellen eigene Fragen. Sie waren auch mit in der Buchhandlung, die dem Film den Namen gab: Bei „Erasmus“ in Amsterdam versorgte sich der junge Klemke mit Literatur, die in Deutschland verboten war, etwa von Kurt Tucholsky. Mit dem Buchhändler kam er damals ins Gespräch. Ein Freund von diesem brachte Klemke schließlich dazu, die Dokumente zu fälschen.

Die Geschichte eines guten Deutschen

Klemkes Tochter Sabine Kahane lebt heute als Malerin in Israel. Sie erzählt, dass alles, was mit den Niederlanden zu tun hatte, ihrem Vater zum Strahlen brachte. Er schrieb sich Briefe mit den Freunden von einst, weihte aber die Kinder nicht genau ein, worauf diese Freundschaft gründete. Seine Tochter Christine Klemke, die als Kunstlehrerin in Weißensee arbeitet, fand sogar erst durch Zufall heraus, dass ihr Vater einst Schüler der Schule war, an der sie heute unterrichtet. Christian Klemke, der sonst selbst als Dokumentarfilmer Lebensgeschichten rekonstruiert, schildert die Atmosphäre zu Hause in der Wohnung voller Bücher, mit vielen Gästen, die den Vater achteten.

Man spürt, dass er den Vater noch einmal neu sehen lernte, weil es dem wichtig war, dass seine Leistung als junger Mann verborgen blieb. Ulrike Braun, wie die Schwestern Künstlerin geworden, vermutet, dass es ihm in der DDR nicht gut bekommen wäre, darüber zu sprechen. Urkundenfälschung hätte man als Straftat angesehen, in wessen Dienst auch immer. Zudem konnte man in der DDR den Eindruck haben, dass der kommunistische Widerstand gegen die Nazis höher geschätzt wird als andere Formen des Gegnertums.

Der Film erzählt die Geschichte eines guten Deutschen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht oft erzählt werden konnte. Er zeichnet zugleich ein warmherziges Porträt des Mannes, der als öffentliche Person eher zurückhaltend auftrat. Seine 423 Titelbilder für die Zeitschrift Das Magazin machten ihn berühmt. Mit Klemkes Illustrationen etwa für die „Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm“ oder zu Fred Rodrians Geschichte von „Hirsch Heinrich“ wuchsen Generationen auf.

Mehr als 800 Bücher hat Werner Klemke gestaltet. Seine Studenten schätzten seinen Weitblick in einem Umfeld von Engstirnigkeit. Klemkes Kinder berichten voll Achtung von seinem großen Fleiß („Er arbeitete praktisch immer.“) und von seiner geistigen Unabhängigkeit („Wir durften nicht zu den Pionieren.“). So entsteht ein anderes Bild, als es der Durchschnittsbürger in der DDR haben konnte. Es ist Annet Betsalels große Leistung, nicht nur das stille Heldentum von Werner Klemke ans Licht befördert zu haben, sondern auch sein Werk vor dem Vergessen zu bewahren – ja, es manchen Deutschen, die westlich der Mauer aufwuchsen, überhaupt erst nahezubringen.

„Treffpunkt Erasmus“

NL/Dtl. 2015.

Regie & Buch: Annet Betsalel.

98 Minuten. FSK ab 6 Jahre.

Ab Donnerstag in vielen Kinos.

Update vom 28. August um 15.30 Uhr: In einer früheren Version des Artikels hieß es, in der DDR sei "nur der kommunistische Widerstand gegen die Nazis geehrt worden". Das ist in dieser Ausschließlichkeit falsch. Kommunistische Antifaschisten wurden besonders geehrt, doch der jüdische und bürgerliche Widerstand wurde nicht verschwiegen.