Dokumentarfilm von Asif Kapadia: Singen, schwanken, sterben - ein Film über Amy Winehouse

Kurz vor dem Ende tapst sie gekrümmt und unsicher an einer langen Schlange von Fotografen vorbei, ihr schwarzer Lidstrich lässt die leeren Augen noch tiefer in den Höhlen verschwinden wie bei einem Leichnam, ihre markante Bienenkorbfrisur ist schief und zerfranst und scheint ihr zitterndes Köpfchen noch weiter zu beschweren und auf den Boden zu drücken, sie sieht aus wie ein großer, greiser, verwundeter Vogel, ein herzzerreißendes Bild: Ecce homo.

Die Passionsfigur, der wir in diesem Film beim Singen und Sterben zusehen, heißt Amy Winehouse und war für einen kurzen Moment, in der Mitte des letzten Jahrzehnts, der erfolgreichste britische Popstar. Ihr zweites Album „Back to Black“ verkaufte sich zigmillionenfach, obwohl oder gerade weil die darauf zu hörenden Songs keinen Bezug zur musikalischen Gegenwart besaßen, sondern sich kompetent epigonal in den Klangwelten des Sechzigerjahre-Soul-Jazz bewegten.

Als „Back to Black“ 2006 erschien, war Amy Winehouse 23 Jahre alt. Ein drittes Album hat sie nicht mehr fertiggestellt, immer tiefer versank sie in ihrer Drogenabhängigkeit, sagte Tourneen ab oder verließ bei Konzerten nach wenigen Momenten die Bühne; in den letzten Jahren ihres kurzen Lebens sorgte sie vor allem als unablässig und von allen Seiten grell ausgeleuchtetes Suchtwrack für Aufsehen, die erste große Pop-Tote unter den Bedingungen der alles überwachenden Digitalöffentlichkeit.

Der britische Regisseur Asif Kapadia hat nun einen Dokumentarfilm über Amy Winehouse gedreht, der größtmögliche Authentizität und Nähe zur Künstlerin mit einem analytischen Anspruch zu verbinden will; er möchte zeigen, wie Winehouse „wirklich“ war, um auf der Grundlage dieser Erkenntnis die destruktiv-entfremdende Kraft der Massenmedien zu kritisieren. Leider nur erreicht er in seiner ästhetischen Selbstreflexion in keinem Moment ein Niveau, von dem aus sich diese anspruchsvolle Aufgabe erledigen ließe.

Stimmen von Menschen, die Winehouse begegnet sind

Stark wiegt schon, dass Kapadia seine Quellen nicht nennt und die Montage des dokumentarischen Materials vollkommen intransparent bleibt. Er hat Unmengen bislang unveröffentlichter privater Videoaufnahmen von Winehouse gesichtet und aneinander montiert, doch erfährt man im Film nicht, von wem sie unter welchen Umständen verfertigt wurden. Dazu hört man aus dem Off unablässig Stimmen von Menschen, die Winehouse aus den verschiedensten Gründen begegnet sind; doch auch die Frage, wer gerade spricht, wird nicht beantwortet, die Interviewpartner sind nicht zu sehen und werden auch nicht durch Inserts identifiziert; man kann nicht einmal unterscheiden, ob die Fragmente aus Gesprächen stammen, die der Regisseur selber geführt hat, oder ob sie aus anderen Kontexten einmontiert wurden.

So hat man schnell das Gefühl, bei aller vorgespiegelten Dokumentarfilm-Analytik einem seinerseits manipulativen Werk beizuwohnen. Erschwerend kommt hinzu, dass Kapadias Empörung über den medialen Voyeurismus ihn nicht daran hindert, die gesamte Dramaturgie von „Amy“ in einer sehr langen Einstellung kulminieren zu lassen, in der Winehouse geistesabwesend über eine Open-Air-Konzertbühne taumelt, bei ihrem nach wenigen Minuten abgebrochenen Comeback-Versuch auf einem Festival in Belgrad. Das ist in der überlebensgroßen Überhöhung eines kurzen Moments tragischer menschlicher Kleinheit dann aber nichts anderes als jene Elendspornografie, die Kapadia zu kritisieren vorgibt.

Der Erfolg von Amy Winehouse rührte aus Mittelmäßigkeit und Visionslosigkeit

Auch die weidlich ausgewalzte Biopic-typische Praxis, die Bedeutung der Künstlerin durch Statements anderer Stars („größte Sängerin des neuen Jahrhunderts“ und so weiter) zu beglaubigen, beschädigt die Aussagekraft. Interessant an Winehouse war ja gerade, dass ihr Erfolg aus Mittelmäßigkeit und Visionslosigkeit rührte. Anders als alle anderen früh verstorbenen oder in der Sucht versunkenen Popstars, deren Leben man als Passionsgeschichte zu erzählen pflegt – sagen wir mal: Jimi Hendrix, Brian Wilson, Ian Curtis –, war Winehouse gerade keine Revolutionärin. Ihre Musik war „retro“ im vollen Sinne des Wortes; sie wollte nichts erfinden, behaupten, verändern; sie blickte nicht nach vorn, sondern nur zurück; Musik für Menschen, die vor der Überforderung durch die Gegenwart in die Vergangenheit fliehen möchten.

Von diesen gab es am Ende der Nullerjahre, als das Internet endgültig die Herrschaft in der Medienwelt übernahm, sehr viele, und nur wenn man versteht, was das eine mit dem anderen zu tun hat, wird man auch die Dialektik begreifen, die den Siegeszug der neuen Medien mit der von diesen ermöglichten wie auch zerstörten Karriere von Amy Winehouse verbindet. In Asif Kapadias Film, der pathetisch mit einer Beerdigungsszene endet, ist von dieser Dialektik nicht das Geringste zu sehen.