Die Stimme von Hanna Schygulla duftet wie ein frischer Hefezopf. Knusprig, dampfend, herrlich gemütlich liest sie aus alten Erinnerungen vor: Die Straßen seien voller Bäckereien gewesen. Jede einzelne von ihnen hatte sich spezialisiert: auf „Bejgel“, Kringel, Brote, mit Mohn oder ohne. Dazu sieht man bewegte Schwarz-Weiß-Bilder aus Słonim, einem damals polnischen, heute weißrussischen Städtchen, wo Issa und Szczara zusammenfließen.

Aufgenommen wurden sie im Jahr 1929 von einem Amateurfilmer, einem polnischen Juden, der in die USA ausgewandert war und nun auf Besuch heimkam, um zu sehen, wie die „Mischpoche“ so lebte und um vielleicht hier und da zu helfen.

Wir sehen einen hochgewachsenen, hageren Mann im Kaftan durch die Straßen gehen. Moische Fuksman sei das gewesen, erzählt die Stimme von Schygulla, der den Anbruch des Sabbat ausrief: Ein frommer Asket; er hat jeden Morgen im Fluss gebadet, kaum Geld besessen, aber welches gesammelt für noch Ärmere.

Alle kamen zu ihm, um sich segnen zu lassen: Juden, Orthodoxe, Katholiken. Als die Bilder aufgenommen wurden, hatte er noch zehn Jahre und zehn Monate zu leben. Dann wurde auch er ein Opfer der planvollen Ausrottung aller Juden in Polen durch die deutschen Nationalsozialisten.

Ungewöhnliche Dokumentation

„Po-lin – Spuren der Erinnerung“ heißt dieser ungewöhnliche Dokumentarfilm von Jolanta Dylewska. „Po-lin“ bedeutet auf Hebräisch: „Hier bleiben wir“ oder auch: „Hier ist es gut zu wohnen“. Die europäischen Juden haben im Mittelalter den deutschen Namen „Polen“ phonetisch gedeutet, auch – wie man mitunter lesen kann – den lateinischen Namen „Polonia“ als „Po-lan-ja: Hier wohnt Gott“.

Grund war die tolerante Siedlungspolitik polnischer Könige im Mittelalter gegenüber jüdischen Migranten auf dem Kontinent. So entstand über mehrere Jahrhunderte hinweg in der Doppelmonarchie der polnisch-litauischen Union eine der größten jüdischen Gemeinden Europas. Ungefähr dreieinhalb Millionen Juden lebten 1939, im Jahr des deutschen Überfalls auf Polen, im Land, etwa ein Zehntel der einheimischen Bevölkerung.

Ungewöhnlich ist dieser Film, weil er sich weniger auf Geschichtsbücher und Statistiken verlässt, sondern auf jene Art der Erinnerung, wie sie familiär weitergegeben wird – die Erinnerung aus der konkreten Anschauung, aus der „Mikroperspektive“, wie man akademisch sagen würde: Amateurfilme amerikanischer Juden auf Heimatbesuch aus den Jahren 1929 bis 1937 werden hier verknüpft mit Erzählungen letzter Zeitzeugen, die als Kinder noch das Miteinander von Juden und Polen erlebt haben.

Das Wappen des gut dreihundert Jahre alten Ortes Kolbuszowa zeugt davon bis heute: Zwei Hände umschließen sich; dazu sieht man einen Davidsstern und ein Kreuz. „Als die Deutschen die Juden wegschafften, war es traurig“, lautet der erste gesprochene Satz einer polnischen Frau in diesem Film.

Der polnische Antisemitismus wird nur beiläufig zum Thema bei der Erwähnung von Nationalisten, die einen Markt stürmten und jüdische Händler schlugen, und bei einer Initiative zur „Entjudung des polnischen Handels“, die es in den 1930er-Jahren im Ostteil des Landes gegeben habe.

Vielstimmige Erinnerung

In der streng subjektiven Erzählweise dieser Filmdokumentation ist kein Platz für polnische Pogrome oder für den Beifall der Polen zum gewalttätigen Judenhass der Deutschen, von dem Mordechaj Gebirtig aus Krakau berichtet hat. Trotzdem besitzt diese geradezu idyllische Erzählweise ihr eigenes Recht, da Erinnerung immer vielstimmig sein muss.

Wir hören Geschichten von Milchmännern, Wasserträgern und Schulbuchverkäufern; von einem Uhrmacher, der mit den Uhren wie mit kranken Menschen redete; von einem Fuhrmann, der ein Pferdeschinder war. Wir sehen Kittel, Mützen, Bärte, Leiterwagen: das Schtetl, wie es Scholem Alejchem mit seinem Kasrilewke literarisch beschrieben hat.

Wir erfahren etwas über die Frömmigkeit der Chassidim, die im Aushalten der Gottesnähe und im Schenken von Freude bestanden habe. Und wir hören von ergreifenden Freundschaften zwischen Polen und Juden; von Toten, die noch heute im Traum zu Besuch kommen.

Es entsteht aus der Erinnerung wieder eine Welt, in der die Stadt mehr war als ein anonymer Durchgangsraum; wo man sich ansah, sich begegnete in der ganzen Fülle des Wesens; wo sich Hände und Seelen der Kinder berührten und wo man Verschiedenheit würdigte, weil man seiner selbst sicher war. Mit den Menschen, die gestorben sind oder ermordet wurden, ist uns vor allem eines verloren gegangen: die Geborgenheit in alltäglich vorgelebter Überlieferung.

"Po-lin – Spuren der Erinnerung": DVD erschienen bei Absolut Medien, ca. 14 Euro.