Kinder im Warschauer Ghetto.
Foto: imago

Berlin - Im Waisenhaus im Getto Litzmannstadt schrieben die Kinder zusammen mit ihren Erzieherinnen vom August 1940 bis 1942 eine Zeitung. In der Ausgabe vom 16. Januar 1942 schildert die Erzieherin Lunia, wie sie mit den Kindern übereinkam, Kameradinnen nicht mehr zu beschimpfen. Eines der Mädchen fragte nach den langen Diskussionen wohl etwas verzweifelt: „‚Was soll ich sagen, wenn ich mich mit jemandem streite?‘ Das ist schon eine Überlegung wert. Es kamen Vorschläge: Du Kalb, Du Pajbo (Pfeife), Du Schlechte u. ä. Am besten gefiel uns: ‚Du Kalb!‘ Ein Kalb ist ein sehr gutmütiges Lebewesen, und Kalbfleisch ist lecker. Lasst Euch nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen. Denkt nicht, dass die Mädchen sich weiterhin hässlich ausdrücken. Nein, hört nur gut zu, und Ihr werdet ‚Du Pfeife!‘ hören.“ (Band 10) Eine Fußnote des Herausgebers fügt dem Dokument hinzu: „Das Waisenhaus wurde Anfang September 1942 geschlossen, die Kinder wurden in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort ermordet.“ Wir wissen nicht, was aus der Erzieherin Lunia wurde. Wir wissen nicht einmal ihren vollen Namen. Wir sind versucht, uns lustig zu machen über ihre Erziehungsversuche. Aber sie hat mitten im Wahnsinn der Vernichtung festgehalten an der Vernunft. Sie hat den ihnen anvertrauten Mädchen nicht einfach etwas verboten. Sie ließ die Wut über die Kameradinnen ausdrücklich zu. Es ging nicht darum, sie zu unterdrücken. Es ging darum, ihr den richtigen Ausdruck zu geben. Also sie so zu äußern, dass der Streit nicht eskalierte. Lunia ließ nicht davon ab, die Mädchen als vernünftige Menschen zu behandeln. Sie wusste wohl: Nur so haben sie eine Chance, welche zu werden.

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