Dokumentation über die DDR: RBB zeigt vergessene DDR-Filme

In den ersten Minuten verheißt die RBB-Doku eine Sensation. Über 300 „geheim gehaltene Filme“ aus DDR-Zeiten wären im Archiv jetzt wiederentdeckt worden, ein „Schatz, der selbst Insider überrascht“. Tatsächlich hatte das Staatliche Filmarchiv der DDR von 1972 bis 1986 von einem kleinen Team Filme gedreht, die nicht sofort veröffentlicht werden sollten, sondern als Materialsammlung für künftige Zeiten dienten.

Missstände sollten nicht etwa aktuell vorgeführt werden – sondern erst, wenn sie „überwunden“ sind. Zunächst interviewten die Archivare Parteifunktionäre, die sich hier mitunter offener gaben als in den öffentlichen Medien.

Verschimmelte Wäsche

Die RBB-Dokumentation zeigt als Beispiel das Gespräch mit dem SED-Funktionär Karl Mewis, der hier beschreibt, wie viel Druck er mit seinen Genossen im Bezirk Rostock unternahm, um die Bauern in die LPG zu pressen. Ab Ende der Siebzigejahre ging die Staatliche Filmdokumentation (SFD) dazu über, auch Alltagsbeobachtungen einzufangen, meist im Viertel rings um den Rosenthaler Platz in Berlin, wo das kleine Team seinen Sitz hatte.

Die Doku zeigt Ausschnitte von Aufnahmen aus der Ackerstraße, wo die Grenzsicherungsanlagen zu sehen sind und sich ein staatstreuer Anwohner über die „Provokateure“ aus dem Westen beschwert. Auch Bilder von Wohnungen, in denen es jahrzehntelang hineinregnete und in denen die Wäsche im Schrank schimmelte, waren nie im DDR-Fernsehen zu sehen – wohl aber in den Filmen der Filmarchivare.

Für die Zuschauer dürften die meisten Aufnahmen einer „ungeschminkten, vergessenen und überraschenden DDR-Realität“ wohl neu sein – „geheim“ sind sie aber spätestens seit 1990 nicht mehr. Das erklärt Thomas Grimm auf Nachfrage der Berliner Zeitung. Der Filmemacher war 1984 nach seinem Rauswurf aus der SED bei den Filmdokumentaren untergekommen, hatte hier unter anderem Filme über einen pazifistischen Keramiker und über Umsiedler aus Schlesien gedreht und Interviews mit unbequemen Wissenschaftlern wie Rudolf Schottlaender und Jürgen Kuczynski geführt.

Nach der Wende setzte er einige Dreharbeiten fort und brachte einzelne Stoffe auch bei Fernsehsendern unter, etwa seinen Film „Christ und Keramiker“. Er katalogisierte sogar den gesamten Filmbestand. Doch seine Vorschläge, die interessantesten Filme der SFD im Fernsehen vorzustellen, stießen bei den Redakteuren der TV-Sender in den Neunzigerjahren auf kein Interesse. Neben Thomas Grimm arbeitete auch Regisseur Thomas Heise mit seinem Material aus der SFD: 2002 brachte er einen Filme über eine Polizeiwache 1985 ins Kino.

Bild der idealen DDR

So bleibt dem RBB immerhin das Verdienst, das Versäumte nachzuholen und die nicht versteckten, aber vergessenen Filme endlich in die Öffentlichkeit zu bringen. Thomas Eichberg und Holger Metzner befragen damalige Protagonisten und Filmautoren über die besonderen Umstände der Dreharbeiten, darunter auch Wolfgang Klaue, der als Chef des Staatlichen Filmarchivs die Gründung der SFD initiierte.

Allerdings erliegen die Autoren immer wieder der Versuchung, ihren Stoff künstlich aufzubauschen. So darf Filmwissenschaftlerin Anne Barnert allen Ernstes behaupten, nur die SFD-Filme hätten, im Unterschied zu allen sonstigen Filmen, die Widersprüche der DDR aufgezeigt: „Der DDR-Film, wie wir ihn kennen, zeigte die DDR eher, wie sie sein sollte.“ Doch dieses Bild der idealen DDR fand sich in der „Aktuellen Kamera“ – die besseren „Polizeirufe“ und Defa-Dokumentarfilme aber steckten durchaus voller Widersprüche, ganz zu schweigen von Spielfilmen wie „Spur der Steine“, „Die Legende von Paul und Paula“ oder „Solo Sunny“. Hinterhöfe im Prenzlauer Berg wurden beileibe nicht nur von den „geheimen“ Archivaren der SFD auf Film gebannt.

Auffällige Leerstelle

Thomas Grimm, der sich einem Auftritt in dieser Doku verweigerte, was dem Film einige auffällige Leerstelle beschert, führte nach 1990 das Prinzip der Staatlichen Filmdokumentation weiter. In seiner Firma „Zeitzeugen TV“ hat er, meist auf eigenes Risiko, mittlerweile über tausend Persönlichkeiten befragt, nicht zielgebunden für den aktuellen Anlass, sondern breiter gefächert – für morgen. Dieses besondere Erbe der SFD wird in der Doku nicht mal erwähnt.

Der geheime Blick – Wie die DDR sich selbst beobachtete, 22.45 Uhr, RBB