Die Künstlerin Veronika Fischer ging 1981 in den Westen und stand vor neuen Problemen.
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BerlinViele Bewohner der DDR hatten den Namen Wolf Biermanns bis zum November 1976 nur selten gehört. Seine Lieder waren eher einer verschworenen Gemeinde bekannt, bestenfalls kursierten einzelne Textzeilen. Erst als der seit 1965 in seiner ostdeutschen Wahlheimat systematisch totgeschwiegene Liedermacher ausgebürgert wurde, erlangte er weitreichende Berühmtheit. Das war bei anderen Musikern ganz anders.

Die Renft-Combo zum Beispiel war ausgesprochen populär, ihre Songs wurden von Tausenden Jugendlichen geliebt. Deshalb erlebte die Band auch eine hartnäckige Umkreisung durch FDJ und Konzert- und Gastspieldirektion. Sie wurde zeitweilig stark gefördert, erhielt Preise und trat im Fernsehen auf. Erinnert sei an ihren fulminanten Auftritt während der Weltfestspiele 1973 auf dem Alexanderplatz.

Versagen der Kultur- und Jugendpolitik

Doch die Leipziger Jungs blieben – bis auf eine Ausnahme – unbestechlich. Die zunehmende Kriminalisierung der Anti-Puhdys mit Auftrittsverbot, Verhaftungen und letztlich Ausweisung geriet für die SED in den Jahren 1975–77 zum PR-Totaldesaster. Einmal mehr wurde dadurch das völlige Versagen einer lediglich auf Schadensbegrenzung ausgerichteten Kultur- und Jugendpolitik deutlich.  

Mit der aktuellen Film-Dokumentation „Nach drüben – Ost-Stars wechseln die Seiten“ von Michael Rauhut und Tom Franke gibt es nun erstmals ein filmisches Gruppenporträt über den Exodus der Barden aus dem Osten.

Da die Produktion fürs Fernsehen entstand, gibt es den üblichen Mix aus erklärenden Kommentaren, Zeitzeugen-Aussagen und Expertenstimmen, das Ganze durchsetzt mit teils anrührenden, teils bizarren Archivaufnahmen.

Neue Gesprächspartner, neue Themen

Dennoch haben wir es hier mit einem sehenswerten Beitrag im derzeit kaum mehr überschaubaren Erinnerungsschub zu tun. Dies liegt vor allem an der unverbrauchten Auswahl der Gesprächspartner sowie an bislang nur wenig thematisierten Problemlagen. Die in anderen Zusammenhängen bereits ausführlich behandelten Fälle von Wolf Biermann, Manfred Krug, der Renft-Combo oder Nina Hagen kommen hier nur als Fußnoten vor.

Nina Hagen kommt in der Dokumentation nur am Rande vor.
Foto: rbb/Herbert Schulze

Die berühmteste im Film interviewte Künstlerin ist Veronika Fischer, die 1981 endgültig den Weg von Ost- nach Westdeutschland gegangen war. Sie hatte in einem zähen Kampf mit den Kulturfunktionären um ihre Ausreise gerungen – als eine der beliebtesten Sängerinnen sollte sie um fast jeden Preis im Lande gehalten werden. An diesem Beispiel werden auch die Stärken des Films von Rauhut und Franke am deutlichsten.

„Systemwechsel“ löste nicht alle Probleme

Es zeigt sich nämlich, dass sich mit dem „Systemwechsel“ der Künstler von einem Teil Deutschlands in den anderen keineswegs alle Konflikte auflösten, sondern, im Gegenteil, auch neue und sogar komplexere hinzukamen. Im Fall von „Vroni“ sah das so aus, dass ihr West-Management alles daran setzte, ihr ein neues Image überzustülpen. Sie wurde ganz auf Schlager getrimmt, die in ihrem Sound angelegten Soul- und Jazz-Elemente hingegen wurden weitgehend eliminiert.

Als sie dann 1983 für die Bundesrepublik am Eurovision Song Contest teilnahm, landete sie dort auf dem vorletzten Platz. Es kostete sie viel Mühe und Zeit, wieder als anspruchsvollere Musikerin akzeptiert zu werden. 15 Jahre vorher hatte die Flucht des Liedermachers Reiner Schöne für Aufsehen gesorgt. Als die FDJ-Singebewegung immer stärker unter die Kandare der SED genommen und der Hootenanny-Klub in Oktoberklub umbenannt wurde, zog er sich auf Soloprojekte zurück. Schon damals wirkte der gern im eleganten Dreiteiler auftretende Sänger wie von einem anderen Stern.

Triumphe und Ängste beim Übergang von Ost nach West

Im Mai 1968 setzte er sich nach West-Berlin ab, schlug später eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler („Star Trek“) und Synchronsprecher (William Dafoe) ein. Im Film erzählt er von seinen Triumphen und Ängsten beim Übergang von Ost nach West. Für die Kamera greift er noch einmal zur Gitarre. Am radikalsten hatten sich 1980 die Musiker der Rockband Magdeburg von der einengenden DDR-Kulturpolitik distanziert.

Waren sie 1975 noch kompromissbereit genug, um ihren provozierenden Namen Klosterbrüder abzulegen, war für sie fünf Jahre später das Maß voll. Als sie sich weigerten, sich für einen Auftritt in der Jugendsendung „Rund“ die Haare zu schneiden, entzog man ihnen die Spielerlaubnis. Daraufhin stellte Magdeburg geschlossen einen Ausreiseantrag.

Für diesen Mut wanderten Dietrich Kessler und Hans-Joachim Kneis für mehr als ein Jahr in den Knast. Im Film erinnert sich Kessler daran ohne Verbitterung. 1992 fanden die alten Kollegen wieder zusammen. Seit 2000 treten sie wieder als Klosterbrüder auf. Schon 1979 hatten sie prophetisch gereimt: „Werden wir noch alt, so wie’s uns gefällt? Oder lebst du bald in einer andren Welt?“

Filmpremiere „Nach drüben – Oststars wechseln die Seiten'', Volksbühne, 15. 11., 20 Uhr, anschließend Konzert der Reiner-Schöne-Band