Noch laufen im Fernsehen die Filme, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. So zeigt das ZDF Montagabend um 20.15 Uhr „Die Suche nach den verlorenen Söhnen“. Doch schon rückt der nächste Jahrestag unerbittlich heran: Vor 75 Jahren überfiel Deutschland Polen. Im Unterschied zum Ersten „Weltenbrand“ ist der Zweite Weltkrieg schon so ausgiebig im Fernsehen aufgearbeitet worden, dass sich die Frage stellt: Lässt sich überhaupt noch grundlegend Neues erzählen?

Einige Sender greifen zu Wiederholungen. So zeichnet der ARD-Film „Sommer 1939“ (1.9., 22.45) mit Zeitzeugen wie Marcel Reich-Ranicki, Andrzej Wajda, Pavel Kohout oder Margarete Mitscherlich ein stimmungsvolles Panorama kurz vor Kriegsbeginn. Der Film wurde 2009 erstmals ausgestrahlt, ebenso wie die vierteilige Weltkriegs-Reihe des ORF, die am 1.9. und 2.9. auf 3Sat läuft.

Fotos und ihre Geschichte

Dass es auch andere Perspektiven gibt, sich dem Krieg der Großväter zu nähern, zeigt der RBB, der hier seine traditionell guten Kontakte zu polnischen Filmemachern ausspielt. Im Film „AGFA 1939“, der heute um 23.30 Uhr in der ARD läuft, macht sich Michal Wnuk auf die Reise nach den Hintergründen von 120 Fotos und zwei Filmrollen, die er zunächst seinem Großvater zuschrieb.

Der diente als Arzt in der Wehrmacht und galt dem Enkel als verdächtig: „Opa Alois, hast Du ein Geheimnis?“ Doch bald erfährt er, dass die Bilder von brennenden Synagogen und Deportationen seinem Großonkel gehörten, der auf der Gegenseite kämpfte, der polnischen Heimatarmee. Im Gespräch mit der greisen Schwester des Untergrundkämpfers stellt sich heraus, dass sie als Jugendliche unter Todesgefahr für die Heimatarmee gearbeitet hat. Auch die Suche nach den Figuren auf der Schmalfilmrolle führt Michal Wnuk zu den Tragödien jener Jahre.

Die Personen, die sich stolz auf einem Ausflug filmten, waren Schlesier, die nach dem Krieg vertrieben wurden. Wie hartnäckig sich der junge polnische Autor durch die Archive arbeitet, wie locker er Leute aufschließt und wie uneitel er sich selbst vor der Kamera einbringt, das ist anregend: Warum nicht mal nachforschen, was es mit Opas Kriegsfotos auf sich hat?

Der RBB bewies Mut zum Risiko, als er einem Debütanten vertraute, der den Ausgang seiner Recherchen noch gar nicht kannte. „Vor zehn Jahren hätte ich den Film noch nicht drehen können“, erklärte Wnuk bei der Filmvorstellung im „Club der polnischen Versager“ in Berlin. Erst heute könne etwa über den Dienst polnischer Bürger in der Armee der deutschen Besatzer überhaupt geredet werden.

Zerrissene Familien

Auch Wioletta Weiß erforscht in ihrem Film „Großvater war in der Wehrmacht“, der 2.9. zusammen mit dem Film von Michal Wnuk im RBB läuft, solche Biografien im ihrem polnischen Heimatdorf. Sie führt nachdrücklich vor, wie zerrissen Familien bis heute sind, in denen manche Söhne in der Wehrmacht kämpften, Verwandte aber auf Seiten der Heimatarmee oder der Westalliierten.

Eine halbe Millionen Polen dienten, freiwillig oder zwangsverpflichtet, der Wehrmacht – darunter der Großvater des heutigen Präsidenten Donald Tusk. Im Nachkriegspolen hatten die stalinistischen Herrscher kein Problem mit der Wehrmachtsvergangenheit. Dagegen galten die Kämpfer der Heimatarmee als verdächtig. Der Großonkel von Michal Wnuk überlebte den Krieg – nicht aber die Geheimpolizei Stalins.

Neue Einblicke in die Kriegsgeschichte bietet auch die polnisch-französische Produktion „Verraten und verloren“, die morgen auf Arte gezeigt wird. So herrschte Anfang September 1939 in Warschau noch Jubel und Siegesfreude – als die Westalliierten den Polen nach dem deutschen Überfall ihren Beistand versprachen. Doch wenige Tage später paradierten Wehrmacht und Sowjetarmee gemeinsam im Land, das sie unter sich aufgeteilt hatten.

Vor allem setzt der Film den „Helden des Aufstands von Warschau“ ein Denkmal und baut dabei auf Originalmaterial, das die Kämpfer im August 1944 aufnahmen: „Die Männer, die Sie hier sehen, werden alle sterben.“

Abgenutzte Mittel

Als deutsch-polnische Koproduktion arbeitet das ZDF gemeinsam mit dem polnischen Sender TVP den Beginn des Zweiten Weltkriegs und den Krieg der Deutschen gegen Polen auf. Das ist schon deshalb bemerkenswert, da im letzten Jahr die ZDF-Großproduktion „Unsere Mütter, unsere Väter“ in Polen heftige Proteste hervorgerufen hatte.

Kritiker störte vor allem, dass Kämpfer der Heimatarmee als Antisemiten vorgeführt wurden. Auf Ausgleich bedacht ist nun der aktuelle Doku-Zweiteiler: Alle Seiten kommen zu Wort, darunter Roman Polanski, der als Kind das Krakauer Ghetto durchlitt, und Niklas Frank, dessen Vater Hans Frank als „Generalgouverneur“ in der polnischen Königsburg Wawel herrschte und zum Kriegsverbrecher wurde. Zur Illustrierung der Interviews und Originalbilder bemüht der ZDF-Zweiteiler, im Gegensatz zu allen anderen Dokus, weiterhin aufwändige Nachinszenierungen – doch dieses Mittel scheint sich mittlerweile abgenutzt zu haben.

Alle möglichen Formen vermengt die Spiegel-TV-Produktion „Unsere Mütter, unsere Großmütter“, die Vox am Sonnabend als „Doku-Event“ zeigt: Über vier Stunden lang wird auf die Frauen in der Nazizeit zurück geblickt! Zwischen Interviews mit Zeitzeuginnen wie Inge Deutschkron werden Wochenschau-Bilder und Spielfilmausschnitte geschnitten, Biografien von Sophie Scholl, Leni Riefenstahl und Magda Goebbels stehen direkt nebeneinander, auf Spekulationen über das „Liebesleben des Diktators“ folgen Erinnerungen verfolgter Jüdinnen. Eröffnet wird diese ebenso stillose wie gedankenlose Montage mit dem denkwürdigen Satz: „Am 1. September 1939 stürzt Adolf Hitler die Welt ins Verderben.“