Manchmal haben Sammler Glück. Einer hat sich ganz bestimmt gewundert, als er auf einem Flohmarkt in der Stadt Jaffa in Israel in eine Kiste sah. Beim Stöbern war er augenscheinlich auf etwas Besonderes gestoßen. Von einem „Schatz“ mag man angesichts des finsteren Inhalts nicht sprechen. Die Kiste war voller Nazi-Dokumente. Dabei Berichte über Treffen bezüglich „der jüdischen Frage“, Notizen des Führers, Protokolle, Berichte für die Nürnberger Prozesse. 500 Dokumente sind es insgesamt. Der Sammler heißt Tomer Pratt. Offenbar ist er auf diesem Flohmarkt auf einen Teil eines verloren gegangenen Archivs des Assistenten des Oberstaatsanwalts der Nürnberger Prozesse Isaac Stone gestoßen. Das jedenfalls haben die Recherchen des Kedem Auktionshauses, das sich auf Judaica spezialisiert hat, ergeben. In der kommenden Woche sollen die Dokumente in Jerusalem versteigert werden.

Am Mittwoch war ein Teil der Papiere in Berlin. Das Jüdische Bildungszentrum Chabad Lubawitsch in Wilmersdorf nutzte die Gelegenheit, 20 der Original-Dokumente öffentlich vorzustellen. Einzeln, in kleinen Aufstellern präsentiert, konnte man zum Beispiel lesen, was führende Nationalsozialisten einander für Briefe schrieben. In einem Schreiben von Hermann Göring, datiert vom 23. April 1945 um 22 Uhr an Adolf Hitler heißt es: „Mein Führer, sind Sie einverstanden, daß ich nach Ihrem Entschluß, im Gefechtsstand in der Festung Berlin zu verbleiben, gemäß Ihres Erlasses vom 29. 6. 1941 als Ihr Stellvertreter sofort die Gesamtführung des Reiches übernehme mit voller Handlungsfreiheit nach innen und außen?“

Keine Antwort Hitlers

Eine Antwort Hitlers ist nicht dabei. Dafür aber eine Niederschrift über eine Besprechung in der Reichskanzlei von 1937. Hitler wolle den Anwesenden „grundlegende Gedanken ueber die Entwicklungsmoeglichkeiten und Notwendigkeiten unserer außenpolitischen Lage auseinandersetzen“, heißt es da. Wobei er „im Interesse einer auf weite Sicht eingestellten deutschen Politik seine Ausfuehrungen als seine testamentarische Hinterlassenschaft fuer den Fall seines Ablebens anzusehen bitte“. In einem Befragungsprotokoll auf englisch gibt Rudolf Heß Auskunft zu seinem Werdegang in SS und Waffen-SS. In einem Telegramm äußert Nahum Goldmann, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, 1946 Bedenken, Nürnberg zu besuchen. Handschriftlich ist notiert, was Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, sagt. Es ist eine bunte Mischung mit Biografien von Nazi-Größen und Übersetzungen für die Prozesse.

Ob es in den insgesamt 500 Dokumenten bisher unbekannte historische Details zu entdecken gibt, ist unklar. Es habe sie bisher kein Historiker untersucht, sagt Eran Reiss vom Kedem Auktionshaus, der die Auswahl in Wilmersdorf präsentierte. „Es ist das erste Mal, dass solches Material offen verkauft wird“, sagt Reiss.

Das Auktionshaus hat sich bei seiner Recherche um die Herkunft gekümmert, nicht um Authentizität. „Vieles ist handgeschrieben, handschriftlich korrigiert, auf altem Papier. Man sieht schon mit bloßem Auge, dass die Dokumente echt sind“, sagt Reiss. Es habe keinen Anlass gegeben, an ihrer Echtheit zu zweifeln. Eine Fälschung hält er angesichts des Aufwandes, den man hätte treiben müssen für ausgeschlossen. So die israelische Sicht auf die Dokumente. In Deutschland sind die Dinge nach dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher von 1983 komplizierter. Echte Briefe von Göring an Hitler auf dem Flohmarkt? Da ist man erstmal skeptisch.

Aus dem Nachlass von Isaac Stone

Das Auktionshaus hat allerdings versucht, den Weg nachzuvollziehen, den die Dokumente genommen haben. Demzufolge sind die Papiere Teil einer großen Sammlung offizieller Unterlagen aus dem Besitz von Isaac Stone, dem Leiter des Berlin Documents Centers. Das Zentrum war nach dem Krieg in Berlin eingerichtet worden, um Dokumente des Nazi-Regimes zu sammeln und die Klageschriften für die Nürnberger Prozesse vorzubereiten.

„Isaac Stone hat Millionen Dokumente gesammelt“, sagt Reiss. Isaac Stone, 1907 in Estland geboren, arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg beim US Foreign Service. Mitte der 40er Jahre engagierte er sich im Team des Richters Robert H. Jackson, der als amerikanischer Hauptanklagevertreter bei den Nürnberger Prozessen fungierte. Stone emigrierte später nach Israel, wo er 1974 starb. „Wir wissen nicht, wo diese Dokumente dann waren, bis sie vor einigen Monaten auf dem Flohmarkt in Jaffa auftauchten“, sagt Reiss. Der Sammler habe die Dokumente dem Kedem Auktionshaus übergeben. Deren Experten hätten sie als Teil des Archivs des Assistenten des Oberstaatsanwalts der Nürnberger Prozesse identifiziert. Der andere Teil befinde sich im Holocaust Museum in den USA.

Das Auktionshaus will die Dokumente mit einem Eröffnungsangebot von 500 Dollar auf den Markt bringen. „Wir wissen nicht, wer das kaufen wird. Wir rechnen aber damit, dass die Dokumente einen Preis von 5000 bis 6000 Dollar erzielen werden, aber es können auch 10.000 werden“, sagt Eran Reiss. Rabbiner Yehuda Teichtal vom jüdischen Bildungszentrum sagt, er habe die Dokumente anlässlich des bevorstehenden Holocaust-Gedenktages am 27. Januar nach Berlin geholt.