Gutjuk (Jacob Junior Nayinggul) findet die richtigen Worte. 
Foto: High Ground Picture

Berlin - Die originellste Sprache der Berlinale hat keinen Namen. Denn die Hunderte Vokabeln, die der jüdische Häftling Gilles im Film „Persian Lessons“ für den Lagerkoch kreiert, um sich als Perser auszugeben, sind eine Erfindung aus höchster Not. Da heißt „radj“ aus Versehen mal Brot, mal Baum. Filmschöpfer haben aber schon öfter Fantasiesprachen erfunden, etwa Klingonisch. Der geübte Berlinale-Gänger hätte natürlich sofort gehört, dass die Sprache von Gilles kein Farsi ist – denn diese Sprache ist auf diesem Festival dank der guten Beziehungen zum Filmland Iran häufig zu hören, in diesem Jahr in „Namo“, „Yalda“ und „Futur Drei“.

Überhaupt ist ein internationales Filmfestival immer ein Fest der Sprachen. Auf Berlinale kann man hineinhören, wie Albanisch, Serbisch, Bosnisch, Slowakisch oder Galizisch so klingt. Es wäre geradezu Frevel, afrikanische Sprachen zu synchronisieren, sie machen den Sound erst aus. In den Filmen in Panorama wird mal Igbo gesprochen („Cidade Passaro“), mal Sesotho („Days Of Cannibalism“), im Forum reden die Helden auf Bubi („Anunciaron Tormenta“), auf Ligala („Tele Realite“) und auf Hausa („Tatsuniya Il“). Eine Amazonas-Fahrt wiederum wird von der indigenen Kuikuro-Sprache („Luz Nos Tropicos“) getragen.

Nez Perce sprechen Miimiipuutimt

Besonderen Spaß macht es, wenn in Filmen Übersetzer mit den kulturellen Unterschieden spielen dürfen, europäische koloniale Überheblichkeit bloßstellen können. So übersetzt die indianische Frau im Butterkeks-Western „First Cow“ nur das, was ihr passt – und wir dürfen hier darüber spekulieren, ob die Ureinwohner aus Oregon nun Klamath sind (die zählen zur Penuti-Sprachfamilie), Bannocks (gehören zur uto-aztekischen Familie) oder ob es sich um Nez Perce handelt – denn die sprechen bekanntlich Miimiipuutimt.

War die Dolmetscherin hier eine Nebenfigur, so spielt der junge Aborigine im Australo-Western „High Ground“ die Hauptrolle. „Gutjuk“, der von den englischen Missionaren als „Tommy“ aufgezogen wurde, spricht sowohl Englisch als auch die Sprache seiner Väter: Yolngu Matha . Und wenn der steife Kolonialoffizier stolz auf die Kokarde seines Tropenhelms zeigt und den Ureinwohnern sagen will, hier herrsche der englische König, übersetzt Gutjuk für seine Leute: „Der Mann glaubt, wegen eines Blechdings an der Mütze könne er über unser Land bestimmen!“