Das Flugzeug, in dem Tessa Berens und Jim Kripps sitzen, kommt lädiert in New York an. Ebenfalls lädiert verspäten sich die beiden zum gemeinsamen Schauen des Super Bowl mit einem befreundeten älteren Paar und einem jungen Mann, ehemaliger Student der Gastgeberin. Als sie zusammentreffen, ist alles anders als bisher. Aber ob damit eine neue Zeitrechnung beginnt, vermag niemand zu sagen. Don DeLillo lässt in seinem Roman „Die Stille“ die Welt, wie wir sie kennen, erschüttern.

Wenige Wochen vor der Corona-Pandemie habe er das Buch geschrieben, teilt der Verlag mit, stimmt mit dem Klappentext auf „verblüffende Parallelen zur aktuellen Situation“ ein. Sie sind sogar wortwörtlich enthalten, denn Tessa, die Dichterin, hält eine kleine Warnrede vor den Freunden, die zunächst die Umweltkatastrophen der jüngsten Zeit aneinanderreiht. „Aber dazu kommt, was wir alle noch frisch in Erinnerung haben“, sagt sie, „das Virus, die Seuche, Corona, die Märsche durch die Flughäfen, die Masken, die entleerten Straßen der Städte.“

Don DeLillo, Jahrgang 1936, gehört spätestens seit seinen Romanen „Sieben Sekunden“ und „Unterwelt“ zu den großen literarischen Diagnostikern der amerikanischen Gesellschaft. Er hat Verschwörungsgläubige porträtiert und den Sportsgeist seiner Nation untersucht, er zeigt seinen Scharfsinn nun noch einmal mit leichter Hand in einem Roman, der locker gedruckt auf reichlich 100 Seiten kommt und gut eine Novelle genannt werden könnte. Zunächst erzählt er abschnittsweise parallel von dem Paar im Flugzeug und den drei Leuten in der Wohnung. Es sind kultivierte, nun ja: hochpreisige Verhältnisse, sie sind alle nicht nur gebildet, sondern auch in der Lage, sich selbst kritisch zu sehen. Im zweiten Teil springt der Autor in die Gegenwart, schreibt im Präsens, als passierte das unerhörte Ereignis gerade. Der Fernsehbildschirm bleibt schwarz, die Straßen sind dunkel, kein Handy funktioniert mehr, der Kühlschrank taut ab.

Wenn die düstere Handlung eines Buches in der Zukunft angesiedelt ist, hat das oft etwas Beruhigendes. Es muss ja nicht so kommen. Die vom Autor gewählte Zeit in „Die Stille“ steht aber unmittelbar bevor, und der Ausfall aller Systeme lässt sich leicht ausmalen. Nur wenn man über die Konsequenzen nachdenkt, und das macht die verstörte, übermüdete, zum Teil alkoholisierte Runde, kann einem angst und bange werden. In blitzenden, schnellen Dialogen voller Fragen, mit Ping-Pong-Blicken auf die kleine Gesellschaft drinnen und einer Ahnung für die desorientierte Masse draußen führt Don DeLillo uns ein beklemmendes „Was wäre wenn“-Bild vor. Ein Buch zum atemlosen Lesen und langen Weitergrübeln, leider wirklich für heute passend.

Don DeLillo: Die Stille. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 112 S., 20 Euro.