Mitglieder des „Don Giovanni“-Ensembles in der Neuköllner Oper.
Foto: Andreas Altenhof

Berlin-NeuköllnDas Stegreif-Orchester, eines der interessantesten, erfolgreichsten Ensembles im Experimentalbereich der klassischen Musik, macht zum ersten Mal Oper, und zwar in Neukölln: Da ist Bernhard Glocksin, dem künstlerischen Leiter der Neuköllner Oper, doch mal ein wirklicher Coup gelungen. Länger schon hat er sich um eine Zusammenarbeit mit dem vor fünf Jahren gegründeten Ensemble bemüht, mit „Giovanni – eine Passion“ hat es geklappt. Und das Ensemble löst bei der Premiere am Donnerstagabend ein, was es bei seinen zurückliegenden Berliner Auftritten an Erwartungen geweckt hat. Zuletzt etwa bei seiner Beschäftigung mit der 3. Sinfonie von Johannes Brahms unter dem selbstironisch anmaßenden Titel „#freebrahms“.

Die Weitergestaltung des Originals durch stilistische Ausflüge, durch formale Verbreiterung und szenische Darstellung, das funktioniert auch bei Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“. Zwanzig Musikerinnen und Musiker bewegen sich durch den Raum, spielen, singen, rezitieren (Regie: Ulrike Schwab), professionelle Sänger mischen sich hinein, Hrund Ósk Árnadóttir etwa mit dramatischem Mezzosopran – sie übernimmt den Part der Donna Elvira –, die Sopranistin Derya Atakan mit perlglattem Sopran oder der feine Tenor Daniel Arnaldos, der streckenweise als Don Ottavio auftritt. Feste Rollen lassen sich den Sängern allerdings selten zuordnen. Alles ist im Fluss, die Übergänge vom Singen zum Spielen eines Musikinstrumentes sind gleitend, die Konturen des Stückes, wie man es kennt, zerfließen. Dass dabei dennoch nicht der Eindruck von Beliebigkeit entsteht, gehört zu den erstaunlichen Leistungen dieser Produktion.

Ein gutes Gespür für die Zwischentöne

Als kluge Entscheidung erweist sich, Mozarts Musik eher zu touchieren, als sie direkt aufzugreifen. Giovannis Champagner-Arie, die Register-Arie Leporellos, in der der Diener Bilanz zieht über die europaweit verstreuten Liebschaften seines Herrn: All das ist da und irgendwie doch nicht, weil klanglich verfremdet, ironisiert oder in ein neues Gewand gesteckt. So bei der Bauernhochzeit zwischen Zerlina und Masetto, die hier als rauschende Party erscheint mit E-Gitarren-Unterstützung und angeschärften Rhythmen. Platt wird es dabei nicht, weil die Arrangeure des Ensembles, federführend der Hornist Juri de Marco und der Posaunist Alistair Duncan ein gutes Gespür haben für Zwischentöne und sanfte Übergänge.

Scheinbar mühelos schafft das Stegreif-Orchester einen Weg von Mozart hinüber zur Musik des Flamenco, wenn Donna Elvira ihren ersten Auftritt absolviert im Stil einer hochtragischen Flamenco-Sängerin (dem Handlungsort Sevilla wird mehrfach die Ehre ehrwiesen). Von keinem musikalischen Stil lassen sich die Musiker völlig vereinnahmen, immer halten sie eine gewisse Distanz. Groß ist dadurch die musikalische Freiheit; dass die Musikerinnen und Musiker diese Freiheit so inspiriert nutzen, macht den Abend zum Erlebnis – über zweineinhalb Stunden hinweg, die die Mitglieder des Ensemble auswendig spielen.

Verständnisschwierigkeiten bei den Sprechpassagen

Die Musik trägt hier alles. Und zwar so kraftvoll, dass es erstaunlich wenig ausmacht, wenn man an diesem Abend wenig Neues erfährt über den Don Giovanni. Gesprochene Passagen sollen gedankliche Hintergründe erhellen abseits von dem, was aus dem Libretto Lorenzo Da Pontes in die neue Fassung der Oper Eingang gefunden hat. Dass die Musiker und Sänger nicht so gut sprechen, wie sie singen und spielen, führt hier zu Verständnisschwierigkeiten. Man erfährt immerhin so viel, dass Don Giovanni in dieser Fassung nur den bewussten und unbewussten Wünschen der Frauen entspricht. Vom Verführer wird er zum Erfüllungsgehilfen. Das rettet die Ehre seiner Lustobjekte, nimmt ihm selbst aber auch den dämonischen Reiz, der noch Mozarts Original prägt.

Giovanni erscheint blass, damit in politisch korrekteren Zeiten wohl zeitgemäß, aber auch frei von seiner archetypischen Erscheinung. Den schlimmen Lustmolch gibt es hier nicht mehr. An seine Stelle tritt als Hauptdarsteller ein Musiker-Kollektiv, das in weißer Fantasie-Kostümierung – warum, erschließt sich nicht recht – den Raum bis in die hintersten Ecken mit Präsenz füllt. Dafür braucht es – kostenbewusste Opernintendanten aufgemerkt – kaum ein Bühnenbild. Man gruppiert sich um ein Podium in der Mitte, das mal miteinbezogen wird, mal nicht, ansonsten tanzen, schreiten und balgen sich die Darsteller auf torfbestreutem Boden. Verführen soll hier allein die Musik und das, was sie mit den Körpern macht.