Don Winslow läuft über den Kreuzberger Oranienplatz, ein kleiner, unscheinbarer Mann in einer zu groß geratenen Lederjacke, in der er zu versinken scheint, weil er die Schultern hochgezogen hat gegen den zugigen Berliner Frühlingswind. Nur sein Gesicht verrät, dass er nicht hierher gehört: Eine so tiefe Bräune hat nur, wer da lebt, wo die Sonne immer scheint. Don Winslow ist aus dem kalifornischen San Diego nach Deutschland gekommen, um sein neues Buch vorzustellen, das „Germany“ heißt und erst mal nur hier erscheint, auf Deutsch.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Schriftsteller Deutschland als Kulisse gewählt hat. In seinem epischen 800-Seiten-Roman „Das Kartell“ reicht die Macht der mexikanischen Drogenbosse bis hierher, in die Hinterzimmer der Oranienstraße. Don Winslow betritt das Ora, ein Restaurant, das einmal eine Apotheke war, kein Ort der Kreuzberger Unterwelt, an den Tischen sitzen junge Kreative mit langen Bärten. Don Winslow bestellt einen schwarzen Kaffee gegen den Jetlag. Später wird er vor Hunderten Zuhörern aus seinem neuen Roman vorlesen, der nichts mit den Kartellen zu tun hat – und am Ende doch wieder nur über dieses Thema sprechen. Er kann nicht anders, ob er will oder nicht. Er ist ein Mann mit einer Mission.

Sie leben an der mexikanischen Grenze, Sie sehen die Folgen der amerikanischen Einwanderungs- und Drogenpolitik jeden Tag vor Ihrer Haustür. Wenn Sie die US-Präsidentschaftskandidaten einladen könnten, die mit diesem Thema Wahlkampf machen, was würden Sie ihnen zeigen?

Diese Kandidaten gehen für eine Stunde an die Grenze, umgeben von Bodyguards und Journalisten, und glauben danach, dass sie Experten sind. Was ich ihnen gerne zeigen würde, ist, dass die Grenze eine 2 000 Meilen lange Strecke ist, die zu den verlassensten Gegenden der USA gehört. Der Gedanke, eine Mauer entlang dieser Grenze zu bauen, wie es Donald Trump vorhat, ist lächerlich.

Ich würde den Kandidaten auch die Grenzübergänge in San Diego, El Paso und Laredo zeigen, die zu den geschäftigsten der Welt gehören. Tausende Trucks passieren sie jeden Tag, man kann nicht mal einen Bruchteil davon anhalten und durchsuchen, weil der Handel sonst zum Erliegen käme. 75 Prozent der illegalen Drogen, die in die Vereinigten Staaten kommen, werden in diesen Trucks transportiert. Die Idee, eine Mauer zu bauen, um den Drogenhandel zu stoppen, ist also ebenfalls lächerlich.

Wir Europäer haben auch lange gedacht, die Zeit der Grenzen sei vorbei. Jetzt wurden Grenzen geschlossen, um die Flüchtlinge aufzuhalten.

Aber mit Ausnahme von sehr kleinen Ländern kann man eine Grenze niemals komplett schließen. Ich würde den Kandidaten auch die weite Wüste und die Berge zeigen, wo ich lebe. Im Winter schneit es dort. Die Kojoten, die Schleuser, die Flüchtlinge über die Grenze bringen, lassen die Menschen dort einfach alleine, sie sterben an Erschöpfung, an der Kälte oder, im Sommer, an der Hitze. Donald Trump, der Mexikaner Vergewaltiger und Diebe nennt, würde ich meine Nachbarn zeigen, hart arbeitende Familienmenschen, die einfach nur ein besseres Leben führen wollen.

Warum können die Probleme nicht an der Grenze gelöst werden?

Politiker reden oft über das „mexikanische Drogenproblem“. Es ist kein mexikanisches Drogenproblem, sondern ein amerikanisches und europäisches Drogenproblem. Ohne Käufer gibt es keinen Verkäufer. Wir sind es, die mit ihrem Geld die Gewalt nähren, die mit ihrem Appetit auf die Drogen die Kartelle möglich machen.

Diese These vertreten Sie auch immer wieder unmissverständlich in Ihren Büchern. Sie sind ein sehr politischer Autor …

Ich wollte das nie. Ich schreibe Thriller und Krimis, ich schreibe, um Menschen zu unterhalten. Aber bei so einem Thema gibt es keine Möglichkeit, nicht politisch zu werden. Ich schreibe jetzt seit fast zwanzig Jahren über dieses Thema. Als ich an „Tage der Toten“, meinem ersten Buch über die Kartelle, gearbeitet habe, dachte ich, ich habe alles gesehen. Das stimmte nicht einmal annähernd. Was zwischen 2002 und 2014 passiert ist, hat meine schlimmsten Albträume übertroffen. Ich glaube, ich bin einfach immer wütender geworden. Ich habe aber auch angefangen, Muster in dem Unbegreiflichen, was da geschieht, zu erkennen. Ich habe dann gedacht, dass ich den Menschen in meinen Büchern Dinge erklären könnte.

Wenn Sie Zusammenhänge erklären wollten, hätten Sie dann nicht besser Sachbücher geschrieben?

Ich bin kein Journalist, ich schreibe Romane, das ist mein Metier. Und, nichts gegen Sie, aber manchmal kann Fiktion Dinge, die Journalismus nicht kann. Ich habe Freiheiten, die Sie nicht haben. Ich kann mir die Gedanken und Gefühle von Leuten ausdenken. Mir geht es immer darum, den Leser die Welt durch die Augen meiner Protagonisten sehen zu lassen, egal, wie abstoßend sie sein mögen. Als Romanautor kann ich eine emotionale Wirkung erreichen, was Journalismus oft nicht schafft. Es gibt großartige journalistische Arbeiten zu dem Thema, aber auch sehr schlechte, zum Beispiel Sean Penns Stück über sein Treffen mit Joaquín Guzmán Loera.

Genannt El Chapo – der Chef des Sinaloa-Kartells, der bis zu seiner Verhaftung im Januar einer der meistgesuchten Männer der Welt war, seine Geschichte war die Vorlage für Ihre Romane. Der Schauspieler Sean Penn hat ihn an einem geheimen Ort getroffen und interviewt. Anfang des Jahres ist sein Artikel im Magazin Rolling Stone erschienen. Sie haben Sean Penn dafür sehr kritisiert.

Hören Sie, ich mag Sean Penn. Wirklich. Er ist ein guter Typ. Ich wünschte nur, er hätte diesen Text nicht geschrieben. Er erzählt darin, wie sehr dieser Mann seine Kinder liebt und seine Kinder ihn. Er hätte aber fragen sollen: Was ist mit den Kindern der hunderttausend Männer und Frauen, die getötet wurden?

Das Interview hätte jemand machen sollen, der mehr Erfahrung mit diesem Thema hat. Ich meine damit nicht mich selbst, mir fallen sofort ein Dutzend Journalisten ein, die dafür infrage gekommen wären. Sie hätten das Hintergrundwissen gehabt, um Guzmán harte Fragen zu stellen, statt so ein fluffiges Stück zu schreiben, das El Chapo vor der Veröffentlichung genehmigen durfte. Darum ging es mir in meiner Kritik.

Wie nah sind Sie selbst El Chapo gekommen? Hat er Ihr Buch gelesen?

Er kann nicht lesen, er ist Analphabet. Sein Leseniveau ist ungefähr auf dem eines Drittklässlers. Ich weiß nicht, ob Mitglieder des Sinaloa-Kartells mein Buch gelesen haben. Es ist gerade erst in Mexiko erschienen. Ich weiß nur, dass einige Kartellleute „Tage der Toten“ gelesen haben. Ich glaube aber, Guzmán nicht und auch niemand aus seinem inneren Kreis.

Würden Sie sich wünschen, dass er es liest?

Ach, mir ist es egal, wer mein Buch liest. Das Feedback, das ich gemeinhin von Drogenschmugglern bekomme – herrje, das hört sich seltsam an, wenn ich so etwas sage, es ist eine sehr komische Welt – also das Feedback war meistens, dass ich es ganz gut getroffen habe.

Wie fühlt es sich an, als Autor Komplimente von Kriminellen zu bekommen?

Es ist gut zu hören, dass das, was ich schreibe, zutreffend ist. Aber es geht mir sicher nicht um die Zustimmung von Mördern, Folterern und Vergewaltigern. Wenn ich diese Leute interviewe, nutze ich eine Technik, die Sie sicher auch verwenden. Ich sage ihnen: Schau, ich will das richtig machen, ich bin hier, und ich höre zu. Wenn du nicht mit mir redest, dann beschwer dich hinterher nicht, dass ich etwas Falsches geschrieben habe.

Haben Sie keine moralischen Vorbehalte gegenüber solchen Interviews? Angst vor Vereinnahmung? Davor, Verbrechern eine Bühne zu geben? Und durch Ihr Bemühen, sie zu verstehen, am Ende ihrer Legende aufzusitzen und ihre Taten zu rechtfertigen?

Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile. Es hängt halt davon ab, wie man es macht. Ich habe Mördern gegenüber gesessen, wie ich Ihnen jetzt gegenüber sitze. Und nie würde ich die um ihre Zustimmung zu dem, was ich schreibe, bitten. Und ich würde mir auch nie vorschreiben lassen, welche Fragen ich stelle. Das Gute für einen Romanautoren ist, dass du eine Perspektive bekommst, die du dann deinem Leser nahebringen kannst. Die Leute denken zum Beispiel, dass ein Kokaindealer ein glamouröses Leben führt. Ich kann ihnen zeigen, dass das nicht der Fall ist, weil ich mit den Dealern zusammengesessen habe, bei ihren Beerdigungen war, sie im Gefängnis besucht habe. Ich habe ihnen in die Augen gesehen.

Was hat das mit Ihnen gemacht, so tief in diese Welt einzutauchen?

Meine Frau meint, ich war deprimiert, nachdem ich „Tage der Toten“ zu Ende geschrieben hatte. Ich habe das zu der Zeit nicht so gesehen.

Wie ging es Ihnen?

Meine Frau sagt, ich sei verschlossen gewesen, traurig, still. Aus meiner Sicht sah das anders aus. Ich wollte das nicht mit nach Hause an den Abendbrottisch bringen. Ich meine, über diese Dinge Bescheid zu wissen, ist nichts, was dein Leben bereichert. Also habe ich nicht mit ihr darüber gesprochen. Als ich dann sehr widerwillig begann, „Das Kartell“ zu schreiben, bin ich auch sehr widerwillig zurück in diese Welt gegangen.

Sie hatten keine andere Wahl?

Ich denke schon, ja. Es war dann alles noch viel schlimmer.

Die Brutalität in Ihrem Buch ist an vielen Stellen schwer auszuhalten.

Ja.

Sie haben immer gesagt: Die Realität war noch viel schlimmer.

Ich habe Dinge ausgelassen, weil sie so furchtbar waren. Ich hatte Angst, dass sie die Leute einfach nicht glauben würden, oder dass es tatsächlich niemandem etwas gebracht hätte, davon zu erfahren. Genug ist genug. Ich habe Tage mit Gräuelvideos im Internet verbracht, mit grauenvollen Fotos, Autopsien und Interviews mit Mördern, mit Familien der Opfer ...