Donald-Trump-Unterstützer bei einer Rally am 29. August 2020 in Portland, USA
Foto: AP/Paula Bronstein

TopekaBen Lerner ist erst Dichter, dann Autor. Sein erster Roman, „Abschied von Attocha“, las sich wie ein Dessert, ein Feuerwerk voll lyrischem Barock. Es war ein intellektuell dahinrasendes Buch über die Bedingungen der Möglichkeit authentischer Erfahrung – in der Kunst und anderswo. Der zweite, „10:04“, war eine Assemblage an Szenen, die man mit W. G. Sebald als Suche nach poetischer Wahrheit bezeichnen könnte. Ein sprachlich dichtes, selbstironisches Kreisen um die Absurdität, die in der Vorstellung von der Berechenbarkeit und Mitteilbarkeit der Welt liegt. 

Doch „10:04“ war bereits romanhafter als Lerners Erstling. Es war das Frühstück, das auf das Dessert folgte. Beide Bücher sind jenem Genre zuzurechnen, das seit den Erfolgen von Autoren wie Rachel Cusk, Karl Ove Knausgård und Sheila Heti aus der Literatur nicht mehr wegzudenken ist: dem autofiktionalen Erzählen; der Innenspiegelung des Bewusstseins der Erzählstimme; des scheinbar direkten Übergangs der Gedanken des Autors in den Text.

Lerners dritter Wurf, „Die Topeka Schule“, ist in diesem Bild das Abendessen. Wenngleich sprachlich nicht weniger raffiniert, ist der Roman doch ernster als Lerners frühere Bücher, in denen sich jeder Anflug von Aufrichtigkeit oft in glitzernden Nebelschwaden postmoderner Sprachspiele und ironischer Unbestimmtheit verlor. Oberflächlich handelt es sich bei „Die Topeka Schule“ um eine Coming-of-Age-Geschichte des hochbegabten Debattenkönigs Adam Gordon. Es ist derselbe Erzähler aus Lerners früheren Büchern. Nur lesen wir hier eine frühere Version von Adam.

Die Geschichte beginnt Mitte der 1990er-Jahre, zur Zeit des von Francis Fukuyama eingängig postulierten „Endes der Geschichte“ in der Stadt Topeka im Bundesstaat Kansas. Die zentrale Konfliktlinie verläuft entlang der gewaltbesetzten Beziehung zwischen Adam und Darren, einem ehemaligen Klassenkameraden, dessen kognitive Defizite Adams Talente nemesisartig spiegeln.

Lerners Roman ist eine Sozialstudie über die Verrohung von Sprache

Auf einer tieferen Ebene aber handelt „Die Topeka Schule“ von der Verrohung der Sprache, insbesondere des politischen Diskurses. Sprache wird im Buch zum doppelten Vehikel: Einerseits ist sie eine Waffe, ein verletzendes Machtinstrument, die letztlich in der entmenschlichenden Sprache der Trump-Ära mündet. Andererseits ist sie aber auch das Werkzeug des Wunders der Kommunikation: der Möglichkeit, sich anderen mitteilig zu machen, Erlebtes (oder nur Gedachtes) sagbar werden zu lassen.

Geschickt verflechtet Lerner diese verschiedenen Dimensionen von Sprache zu einem mehrdeutigen Manuskript. Die wechselnde Erzählerstimme – mal spricht Adam selbst, mal seine Eltern, die Psychologen Jane oder Jonathan – erzeugen eine merkwürdige Vertrautheit mit der inneren Widersprüchlichkeit der Geschichte. Die Erzähltechnik erinnert etwa an Sebalds „Die Ausgewanderten“ oder Nabokovs „Fahles Feuer“. Beim Lesen wirkt der Roman ungefähr so, als unterhielte man sich auf einer Party mit verschiedenen Mitbewohnern. Am Ende kristallisiert sich an den Außenrändern ein ambivalentes, aber komplexeres Bild heraus.

Die Debatte wird zur Bühne der Sprache

Adam ist besessen von der Idee, die Kunst der öffentlichen Debatte zu dominieren. Gleich am Anfang steht eine Szene, in der sein Debatten-Erfolg in typischer Lerner-Manier als Effekt eines Scheiterns beschrieben wird: In einem eigentlich inhaltsleeren Wettbewerb erlebt Adam unerwartet einen Moment flüchtiger Intensität, ein Aufblitzen von Wahrheit. Adam spürt, wie sich die Sachbedeutung dabei in reine Form gießt. Sein Anzug und seine Krawatte erscheinen ihm kostümhaft. Er wird, „während er so tat, als diskutierte er über Politik, von einem prosodischen Erlebnis ergriffen“.

Adams jugendlicher Enthusiasmus wird zudem durch eine Technik verstärkt, die Nikolaus Stingl meisterhaft mit „Schnellsen“ („the spread“) übersetzt hat. In der Debatte wird einer vom anderen schlicht mit Fakten überfahren – zurück bleibt nur noch Rauschen. „Schon vor dem 24-Stunden-Nachrichtenzyklus, den Twitter-Stürmen, dem algorithmischem Handel“, so blickt Adam in seine Jugendjahre zurück, „wurden Amerikaner in ihrem Alltagsleben ‚geschnellst‘; unterdessen sprachen ihre Politiker weiter ganz langsam von Werten, die mit ihrer Politik nichts zu tun hatten.“ Wer diese Tendenz in die Zukunft projiziert, landet punktgenau im Hier und Jetzt.

Kinder, die zu toxischen Männern werden

Adams Mutter ist (wie Ben Lerners Mutter) eine viel gelesene Feministin, die sogar in vermeintlich progressiven, psychoanalytischen Kreisen patriarchale Strukturen entlarvt. „Auf der Couch wieder mal der Penisneid-Vortrag: Der Diagnose Penisneid zu widersprechen war ein sicheres Zeichen für Penisneid.“ Doch das schützt Adam nicht vor phallischen Überlegenheitsfantasien. Sein unbedingter Wille, Debatten zu „gewinnen“, ähnelt seiner Vorstellung, durchtrainierten Mitschülern die Nase zu brechen.

Es ist Adams Angst davor, als „Pussy“ zu gelten – zu offenbaren, was er kontinuierlich durch Sprache zu kompensieren versucht. Also seinen Mangel an Männlichkeit (was immer das heißt). Gedichte ziehen ihn gerade deshalb an, weil sie dem Gegenüber als „Sinn zunichtemachender und neu stiftender Klang“ eine Form von Gewalt zufügen. So wird das Thema Männlichkeit in „Die Topeka Schule“ schonungslos in seiner psychologischen Wirkungsmacht  freigelegt.

Kein Wunder, dass Adams Lieblingssong  Tupacs „All Eyes on Me“ ist, und dass er in Topekas Hinterhöfen auf Freestyle-Rap-Battles eine Art „schwindelerregendes Glück“ empfindet. Der Topeka-Freestyle, wo „eine kleine Gruppe privilegierter Weißer sehr oft arrhythmisch die für sie vollkommen unzutreffenden Klischees des Genres recycelten“, ist für Adam die ideale Gelegenheit, sein rhetorisches Geschick in handfeste Coolness umzumünzen.

Bei all der psychologischen Raffinesse und lyrischen Kleinteiligkeit, mit der Lerner diese Themen auseinandernimmt, kann einem zwischendurch beinahe schwindelig werden. „Die Topeka Schule“ ist ein dichtes Stück Prosa, dessen politisches Leitmotiv sich auf den Postern der Klassenzimmer ablesen lässt, wo Lerner seine geschnellsten Debatten inszeniert: „SEI DIE VERÄNDERUNG, DIE DU ERLEBEN MÖCHTEST.“

Ben Lerner: Die Topeka Schule. Roman. Suhrkamp, Berlin 2020. 395 S., 24 Euro