Köln - Egal, ob man nun lügt oder die Wahrheit sagt, man spielt dasselbe Spiel. Der eine beugt sich den Fakten, der andere widerspricht ihnen frech. Vor 30 Jahren identifizierte der amerikanischen Philosoph Harry G. Frankfurt in einem kurzen Essay noch eine dritte mögliche Position. Eine, die das Spiel um Wahrheit und Lüge schlicht ignoriert, die einfach gar keinen Bezug mehr auf die Fakten nimmt: Den „Bullshitter“.

Gemeint ist der Dummschwätzer, der Märchenonkel und Schwachsinnsverbreiter, der – betritt er das Feld des Politischen – schnell zum Demagogen werden kann, zum Hetzer. „Der Bullshit“, schreibt Frankfurt, „ist ein mächtigerer Feind der Wahrheit als die Lüge.“

Ein so treffender Begriff wie „bullshit“ fehlt leider in unserem Wortschatz. Dafür raunt man sich in Deutschland seit kurzem ein Schlagwort zu, dass im Prinzip denselben Vorgang bezeichnet. „Es heißt ja neuerdings“, hat Angela Merkel nach dem katastrophalen Abschneiden ihrer Partei bei der Berlin-Wahl geklagt, „wir lebten in postfaktischen Zeiten.“

„Das, was man fühlt, ist auch Realität“

Soll heißen, dass sich Politiker wie Wähler nicht länger durch Tatsachen von ihrer Meinung abbringen lassen. Oder, wie es der Berliner AfD-Vorsitzende Georg Pazderski ausdrückt: „Das, was man fühlt, ist auch Realität.“ Wenn aber jedermann durch bloßes Fühlen neue Fakten schaffen kann, ist es müßig, noch mit unumstößlichen Tatsachen zu argumentieren.

Postfaktisch, das klingt abgeklärt, fast schon zynisch. Als trieben die Zweifel, die postmoderne Denker leichtfertig vor einem halben Jahrhundert an der Möglichkeit einer objektiven Wahrheit gesät haben, nun ihre irren Blüten. „»Postfaktisch« ist das neue Wort für »bisschen doof«“, sagt Jan Böhmermann. Stimmt schon, es eignet sich auch ganz hervorragend dafür, politisch Unliebsame zu diskreditieren. Rassisten, die keine Kriminalitätsstatistiken lesen können. Beharrliche Leugner von Klimawandel und Evolution. Verschwörungstheoretiker jeder Couleur. Bisschen doof halt.

Aber so einfach ist es eben nicht. „Bullshitten“ ist kein Defizit, sondern eine kluge politische Strategie, die Mehrheiten gewinnt, gerade in dem sie die Fragmentierung der medialen Landschaft nutzt.

„New York Times“ nur eine Internetseite unter Milliarden

Selbstredend kann man Unwahrheiten beweiskräftig benennen, oder sich widersprechende Aussagen eines Politikers gegenüberstellen. Das alles geschieht ja auch. Aber die Bullshitter wissen, dass selbst die „New York Times“ nur eine Internetseite unter Milliarden ist. Was sie und andere Medien an Lügen und Widersprüchen aufdeckt, versinkt spurlos im Meer der Meinungen. Der Meister des Postfaktischen heißt Donald Trump, niemand schert das alte Spiel um Lüge und Wahrheit weniger als ihn. Er lügt nicht nur, er trifft einander ausschließende Aussagen, am selben Tag, nur vor unterschiedlichem Publikum. Und manchmal gar im selben Atemzug.

In den Medien herrscht große Einigkeit darüber, dass Hillary Clinton die erste Debatte der Präsidentschaftskandidaten am Montagabend in der Hofstra University gewonnen hat. Aber das Wort „Gewinner“, schreibt die „New York Times“, verliert jede Bedeutung, wenn nur ein Kandidat ernsthaft diskutiert, während sich der andere als geistloser Grobian aufführt. Die schreckliche Wahrheit: Einer der Kandidaten führt die Wahrhaftigkeit nicht im Angebot und einem großen Anteil der Wählerschaft ist das scheinbar egal. Clinton präsentierte Fakten, Trump blaffte zurück: „Typisch Politiker. Nur reden, nicht handeln.“ Da macht es auch gar nichts, dass der Satz viel eher auf den geschwätzigen Milliardär als auf die ehemalige Außenministerin der USA zutrifft: Er bedient – unter Umgehung aller Fakten – das Sentiment eines Großteils der Bevölkerung.

Fakten verschwinden am Außenrand

Fakten verschwinden am Außenrand der individuellen Filterblasen, in denen jeder nur die Informationen wahrnimmt, die seinem vorgefassten Standpunkt entsprechen. Und die gefilterten Informationen verstärken sich in den Echokammern dieser geschlossenen Systeme. Jeder hält dann seine Blase für die Wahrheit. Und die zumeist mehr als einen Standpunkt vertretenden Mainstream-Medien erscheinen ihm als „Lügenpresse“.

Ein postfaktischer Politiker wie Trump bedient sich wahllos unterschiedlichster Aussagen, im Idealfall einer für jede Wahrheitsblase. Er eint die fragmentierte Wählerschaft im gemeinsamen Ressentiment. Hinter dem Bullshit steckt die kalte Wut.