Der römische Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus (12-41), genannt Caligula, galt vielen Geschichtsschreibern durch die Jahrhunderte als geisteskrank. Seneca beschrieb ihn als Sadisten, Flavius Josephus charakterisierte ihn als wahnsinnig.

Erst in jüngerer Zeit hat sich eine ganz andere Lesart durchgesetzt, die Caligula, der den römischen Senat verspottete und sein Pferd zum Konsul erhob, als zynischen Machtmenschen begreift, der mit Kalkül und Bedacht regierte. Caligula war demnach ein Techniker der Macht, der seine Umgebung in ein diabolisches Spiel mit dem Ziel des unbedingten Machterhalts verstrickte. Dem Kaiser zu nahezukommen, konnte lebensgefährlich sein. Hatte jemand gelobt, sein Leben für die Genesung des Herrschers zu geben, so konnte es geschehen, dass der genesene Caligula auf die Einhaltung des Gelübdes pochte. Dem Kaiser beliebte es, eine redensartliche Geste wörtlich zu nehmen.

Die Strategien des bösen, aber vernunftbegabten Kaisers, der schließlich von seiner Prätorianergarde ermordet wurde, hat niemand so überzeugend dargestellt wie der Berliner Historiker Aloys Winterling. In seiner Caligula-Biografie (C. H. Beck Verlag) beschreibt er, wie der junge Kaiser mit rücksichtsloser Konsequenz die Widersprüche und Auflösungserscheinungen der alten römischen Oberschicht nutzte, um eine brutale Alleinherrschaft durchzusetzen.

Wer nach aktuellen Parallelen sucht, wird sie mühelos im aberwitzig stockenden Machtübergang in den Vereinigten Staaten von einem gewählten amerikanischen Präsidenten auf den nächsten entdecken können. Schon möglich, dass man Donald Trump zu viel der Ehre und auch der Vernunft erweist, indem man sein erratisches Treiben in Winterlings Caligula-Bild überblendet. Es ist jedoch überfällig, endlich jene Vorstellung vom Anti-Politiker Donald Trump abzuschütteln, in der er als konzeptloser Trottel reüssiert. Die nun als würdelos empfundene und demokratische Regeln verletzende Blockadehaltung jedenfalls hat der noch amtierende Präsident von langer Hand rhetorisch und wohl auch verfahrenstechnisch vorbereitet.

Dennoch ist auf den Wegen zwischen Golfplatz und Weißem Haus inzwischen eine Geschichte des fortschreitenden Machtverfalls zu beobachten, in dessen Verlauf Donald Trump immer mehr gewärtigen muss, dass seine Manipulationskräfte schwinden. So brach ein CNN-Moderator am Sonntag einen Bericht über das erratische Tun und Lassen des ersten Mannes im Staate einfach ab und konstatierte entnervt: „Ach, er ist nicht mehr wichtig.“

Donald Trump scheint sich unterdessen an seinem Amtssitz verschanzt zu haben und nach Wegen zu suchen, im Spiel zu bleiben. Er verhält sich dabei wie ein pathologischer Glücksspieler, der kaum noch Spannung aus der Ungewissheit zwischen Gewinnen und Verlieren zu ziehen vermag. Auf was es dem Glücksspieler vielmehr ankommt, ist die Aufrechterhaltung der Spielsituation. Die Kugel soll rollen, nach diesem Prinzip hat Donald Trump immer wieder neue Bälle in die politische Arena geworfen und als Lohn sind ihm dafür unablässig neue Aufmerksamkeitsströme zugeflossen.

So gesehen ist die nun vielfach geäußerte, beinahe mitleidig beschwichtigende Deutung nicht ganz stimmig, dass einer wie Trump nun einmal nicht zu verlieren gelernt habe. Der zwanghafte Wille zum Gewinnen und Rechthaben hat Trumps vierjährige Amtszeit geprägt, und die politische Welt muss nun erstaunt dabei zusehen, wie er die amerikanische Demokratie in Geiselhaft nimmt, um im Spiel zu bleiben. Noch immer hat er Heerscharen von Begleitern an seiner Seite, die von dieser Haltung profitieren und sie allein deshalb teilen.

Wie diese Vorstellung vom Zwang, gewinnen zu müssen, enden kann, hat Bertolt Brecht in einer Parabel mit dem Titel „Vier Männer und ein Pokerspiel“ ausgeführt. „Sie fängt an mit Zigarrenrauch und Gelächter und endet mit einem Todesfall“, heißt es darin. Brecht berichtet vom Kurzstreckenschwimmer Johnny Baker, dessen sportlicher Erfolg stets von sagenhaftem Glück begleitet war. Die Gunst des Schicksals blieb ihm auch dann noch hold, als während einer Schiffsreise nach einem Wettkampf, den er einmal mehr glücklich gewonnen hatte, zum Zeitvertreib eine Pokerpartie begonnen wurde. Obwohl Johnny das Spiel nur unvollkommen beherrschte, gewann er eine Partie nach der anderen und erleichterte seine Mitspieler um deren gesamtes Vermögen. „Aber so gut kann einer gar nicht schwimmen“, heißt es schließlich, nachdem Johnny von seinen Mitspielern über Bord geworfen worden war und diese sich fragen, ob er ebenso gut schwimmen wie pokern könne, „dass er sich vor den Menschen rettet, wenn er auf der Welt zu viel Glück hat.“

Brechts Botschaft besteht wohl darin, dass jedes Spiel irgendwann in der sozialen Wirklichkeit mündet. Eine, der sich Trump mit aller allmählich schwindender Macht zu entziehen versucht.