Und so findet sich immer jemand, der mir unvermittelt auf die Schulter haut, mir mit dem linken oder rechten Auge zuzwinkert, mir in die Seite stupst, mir die Wange küsst oder sie mit der Faust bestreicht, mir über die Haare fährt, mir die flache Hand auf den Oberarm schlägt, mir wild gestikulierend von der anderen Ecke des Raums irgendetwas bedeuten will, mir generell etwas über ansehnliche Distanzen zuruft, die Lippen rund zum Hallo geformt, in den Augen blankes, freudiges Wiedererkennen.

Oft sagen sie etwas wie: „Du hier?“ Oder: „Schön, dass du mal wieder kommen konntest!“ Ich tue dann so, als freute ich mich auch, aber ich halte es nicht lange durch und hake schon bald vorsichtig nach. Meistens können die, die sagen, sie würden mich kennen, mir auch nicht sagen, wer ich sei, sie wissen nur, dass sie mich kennen und schauen mir die ganze Zeit grüblerisch nach. Ich merke das ganz genau, auch wenn ich hinten keine Augen habe!

Natürlich frage ich mich seit geraumer Zeit, ist das immer dieselbe Person, mit der ich verwechselt werde und wenn ja, wieso habe ich sie noch nie getroffen, scheinbar hält sie sich doch in meinem Umfeld auf!?

Ich versuche, mich meiner Doppelgängerin anzunähern, indem ich hier und da, wenn ich es für angebracht halte, kriminalkommissarische Fragen stelle und mir kleine Notizen in ein graues Heft mache, falls es eine Aussage zur verwechselten Person gibt, aha, sie soll also Kaffee mögen. Kritzel…

Niemals aber sagen die Leute, ach nein, entschuldige bitte, ich habe dich nur verwechselt, ich habe gestern mit Michael Douglas Tennis gespielt und dann kam seine Frau, um ihn abzuholen − und ja, die Ähnlichkeit ist frappierend! Nein, so etwas sagen sie nicht. Vielmehr bestehen sie darauf, mich da und dort gesehen und gesprochen zu haben und sind meistens sauer, dass ich mich nicht an sie erinnere. Es ist mir wirklich sehr fatal, da ich ein höflicher Mensch bin und mich niemals absichtlich an ein Gegenüber nicht erinnern würde.

Neulich wurde ich zu einem Essen eingeladen, und eine schick gekleidete, rothaarige ältere Dame, die gewiss nie in ihrem Leben lügt und ganz bestimmt ein untrügliches Gedächtnis für Gesichter hat, begrüßte mich jovial mit Handschlag und dem Satz: „Wir kennen uns ja bereits!“ Das saß! Ich wollte sie wirklich gern bereits kennen, weil ich niemand anderen außer der Gastgeberin kannte, aber − nichts zu machen − ich kannte sie nicht. Ich wollte mir fix einen Anlass ausdenken, woher ich sie kennen könnte und dann sehen, ob sie meinen Vorschlag goutierte, aber ich überlegte zu lange.

Durch ein wohllautendes Plopp aus meinem dumpfen Brüten erweckt, war sie schon fort, bei jemand anderem, mit dem sie sich den Rest der Veranstaltung glänzend unterhielt, während ich, zu oberflächlichem Geplänkel verurteilt, neben Fremden zu Tische saß, sehnsüchtig, unerwiderte Blicke in ihre Richtung werfend.

Die öffentlichen Verwechslungen drohen sich neuerdings auch auf mein familiäres Leben auszuweiten! Gestern hat mich mein eigener Vater, im Auto sitzend, auf dem Fahrrad vorbeiflitzen sehen. Er sei sich absolut sicher, er sei ja mein Vater, und ich brauche ihn nicht anzuschwindeln. Das Rad wäre auch ganz definitiv meins gewesen.

„Nein Vati“, antworte ich, „nein, ich lüge nicht! Ich habe ein Alibi, wirklich, ich war es nicht. Wenigstens DU musst mir doch glauben!“ − „Und geraucht hast du auch noch dabei!“, setzte er vorwurfsvoll nach. „Lass das bloß nicht Mutti sehen!“

Liebe Doppelgängerin, falls du diese Zeilen liest, bitte melde dich! Ich bin sicher, dass es dir genau so geht wie mir! Wir können doch mal zusammen zu einem Geburtstag gehen! Eine von uns könnte sich immer an den Gegenüber erinnern, zusammen hätten wir viele Freunde und einen riesigen Spaß! Und bitte! Hör auf in der Öffentlichkeit zu rauchen!