Doris Dörrie holt sich schreibend die Zeit zurück.
Foto: imago/Astrid Schmidhuber

BerlinEigentlich müsste man jetzt drauflosschreiben, ohne nachzudenken, zehn Minuten, ohne zu korrigieren, egal was, aber auf jeden Fall von Hand, denn „die Hand“, schreibt Doris Dörrie, „sind wir selbst, die direkte Verbindung von unserem Kopf in die Hand ist die Handschrift.“

Das ist einer der apodiktischen Sätze, die Dörrie in ihrem jüngsten Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ festhält. Ja, es ist so: Papier und Stift lösen etwas aus, und bei manchen sind das nicht nur Notizen, sondern gleich Konvolute, die im besten Fall abgetippt werden.

Aber warum muss man daraus eine Regel machen? Sind dann im Umkehrschluss Werke, die mit Hilfe der Schreibmaschine oder des Computers gefertigt wurden, ohne „direkte Verbindung zum Kopf“ entstanden?

Kumpelhafter, aber dezidierter Befehlston

Doris Dörrie, überaus erfolgreich als Geschichtenerzählerin in ihren Filmen und Texten, hat in ihrem jüngsten Buch einen Hang zum Imperativ, auch wenn sie ihre Ratschläge nicht immer mit Ausrufungszeichen versieht, wie etwa diesen: „Aber nicht abwaschen statt schreiben!“

Ihre „Einladung zum Schreiben“, wie es im Untertitel heißt, kommt in den Passagen, in denen sie zum Schreiben auffordert, in kumpelhaftem, aber dezidiertem Befehlston daher, die Leser werden dabei vertraulich geduzt.

Seit vielen Jahren unterrichtet Doris Dörrie Schreiben an der Hochschule für Film und Fernsehen in München „Creative Writing“, ein Etikett, das sie nicht mag, sei doch jedes Schreiben kreativ. Längst tourt sie mit ihrem „Werkzeugkasten“ des Schreibens, wie sie sagt, um die Welt, gibt Schreibseminare in Mexiko, wo sie zwar nicht immer alles versteht, aber wie produktiv dieses Nicht-Verstehen sein kann, hat sie ja auch mit ihren in Japan gedrehten Filmen bewiesen.
Innerhalb von zehn Minuten, sagt sie in einem Interview auf der diesjährigen Buchmesse, könne sie jemanden zum Schreiben bringen, allerdings müsse man ihre Regeln befolgen. Als Hauptregel gilt: Schau genau hin! Erinnere dich! An alles! Vor allem an dich selbst in allem, was du erlebt und gesehen hast, von der Wohnung deiner Kindheit bis hin zu den Orten von Tod und Verlust.

All das, was Dörries Werk durchzieht, findet auch hier seinen Niederschlag: Die Furcht vor Peinlichkeit und Nichtgefallen, der Popanz des Erfolgs, die Brüchigkeit von Bindungen, die Hoffnung auf Trost, der mal in einer Religion, mal in einer Therapie gesucht wird.

Doris Dörrie stellt sich schreibwillige Leserinnen und Leser offenbar ein wenig so vor, wie viele ihrer Figuren: Gehindert am eigenen Leben, das nur im Geheimen gedeihen kann, wie es Trudi Angermeier – unvergessen Hannelore Elsner – in Dörries Film „Kirschblüten Hanami“ mit ihrer Leidenschaft für den japanischen Butoh-Tanz erging.

Nur so kann die Liste von Hinderungssätzen verstanden werden, die Dörrie anfangs als innere Stimme des Schreibgehemmten benennt: „1: Ich bin zu blöd. 2: Ich bin zu uninspiriert. (…) 4: Mein Leben ist nicht interessant genug. (…) 11: Was wird meine Mutter sagen, wenn sie das liest.“

Es sind diese eingeübten Selbstbezichtigungen, die Dörrie mit sanftem Druck aushebeln will. Warum, das schreibt sie gegen Ende des Buchs: „Überall sind kleine Zeit- und Wartefenster versteckt, die wir inzwischen meist mit Daddeln auf dem Handy verbringen. Stattdessen zu schreiben ist eine Art Ermächtigung: Man holt sich die Zeit zurück. Verpasst sein eigenes Leben nicht mehr.“

Diskrete Porträts und Gedenken an Freunde

Ob dabei Literatur entstehe oder ob das eher Therapie sei, wurde Dörrie auf der Buchmesse gefragt. Dem ist sie clever, aber auch vielsagend ausgewichen: „Ich fühle mich einfach privilegiert, weil ich diesen Raum habe, in den ich gehen kann … und in diesem Augenblick, wo man in diesem Raum ist, ist man in Sicherheit.“

Immer geht es ums eigene Befinden, um die eigene Angst, das ist der Unterton der kursiv gedruckten Anrede an die Leser, die Schreiber werden wollen. Nichts von Rhythmus, Ton, Klang, vom Lesen selbst. Traurig bliebe dieses Buch, wären da nicht die wundersamen Prosastücke, die Doris Dörries Leben reflektieren, glänzend in ihrer Bildhaftigkeit und vorbildlich in ihrer Ökonomie. Sie folgen der Chronologie des Lebens, von der frühen Kindheit der Arzttochter aus Hannover bis hin zu Dreharbeiten in der verseuchten Erde von Fukushima.

Sie zaubert diskrete Porträts ihrer Eltern und ihrer Männer hin, erinnert an gestorbene Freunde und Freundinnen und ihre nicht immer mutige Haltung in schwierigen Zeiten der anderen. Ergreifend ist die kleine Erzählung „Kindermuseum“, in der sie das Drama einer lange erfolglosen Sängerin in wenigen Sätzen umreißt.  

Am Ende bleibt diese ruhige, nachdenkliche Stimme, fast wie die Gegenspielerin zur Schreibdiktatorin, die Dorries Dörrie gewiss nur spielt.

Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen.

Eine Einladung zum Schreiben, Diogenes 2019, 18 Euro