Nein, Grillparzer stand hier nicht Pate. Sein 1831 entstandenes Trauerspiel „Des Meeres und der Liebe Wellen“ über die unglückselige Liebe zwischen einer Priesterin und einem Jüngling, der für sie das Meer durchschwimmt, hatte Anne Fontaine sicher nicht im Kopf bei ihrem neuen Film „Tage am Strand“. Von Entsagung und Bestrafung für eine Liebe, die sich über Regeln hinwegsetzt, ist hier nichts zu spüren.

Die Liebe ist hier Regelübertretung, alles andere ist Konvention. Und doch sind die vier Hauptfiguren so etwas wie Archetypen, Jünglinge und Priesterinnen, und das Meer ist nicht nur blaue Lagune, sondern mythischer Abgrund – wenigstens ein einziges Mal. Doch „Tage am Strand“ bleibt leicht und sanft wie eine Sommerbrise. Er beschert seinen Liebenden vor allem Wohlbefinden und Glück – und den Zuschauern, so sie nicht zu borniert sind, gleich mit.

Anne Fontaine erzählt in Adaption einer Erzählung der gerade verstorbenen Nobelpreisträgerin Doris Lessing eine Geschichte, die in einer Epoche von Altershass und -Angst für Unbedarfte peinlich ist. Sind diese Bikini-Frauen an einer australischen Bucht nicht jenseits der vierzig? Was wollen die beiden jungen Männer von ihnen? Diese Surfer mit ihren durchtrainierten Körpern und üppigen Haartollen. Sie sehen ein wenig aus wie schwule Pin-up-Boys, ebenso wie ihre Mütter leicht für ein lesbisches Paar gehalten werden können.

Vom irdischen Paradies, das auf einem Floß enden sollte

Das Spiel mit den Möglichkeiten und Facetten des Begehrens treibt diesen Film an, wird aber in einer streng symmetrischen Konstellation gebändigt. Zwei Mütter, zwei Söhne. Zwei lichtdurchflutete modernistische Villen mit Panoramafenstern aufs Meer. Ein irdisches Paradies. Die Frauen kennen einander seit ihrer Kindheit, auch ihre gleichaltrigen Söhne wachsen wie Brüder auf. Eines Tages zeigt Ian, der als Kind seinen Vater durch einen Autounfall verlor, jäh erotisches Interesse an der Freundin seiner Mutter.

Roz (Robin Wright) lässt sich hinreißen erst widerstrebend, aber dann doch – und ist danach für ihren Ehemann verloren. Zwischen Roz und Ian (Xavier Samuel) entsteht eine tiefe, kraftvolle Liebe. Robins Sohn zieht nach – zunächst aus Rache, dann aus Lust. Die Verbindung zwischen Lil (Naomi Watts) und Tom (James Frecheville) bleibt leicht, doch am Ende ist auch sie von längerem Bestand, als die Ehe, die Tom zwischendurch eingeht.

Inzestuöse Bande, könnte man sagen. Ist die Mutter des jeweils anderen nicht nur ein Substitut für die eigentlich erstrebte Vereinigung mit der eigenen Mutter? Und sind nicht die Söhne Substitute für die untergründige lesbische Liebe, und schlafen nicht die Söhne symbolisch miteinander, indem sie es mit ihren Müttern tun? Wollen sie alle miteinander niemals erwachsen werden?

All dies streift Fontaine, bewahrt ihre Figuren aber vor jeder Psychoanalyse. Sie lässt sie miteinander spielen, Blicke wechseln, ausbrechen, sich wieder einfangen, Skrupel haben und verzweifelt sein, und sie hat ein großartiges Schauspieler-Ensemble dafür. Man wünscht sich und diesem Quartett am Ende nur eines: den ewigen Sommer auf einem Floß außerhalb von Welt und Zeit.

Tage am Strand (Two Mothers) Frankr./ Austr. 2013. Regie: Anne Fontaine; Drehbuch: Christopher Hampton nach einer Erzählung „Die Großmütter“ von Doris Lessing; Kamera: Christophe Beaucarne; Darsteller: Naomi Watts, Robin Wright, Xavier Samuel, James Frecheville u. a. 112 Minuten, Farbe, FSK ab 12.