"Dornröschen" in der Deutschen Oper: Nacho Duatos Debüt-Stück ist ein Flopp

Wie gut gemacht, wie sauber getanzt ? und doch, wie schal und herzlos. Am Wochenende hatte an der Deutschen Oper das Ballett „Dornröschen“ Premiere. Es war nicht irgendeine Premiere in der Spielzeit. Mit diesem romantischen Ballettklassiker hat sich der neue Staatsballett-Intendant Nacho Duato dem Berliner Publikum vorgestellt.

Er hat sich damit lange Zeit gelassen ? seit vergangenem Sommer ist er im Amt. Umso größer waren die Erwartungen und umso größer ist nun das Unverständnis. Dieses „Dornröschen“ hat der spanische Choreograph gar nicht eigens für Berlin entwickelt. Es ist die Neu-Einstudierung einer Arbeit, die er 2011 am St. Petersburger Mikhailovsky-Theater herausgebracht hat und für die er dort vernichtend schlechte Kritiken bekam.

Jetzt also steht Iana Salenko, seit Jahren schon eine der ersten Solistinnen des Staatsballetts, als Prinzessin Aurora auf der Bühne. Sie ist eine kleine, quirlige Person, ihrem Tanz eignet sonst etwas verspieltes und kindliches, die optimale Besetzung also. Aber in Duatos „Dornröschen“ wirkt sie wie eingefroren, perfekt und kalt. So, als wäre sie in einem Eispalast Zuhause und schon mit der Geburt von der bösen Fee Carabosse unter einen bösen Fluch gestellt. Aber der wirkt, so zumindest will es die Geschichte, bekanntlich erst ab Auroras sechzehntem Geburtstag.

Der Tanz atmet nicht

Wer anderes erzählen will ? und diese Freiheit hat ein Choreograph ? muss dann aber auch die Fäden entsprechend anders ziehen. Sicher, die Musik von Peter I. Tschaikowsky ist so fein und bildhaft gearbeitet, dass dies einiges an dramaturgischem Geschick erfordert. Trotzdem haben nicht wenige Choreographen das „Dornröschen“ bravourös neu erfunden.

Nur Nacho Duato, und das ist das Problem dieses Abends, will eigentlich gar nichts erzählen. Völlig einfallslos ist er der 58-jährige Spanier der Struktur der überlieferten Choreographie gefolgt, hat ein wenig gekürzt und die traditionellen Pantomimen gestrichen ohne dafür subtilere, moderne Erzählweisen zu finden. Im Wesentlichen hat sich Duato darauf konzentriert, die Tänze neu zu choreographieren ? und das ist ihm durchaus gelungen. Nur atmet dieser Tanz nicht, springt der Funke nicht über.

Denn was nützt eine perfekt auf den Punkt tanzende und enorm präsente Fliederfee, wie sie Sarah Mestrovic gibt, wenn man ihr das Gute nicht glaubt? Wenn der Segen, mit dem sie die Zauberkraft der bösen Carabosse außer Kraft setzt nicht spürbar wird? Das gilt natürlich erst recht für ein großes Liebes-Pas de deux, wie es Aurora und Prinz Desiré (eigens hierfür aus St. Petersburg als Gast eingeflogen: der sprungkräftige Leonid Sarafanov) im zweiten Akt tanzen.

Eigentlich gewinnt dieser Pas de deux seinen besonderen Zauber daraus, dass Aurora dem Prinzen hier nur als von der Fliederfee heraufbeschworenes Traumbild erscheint. Eine Ballerina muss all das in ihrem Tanz verkörpern können, die ätherische Unwirklichkeit, das zarte Erwachen des Begehrens im Liebestraum einer Sechzehnjährigen.

Das mag verdammt altmodisch sein, aber nur so funktioniert das klassisch-romantische Ballett. Im Moskauer Bolschoi-Ballett werden junge Ballerinen von manchmal schon über achtzigjährigen Primaballerinen betreut. Nicht, weil diese ihnen die Technik antrainieren, sondern weil sie mit ihnen an der Verkörperung einer Giselle, eines verzauberten Schwans, einer Aurora arbeiten, an der Verkörperung von Archetypen. Es ist, ein wenig wie im japanischen No-Theater, eine Weitergabe von Generation zu Generation.

Nicht konsequent und mutig genug

Die Anforderung bis in die kleine Fingerspitze den Tanz mit Geist und Leben zu füllen gilt nicht nur für Ballerinen, sondern auch noch für die letzte Tänzerin im Corps de Ballet. Wenn das gelingt, wenn der gesamte Tanz wie von einem Geist durchatmet scheint, dann entfalten die klassisch-romantischen Ballette ihre Größe. An diesem Ziel der unendlichen Vervollkommnung hat das Staatsballett bislang hart gearbeitet. So, wie jede andere große klassische Compagnie es tut.

Nacho Duatos „Dornröschen“ streicht diese Tradition durch. Vielleicht wollte Duato das Ballett als Pop-Art, als hermetisches, mechanisches Spielwerk zeigen, aber dafür war er nicht konsequent und mutig genug. So treten sie alle auf, die Zauberwesen, die Feen und die böse Carabosse als starke Dragqueen (Rishat Yulbarisov), der blaue Vogel und Prinzessin Florin, die Edelsteine und der Kater und das Kätzchen. Nur zaubern können sie nicht.

Dabei stecken sie allesamt doch in umwerfenden Kleidern. Einen prachtvollen, märchenhaft-überbordenden Kostümrausch hat Angelina Atlagic für Duato entworfen. Damit hätte sich durchaus mehr anstellen lassen. Aber von dieser ersten Produktion des neuen Intendanten bleibt vor allem der Eindruck, dass Duato mit klassischem Ballett nicht wirklich etwas anfangen kann und ihm die Kraft fehlt, es in etwas Anderes zu transformieren.

Dornröschen: 20.2. (19.30Uhr), 15.3. (18Uhr), 3.4. (15 und 19.30Uhr) 6.4. (18Uhr), Deutsche Oper, Tel.: 206092630