Sich wölbende Brüste, erigierte Schwänze, pralle Schamlippen – was die Schwellkörper angeht, herrscht Gleichberechtigung in Dorothy Iannones Werk. Und alle tun es. Die Künstlerin ist offenbar eine Verfechterin der freien Liebe, vielleicht eine Feministin.

Eines ihrer Bilder von 1970 trägt den Schriftzug „The Next Great Moment in History is Ours“. Darunter reckt eine nackte Frau die geballte Faust. Zwei Jahre später malt sie ein ähnliches Bild, „Human Liberation“, in einer Zeit, in der Feministinnen von „Women’s Liberation“ sprechen. Auf dem Bild reckt die Frau beide Arme. Auf der Fahne, die sie hält, steht: „Ein Arm für Frauen, ein Arm für Männer, die sie auch brauchen, wenn auch weniger.“

Dorothy Iannone lässt sich nicht für eine gesellschaftliche Bewegung vereinnahmen. Der Antrieb für ihre Kunst war ihr Leben. Das hat sie, die Autodidaktin, die Literaturwissenschaft studierte, in ihrer Kunst verarbeitet. Das herausragendste Beispiel dafür ist „An Icelandic Saga“, eine Bildergeschichte, in der sie ihre schicksalhafte Begegnung mit dem Schweizer Künstler Dieter Roth beschreibt. Im Jahr 1967 unternimmt Iannone mit ihrem damaligen Mann eine Kreuzfahrt von New York nach Island. Bei ihrer Ankunft steht Roth am Pier, einen in Zeitungspapier eingewickelten Fisch unter dem Arm. „Ich hatte einen überwältigenden Grund mein Leben vollkommen zu ändern“, schreibt Dorothy Iannone. Sie verlässt ihren wohlhabenden Gatten und folgt Roth. 1968 ziehen die beiden nach Düsseldorf, die Stadt, die die Fluxus-Szene beherbergte. Auch ihr will Iannone nicht angehören. „I am she who is not fluxus“, schreibt sie.

In Düsseldorf beginnt Iannone, Filme und Tonkassetten aufzunehmen, sie baut ihre ersten „Singing Boxes“ – bemalte und beschriebene Kästen, aus denen ihre Stimme vom Band ertönt. Sie erstellt eine Liste mit den Namen ihrer 30 Liebhaber vor Roth. Er wird danach gefragt haben. Später malt sie Bilder dazu, es entsteht ein Künstlerbuch, lange bevor die britische Künstlerin Tracey Emin „Everyone I have ever slept with“ schuf.

Sieben Jahre dauert die Leidenschaft. Die Trennung verarbeitet die Künstlerin in ihrer „Aua-Box“. „Scheiden tut weh“, singt sie. Die beiden bleiben Freunde, leihen sich gegenseitig Geld. 1976 erhält Dorothy Iannone ein Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Seitdem lebt sie in der Nähe des Olivaer Platzes. Doch ihre Werke waren hier bislang nur in Off-Galerien zu sehen, und 2005 auf der Berlin Biennale.

Auch in ihrer Heimat hat die aus Boston Stammende erst in den letzten Jahren Aufmerksamkeit bekommen. Ihre Videoinstallation „I Was Thinking of You“ von 1975 wurde für die Whitney Biennale 2006 aus der Versenkung geholt. Sie besteht aus einer im Flower-Power-Stil bemalten Kiste, auf der ein Mann und eine Frau beim Liebesspiel abgebildet sind. Der Kopf der Frau wird repräsentiert von einem Monitor. Darauf das Gesicht der Künstlerin, während sie masturbiert.

Es ist kein Wunder, dass Iannone zumindest in früheren Jahren Skandale auslöst, mit Zensur zu tun hat. Im Jahr 1961 hat sie bei einem Flug von Paris nach New York das Buch „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller im Koffer. Der Zoll beschlagnahmt es, Millers Werke sind in den USA wegen ihrer expliziten Sexszenen verboten. Iannone zieht vor Gericht – und gewinnt. Der Prozess trägt dazu bei, dass der Bann über Millers Schriften aufgehoben wird.

1969 sollen die „Dialogues“ in der Kunsthalle in Bern ausgestellt werden, gemalte, beschriftete Leporellos mit Szenen aus Bett und Küche, von Festen und Kunstereignissen im Leben von Roth und Iannone, beide immer nackt. Daniel Spoerri, einer der Künstler, die diese Ausstellung organisieren, fürchtet die Schweizer Polizei. Er lässt die Genitalien auf den Zeichnungen mit Klebeband überdecken. Die Künstlerin zieht die Arbeiten ab, Harald Szeemann, der Leiter der Kunsthalle, tritt zurück. In der Düsseldorfer Kunsthalle werden die „Dialogues“ wenig später gezeigt, doch am Morgen nach der Eröffnung liegen sie zerrissen am Boden.

Iannone ist heute 80 Jahre alt, sie gibt keine Interviews mehr. Ihr Werk spreche für sie, lässt sie ausrichten. Es gibt ja auch genug zu lesen auf ihren Bildern. Man erfährt, wie sie Deutschland findet. Das vielleicht patriarchalischste Land der Welt, nennt sie es in ihrem „Explosive Interlude“. Doch Berlin gefällt ihr. „Du hast keine Ahnung wie schön Du bist Berlin“, heißt es in ihren „Berlin Beauties.“

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128. Bis 2. Juni. Mi–Mo 10–18 Uhr.