Aus einem alten mecklenburgischen Adelsgeschlecht stammend, nimmt Helmuth James Graf von Moltke (1907–1945), der Begründer des „Kreisauer Kreises“, zusammen mit seiner Frau Freya (1911–2010) eine heute unbestrittene Rolle als deutscher Widerstandskämpfer und Vordenker eines „anderen Deutschland“ ein.

Beschäftigt man sich mit ihnen und ihrem Weg in den aktiven Widerstand, so erfasst man beider Persönlichkeit und Denken vor allem durch die beiden Bände der Briefe aus dem Gefängnis Tegel zwischen 1939 und 1945. Gerade diese persönlichen Zeugnisse einer großen Liebe stehen für eine Haltung gegen den Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit und mangelnden Ehrfurcht vor anderen. Die Briefe bringen ein Ethos des Gewissens zum Ausdruck, das den Messstab ihres Denkens verdeutlicht und den Gegenentwurf gegen das Verhängnis der deutschen Diktatur definiert.

Spürt man dieser Haltung nach, so kann man es als Glücksfall bezeichnen, dass die Politikwissenschaftlerin und Germanistin Urte von Berg nun eine Biografie der Mutter von Helmuth James von Moltke vorgelegt hat.

Dorothy Rose Innes wurde 1884 in Pretoria als einziges Kind des südafrikanischen Chief Justice und späteren Präsidenten des Obersten Berufungsgerichts Sir James Rose Innes (1855–1942) und der ebenfalls ursprünglich von schottischen Vorfahren abstammenden Jessie Dods Pringle geboren. Eingebettet in die Oberschicht Südafrikas entwickelte Dorothy Rose sehr früh ein ausgeprägtes Interesse an politischen und sozialen Fragen.

Mehr oder weniger durch einen Zufall der Reiseplanung ihrer Mutter Jessie herbeigeführt lernte Dorothy 1902 den Erben des Moltke’schen Gutes Kreisau, Helmuth von Moltke, kennen, den sie im Oktober 1905 in Pretoria heiratete. Helmuth war Landwirt und ein überzeugter Gefolgsmann und späterer „Heiler“ der Christian-Science-Glaubensgemeinschaft. Auf Lehren der Bibel zurückgehend vertritt diese Gemeinschaft ein christliches System des Heilens und ist bis heute weltweit tätig.

Ein Bild der jungen Braut mit ihrer Mutter aus dem Jahr 1903 zeigt eine hübsche, selbstbewusste junge Frau. Nach dem Abschied aus Südafrika zog sie in das königlich-kaiserliche Preußen und das schlesische Gut Kreisau ein, das gerade einmal 400 Hektar groß war. Sie lernte Deutsch und übernahm die ihr zugeordneten Rollen als Gutsfrau und loyale Bürgerin ihrer neuen Heimat.

Urte von Berg entwirft den Lebensweg einer in ihren Überzeugungen unbestechlichen und tapferen Frau. Briefquellen zeigen eine politisch begabte, liberal eingestellte, sozial empfindsame Frau, die keineswegs in das konservative Milieu passte, ja dieses sogar als eine verhängnisvolle Formation ablehnte und späterhin der Sozialdemokratie zuneigte.

Am 11. März 1907 wurde der erste Sohn Helmuth James, von ihr in den Briefen an ihre Eltern stets „the Boy“ genannt, geboren und mit dem Spruch aus dem Römerbrief 8, Verse 38-39 getauft.

Dorothy umgab den Sohn mit einer Liebe und Wärme, von der Helmuth James in seinem letzten Brief an die beiden Söhne berichtete: „... wer diese Wärme mitbekommen hat, dem wird nie wieder kalt ums Herz werden“. Hier zeigt sich, dass Moltke von seiner Mutter in einer Weise geprägt und lebensbestimmend gestützt wurde, die ihn befähigte, im Widerstand gegen den Diktator mit Mut zu bestehen und Zeugnis als gläubiger Christ abzulegen.

Dorothy von Moltke hielt Deutschland politisch für einen hoffnungslosen Fall. Bereits 1924 schrieb sie: „Seine Instinkte und Mentalität sind in der Politik immer falsch, es ist ganz seltsam und sehr traurig. Das ist der Grund, warum so viele der besten Geister sich ganz vom politischen Leben abwenden, aber das ist natürlich auch nicht gut.“ Hätte man 1923 zur Zeit des Hitler-Ludendorff-Prozesses, den sie für eine Tragödie gehalten hat, auf diese Stimme gehört, hätte sich das nachdenkliche Deutschland gegen die sich schon abzeichnende Zerstörung der Weimarer Republik und kommende Gewaltherrschaft viel stärker wehren müssen.

In den Briefen von Dorothy ist ein Denken beschrieben, das eine unmittelbare Verbindung von Mutter und Sohn erkennbar werden lässt. Sie hat das tragische Ende ihres Sohnes und seine Hinrichtung am 23. Januar 1945 in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee nicht mehr erleben müssen. Diese Biografie aber setzt ihr ein eindrucksvolles Denkmal.

Urte von Berg: Dorothy von Moltke. Wallstein Verlag; Göttingen 2020. 248 S., 29 Abb., 24,90 Euro. 

Der Jurist und Historiker Rüdiger von Voss ist Sohn des Widerstandskämpfers vom 20. Juli 1944 Hans-Alexander von Voss.