Der britische Schauspieler Hugh Laurie.
Foto: Imago Images

BerlinAls eigenwilliger und nicht eben einfühlsamer Arzt Dr. Gregory House wurde der britische Schauspieler Hugh Laurie weltberühmt. Nun ist der dreifache Golden-Globe-Gewinner mit „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ (ab 24.9. im Kino) wieder auf der Leinwand zu sehen. Der Film entstand unter der Regie von Armando Iannucci, mit dem der 61-Jährige bereits für mehrere Serien zusammengearbeitet hatte. Wir sprachen mit Laurie vor zwei Wochen am Telefon.

Mr. Laurie, Ihr neuer Film „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Charles Dickens. Was haben Sie für einen persönlichen Bezug zu dieser britischen Literatur-Legende?

Wie wahrscheinlich die meisten meiner Landsleute musste ich bei Dickens früher vor allem an Schullektüre denken. Seine Bücher waren das literarische Pendant zu Brokkoli und Rosenkohl: In einer Tour wurde einem gesagt, wie gut und wichtig das ist. Und davon war man dann so genervt, dass man nicht mehr wahrnahm, wie großartig seine Bücher wirklich sind, wie witzig und aufregend er sein konnte. Ich jedenfalls griff nach dem Ende meiner Schulzeit sicherlich 20 Jahre zu keinem Dickens-Roman. Obwohl mein Vater definitiv immer jemand war, der mir die Lektüre mehr als dringend empfahl.

Sie haben nicht auf ihn gehört?

Na ja, das war kaum anders als mit dem Thema Schullektüre. Auch die Empfehlung meines Vaters ließ das eher so klingen, als sei Dickens Pflicht. Aber ich hatte keine Lust etwas zu lesen, nur weil man es muss. Erst Jahre später griff ich dann zu jenen Büchern, die ich als Schüler nie gelesen hatte, „Klein Dorrit“ etwa oder „Große Erwartungen“. Und siehe da: Ich war begeistert und bekam gar nicht genug davon. Dickens war humorvoll und einfallsreich, enthusiastisch und zutiefst menschlich, immer voller Begeisterung für seine Figuren. Ich hoffe sehr, dass unser „David Copperfield“ ein paar Menschen nun daran erinnern wird.

Hugh Laurie, Dev Patel und Tilda Swinton in einer Szene aus „The Personal History of David Copperfield“. 
Foto: Dean Rogers/Fox Searchlight Pictures via AP

Die Adaption macht tatsächlich viel Spaß, das ist ein richtiger Gute-Laune-Film. Das ideale Kino-Erlebnis in Zeiten wie diesen?

Womöglich ja, nicht zuletzt, weil der Geschichte Menschlichkeit und Optimismus innewohnen. Wobei ich nie sicher bin, ob es nun eigentlich die Aufgabe von Entertainment ist, den Menschen Eskapismus anzubieten – oder sie mit dem Grauen der Welt zu konfrontieren. Vielleicht beides? So oder so wünsche ich mir natürlich, dass wir vielleicht einen Moment der Hoffnung vermitteln können. Allein dafür, dass wir am Leben sind, müssen wir doch dankbar sein. Und das Beste aus diesem Wunder machen.

Das klingt so ganz anders als die bitterbösen, ja zynischen Politsatiren wie „Veep“, die man sonst von Regisseur Armando Iannucci kennt.

Fast ist es so, als hätte er sich von der Gegenwart verabschiedet, weil die ohnehin schon überzeichnet und surreal genug ist, nicht wahr? Ich kann natürlich nicht für ihn sprechen. Aber mein Verdacht ist ja, dass Armando sich zuletzt Geschichten aus der Vergangenheit oder – wie mit unserer Serie „Avenue 5“ – aus der Zukunft vorknöpfte, um zu zeigen, dass die menschliche Natur im Grunde unveränderbar ist. Wir als Spezies hatten immer schon die gleichen Gedanken und Gefühle – und werden auch die gleichen Fehler immer wieder machen.

Apropos surreale Gegenwart: Wie ist es Ihnen in den vergangenen Monaten ergangen? Und haben Sie, wie einige Ihrer Kollegen, schon wieder mit der Arbeit beginnen können?

Nein, noch nicht. Ich glaube, ich habe in diesem Jahr erst einen Tag gearbeitet – und da habe ich in einem Glaskasten im Tonstudio ein Hörbuch eingelesen. Eigentlich hätten im Frühjahr die Dreharbeiten zur zweiten Staffel „Avenue 5“ beginnen sollen, doch die wurden immer wieder verschoben, aktuell auf November. Wobei die derzeitige Entwicklung in Großbritannien mich auch daran zweifeln lässt. Denn wie soll man bei all den Abstands- und Sicherheitsregeln eine Serie mit 200 Statisten und einer Crew aus 100 Leuten drehen? Aber ich will mich nicht beklagen, schließlich nage ich nicht am Hungertuch und bin in meinem Beruf vollkommen flexibel und auf mich alleine gestellt. Mir tun die kleinen Unternehmer leid, die ihre Angestellten irgendwie weiterbezahlen wollen. Die Leute, die all ihr Erspartes in einen Pub oder ein Restaurant gesteckt haben. Die brauchen wirklich Hilfe. Zumal ich denke, dass wirtschaftlich gesehen das Schlimmste erst noch auf uns zukommt.

Zur Person

Noch während seines Studiums in Cambridge begann Hugh Laurie, geboren 1959 in Oxford als Sohn eines Ruder-Olympiasiegers, Anfang der 80er-Jahre gemeinsam mit Studienfreunden wie Emma Thompson und Stephen Fry seine Comedy- und Schauspielkarriere. Mit britischen TV-Serien wie „Black Adder“ begann sein Durchbruch, es folgten Kinofilme wie „Stuart Little“ oder „Sinn und Sinnlichkeit“.

Zum weltweiten Star wurde der Vater dreier Kinder schließlich in der Titelrolle der acht Staffeln umfassenden US-Produktion „Dr. House“ (2004 bis 2012). 

Dann werfen wir doch lieber noch einen Blick zurück, etwa in die 80er-Jahre, als Sie an der Seite von Freunden wie Stephen Fry oder Emma Thompson Ihre Karriere begannen und die britische Comedy-Szene durcheinanderwirbelten. Sehnen Sie sich manchmal in diese Zeit zurück?

Wenn ich Fotos von damals sehe, von Emma oder Stephen, Ben Elton oder Rowan Atkinson, dann werde ich schon nostalgisch. Allerdings fällt mir dann auch immer ein, was mich damals umtrieb. Dass ich keine Ahnung hatte, was die Zukunft bringt, ob ich diesen Beruf dauerhaft würde ausüben können oder wovon die nächste Miete gezahlt wird. Ich hatte mehr als einmal die Sorge, dass von einem auf den anderen Moment alles vorbei sein könnte. Deswegen sehne ich mich nicht wirklich zurück. Die Vergangenheit ist ja doch meistens erst im Rückblick so richtig rosig.

Ist die Comedy-Szene in England heute ähnlich aufregend wie damals?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Sie ist auf jeden Fall viel größer, und zumindest was Bühnenprogramme angeht, bin ich nicht über alles im Bilde. Was das Fernsehen angeht, bin ich eher auf dem Laufenden. Da habe ich zuletzt einige wirklich fantastische Sachen gesehen.

Zum Beispiel?

Die mit Abstand beste Serie seit Ewigkeiten ist „I May Destroy You“ von und mit Michaela Coel (startet in Deutschland am 19.10. bei Sky, Anm. d. Red.). Die ist so unglaublich gut, dass ich kurz darüber nachdenken musste, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen. Das war für mich, als würde ich selbst einmal die Woche auf der Straße kicken und plötzlich das Finale der Champions League sehen. Ein vollkommen anderes Niveau! Auch „I Hate Suzie“ mit Billie Piper war großartig. Oder „Run“ mit Domhnall Gleeson, geschrieben von der ohnehin fantastischen Phoebe Waller-Bridge. Das sind alles keine Comedy-Serien, sondern eher Dramen, die aber auch die Absurditäten des Lebens einfangen.

Stichwort Absurdität: Was war in Ihrer Karriere, in der Sie ja schon mit den Spice Girls vor der Kamera standen oder Werbegesicht für L’Oreal waren, der schrägste Moment?

Puh, gute Frage. Ich glaube, das war, als in den Achtzigern die Band Echo and the Bunnymen ein Konzert im Theater der ehrenwerten Royal Shakespeare Company gab. Das allein war schon seltsam, aber dann ließen sie mich auf die Bühne kommen und den Text ihres Songs „Villiers Terrace“ im Stil eines altmodischen Shakespeare-Monologs vortragen. Da stand ich dann, vor einem Haufen betrunkener, grölender Hooligans und fragte mich, was ich mir da eigentlich für eine Karriere ausgesucht hatte. Alberner kam ich mir jedenfalls nie wieder vor.