Sie würde sich ja gerne mal wohlfühlen, haucht Angelica Liddell leise, konzentriert ins Mikrofon. Das Rüschennachthemd, in dem sie die Stunde zuvor das Muttermädchen Wendy aus James M. Barries „Peter Pan“-Geschichte darstellte, hat sie ausgezogen und trägt nun nur noch Engschwarz unter goldenem Slip. Ihre glitzernden Stiefel werden bald mit flamencohaftem Furor auf die Bretter krachen, aber nun kauert sie im Dunkeln und fühlt den Ekel langsam in sich aufsteigen. Sie würde sich also schon gerne mal wohlfühlen, aber sie wisse ja nicht mal, was das sein soll: „sich wohlfühlen“. „Geht’s gut?“ auch so eine unverständliche Frage.

Angelica leidet also. An allem, vor allem an dem gemeinhin behauptet Guten, Schönen, Freudigen, das die defizitäre Realität geschickter kaschiert, als alle Statistiken es je könnten. Im krisengeschüttelten Spanien, woher ihr Atra Bilis Teatro kommt, klingt das sicher noch schärfer als hier, trotzdem versteht man sie bestens. Alles, was mit Selbstlosigkeit, kurz: mit moralischem Ruhm verbunden ist, bringt Angelica zum Würgen, denn der verkappte Stolz, den die Selbstlosen sich damit erkaufen, demütigt andere effektiver, als jede Beleidigung.

„Würdeboni“-Jäger nennt Angela diese Guten und die Königinnen der „Würdeboni“ sind wer? Die Mütter! Hinter dem „Muttersein“ kommt dann gleich das „Fleißigsein“ auf ihrer Ekelliste und das Unbezahlte-Drecksarbeit-machen − moralische Dinge also, die in Wahrheit immer den höchsten Preis haben: Doppelmoral.

Dass das stimmt, weiß jeder. Auch dass das nur die eine Seite ist, und trotzdem greift hier kein Vorwurf der Unausgewogenheit. Denn Liddell bringt die ganze gute Tagseite der Welt wütender und mit radikaleren Konsequenzen auf den Punkt, als es die angesagten Wutreden hierzulande vermögen. Angelica leidet, sie grunzt, stöhnt und rattert ihre zungenbrecherischen Sätze ab, dass man nur noch sprechende Gewehrsalven hört. Und über eine Stunde lang steigert sie sich in etwas hinein, das nur noch dem Artaud’schen Prinzip der Nacht gehorcht: Liddell zelebriert eine Feier der Pest als Träger des Wahrheitsvirus. Bald glaubt sie der Sprache des Körpers mehr als den Worten, den Exkrementen mehr als der Innerlichkeit, der Einsamkeit mehr als der Anschlussfähigkeit.

„Todo el cielo sobre la Terra (Das Wendy-Syndrom)“ ist auch eine rätselhaft vielteilige, kitschig-böse Zuspitzung der Peter-Pan-Geschichte, die an der Schaubühne bisher den energetischen und gedanklich oszillierenden Höhepunkt des Dramatikfestivals F.I.N.D. liefert. In allem sieht man die unerbittlichen Versuche Liddells, Gegenwart umzudenken, ihre Wahrheiten aufzusplittern und dabei keine Angst vor Unverständnis zu haben.

Der skrupellose Abenteurer Peter, der nie erwachsen werden will, und seine Mutterfreundin Wendy bekommen so splitterhafte Spiegelbilder in dem Attentäter von Utoya Anders Breivik und seinen 69 Opfern. Und tatsächlich werden diese symbolischen Verknüpfungen um den Inselhügel auf der Bühne herum bald höchst aufschlussreich, denn sie werfen die Ambivalenzen beider Geschichten zurück. Zweifellos ist Peter Befreier und potenzieller Terrorist zugleich. Sein Nimmerland-Utoya aber spiegelt genauso die Gewalt der Erwachsenenwelt, die ihre Bösewichter braucht und alles kindlich Anarchische tötet, um die eigenen Festen zu sichern.

Mit derartigen Kippfiguren kann die junge mexikanische Truppe Lagartijas Tiradas al Sol nicht mithalten. Will aber auch etwas ganz anderes, nämlich ohne doppelten Boden die Geschichte Mexikos spielerisch begreifen. Was bedeutet, die Geschichte der über 70 Jahre regierenden „Partei der institutionellen Revolution“ PRI zu rekonstruieren. Das tun die drei dann auch sorgfältig, wechseln ironisch die Präsidenten-Masken und springen geschickt vom Erzählen ins Spielen und zurück. Leider bleibt ihre Chronik bloß Chronik, also Vergangenheit: bunt zwar, aber weit weg.

Am Wochenende endet das Festival für internationale neue Dramatik, F.I.N.D., unter anderem mit „Der Versuch, ein Stück zu machen, das die Welt verändert“, einem Gastspiel aus Chile, und den „Idioten“ aus Moskau. Info: www.schaubuehne.de