Es ist weit nach Mitternacht am zweiten Festivaltag, als die Technik im Saal B streikt. Patrick Wengenroth wollte gerade ein Lied auf den Autor Roberto Bolaño singen, dem sein „Autorenklub“ galt, lässt das ohne Playback aber lieber sein und erzählt einen Witz: „Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine: Du, mir geht’s schlecht, ich hab „Homo sapiens“. Sagt der andere: hatte ich auch, geht vorbei! Der Witz ist nicht neu, trotzdem gibt seine Radikalität einen treffenden Kommentar ab zu Bolaño ebenso wie zu dem gesamten ersten Gastspielwochenende in der Schaubühne, wo das Festival für neue Dramatik seinen Lauf nimmt.

Tatsächlich hat sich der „Homo sapiens“ in seiner ansteckendsten und tödlichsten, weil technisch hoch gezüchteten Form in diesen Tagen dort festgesetzt. Als Bediener von Computern, Smartphones, Tablets nämlich wuchert er durch die Projekte und arbeitet fleißig gegen sich selbst.

Ein hochinteressanter Entzündungsherd also, der die gutartige wie bösartige Ausprägung kennt: Im ersten Fall entlassen die Übertragungstechniken ihn als bewussteren Menschen, so gesehen in der dokumentarischen Kurzinstallation „33 RPM and a few Seconds“ des libanesischen Theaterpaars Rabih Mroué und Lina Saneh. Die bösartige Variante dagegen hat Thomas Bo Nilsson mit der Pornomeile „Meat“ ins Schaubühnenstudio gebaut, wo man zehn Tage lang rund um die Uhr eine Brutstätte der Schrumpfstufe „Online-Mensch“ begehen kann.

Beide Installationen entwickeln größtmögliche Kontrastbilder zu dem, was die eigenartig intime Öffentlichkeit des Internet bewirken kann. Am Anfang beider steht ein Toter. Der eine, Diyaa Yamout, Menschenrechtsaktivist im Libanon, nahm sich am 1. Oktober 2011 das Leben. Er filmte die Tat, um jeden Verdacht auf Mord auszuschließen und erklärte im Brief die Entscheidung als unpolitischen, rein persönlichen Akt der „Befreiung“, was in Zeiten des „arabischen Frühlings“ nur niemand glaubte.

Der andere Tote hieß Jun Lin, war chinesischer Student in Montreal und Freund des Pornodarstellers Luka Rocco Magnotta, der ihn im Mai 2012 erschlug. Auch Magnotta filmte die Tat, stellte sie jedoch aus narzisstischer Geltungssucht ins Internet. In dem Video zerstückelt er sein Opfer, missbraucht den Torso und täuscht sogar vor, davon zu essen. Hände und Füße verschickte er an kanadische Parteien. Tatspuren tilgte er kaum, weshalb man ihn bald in einem Neuköllner Internetcafé fasste, als er nach sich selbst Ausschau hielt.

Die Frage nach der Durchdringung des Lebens mit der Online-Öffentlichkeit vereint die Fälle. Für Magnotta wird die Selbstüberhöhung im Netz zur eigentlichen Realität, er pflegt Dutzende Online-Profile und stylt seinen Körper mit Schönheits-OPs wie Bilder mit Photoshop. Diese Spielwelt aus Plastik, Fake und Qual hat Nilsson mit „Meat“ in Räume übersetzt. Durch einen Spätkauf gerät man in ein Internetcafe und von da in eine Shoppingmall. Nichts ist hier seinen Preis wert, genauso wenig, wie in dem Labyrinth aus Darkrooms und Folklorekneipe dahinter, in dem sich viele kleine Magnottas und Display-Junkies feil bieten. An die 60 Darsteller in leichten Nachtclubfetzten geistern durch die sprechende Architektur. Leider nur haben sie selbst außer Pornosucht und Stumpfsinn wenig darzustellen.

Man weiß wieder, was gute Performance ist

„33RPM and a few seconds“ dagegen braucht keine Darsteller. PC, Fax und Telefon sprechen mit sich selbst: Es klingelt, der AB springt an, und Stimmen bitten um Rückruf. Auch auf Diyaas Facebook-Seite, die man über Leinwand sieht, verbreitet sich Ungeduld, bis die Todesnachricht eintrifft. Und ein wildes Wortgefecht quer durch die Medien beginnt: Was bedeutet die Tat? Wie sollen sie politisch weiter machen?

Mroué und Saneh ist es mit dieser Zusammenstellung der öffentlich-privaten Reaktionen eines Monats gelungen, nicht nur das widersprüchliche Bild eines Aktivisten zu zeichnen, sondern auch die gerade im „arabischen Frühling“ so vielgepriesene Netzkommunikation als politisches Verständigungsmedium auf den Prüfstand zu stellen. Als Abbild von Vielfalt und Spontaneität erweist es sich auch hier als unschlagbar. Aber wenn es je ein gemeinsames politisches Bewusstsein im sozialen Netz der Diyaa-Freunde gab, hier entpuppt es sich als Generator überreizter Missverständnisse und Vereinzelung.

Eine andere Erzählform täte Not, den toten Schönheitsgipfel der Konsumgesellschaften abzutragen, in den sich der „Homo sapiens“ samt Internet einmauert. Diese Gegen-Erzählung liefert Rodrigo García mit seiner poetisch-sarkastischen Verweigerungsshow „Daisy“. Im Vergleich mit der Aktionsfantasie früherer Stücke ist der sprechende Burger in „Daisy“ und die Trommel voller dressierter Kakerlaken (Achtung Mensch!) zwar harmlos. Aber wenn die zwei Performer dann Leibnitz-Verächter spielen und als Schlossgespenster endlos lang in und um die Videobilder harmonischer aber menschenleerer Luxusviertel geistern, Beethoven dazu, weiß man wieder, was gute Performance ist.

F.I.N.D., bis 13.4. in der Schaubühne, Info: www.schaubuehne.de