Der Spieler wird in „Dreams“ zum Gestalter und kann sich seine Welt selbst erschaffen. 
Foto: Media Molecule

So etwas schenken Elfjährige heute ihren Vätern: virtuelle Welten. „Komm mit zur Playstation“, sagt deshalb der Sohn. Das Objekt, das er verschenken will, ist eine Insel, spärlich mit Palmen bewachsen. In der Mitte steht ein kleines Camp aus zwei Zelten und einem Schutzwall. An den Rändern des kleinen Eilands geht es ins Nichts hinab. Und da steht noch ein Monstrum mit zwei Begleitern, eine Art böser ägyptischer Priester. Still und lauernd, er bewegt sich nicht. Nur wir bewegen uns, es gibt eine Spielfigur, die vom Camp aus herumspazieren kann: ein Skelett.

„Dreams“ vielleicht eher Baukasten als Computerspiel

Möglich macht so ein Geschenk das Computerspiel „Dreams“. Vielleicht ist der Begriff Computerspiel aber gar nicht der richtige. „Dreams“ ist eine Art Baukasten, der viele Arten von Elementen bereitstellt. Steine, Bäume, Tiere, Wiesen, Bälle, Stangen, eine Art Werkzeugkiste Gottes. Was sie enthält, kann man nach Belieben platzierten. Im Prinzip sieht so die Arbeit eines Videospiel-Designers aus. Bloß: In „Dreams“ ist das alles kinderleicht. Das Erschaffen der Inselwelt aus dem Nichts hat eine knappe Stunde gedauert. Und ihr Schöpfer ist ein Grundschüler.

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Die Softwarefirma Media Molecule aus Guilford bei London hat dieses Spiel in sieben Jahren entwickelt. Und jetzt ahnt man auch, was so lange gedauert hat. Startet man „Dreams“, ist das Bild noch leer, am Boden des virtuellen Raums sieht man ein rotes Feld mit Markierungen, es erinnert an einen Tennisplatz. Dort geht’s dann los mit Bauen. Aus Tausenden Elementen kann man wählen, hier eine Mauer platzieren, dort einen Strauch. Oder ganz frei Strukturen aus geometrischen Formen in die Luft zeichnen. Alles scheint möglich. (Aber alles wird immer ein bisschen schief, es ist nicht ganz einfach, mit dem Playstation-Controller genau zu arbeiten.)

„Dreams“ ist nicht nur ein Kinderspiel. Auch wenn die Programmierer aus Südengland vorher „Little Big Planet“ schrieben, bei dem man ein Männchen aus grobem Leinenstoff durch eine 2D-Welt hüpfen lässt. Mit „Dreams“ kann man solche Spiele bauen, aber auch alles andere. Es gibt schon jetzt Detektiv-Abenteuer, Weltraum-Shooter, kleine bewegte Kunstwerke, Kurzfilme mit virtuellen Figuren.

Verwirrte Games-Fachpresse spricht Bände

Die Games-Fachpresse ist verwirrt. „Lässt sich schwer in Worte fassen“, „Quelle endloser Überraschungen“, „passt in kein Genre“ – das liest man derzeit bei denen, die sonst immer alles wissen. „Ich nenne es ein soziales Netzwerk der Kreativität“, sagte Mit-Erfinder Mark Healey, als er das Spiel in  Berlin vorstellte.

Das passt, weil jeder, der hier etwas erschafft, sein Ergebnis dann auch der Gemeinschaft aller Spieler zur Verfügung stellen kann. Tausende Spiele gibt es schon jetzt zum Start – viele von der Firma bereitgestellt. Etwas vom Stil der 80er-Jahre-Games hat das Meiste. Ein besonders schönes etwa ist „Arts Traum“, es beginnt als dunkle Geschichte in Jazzbars der 20er-Jahre, wird dann zu einem Jump-and-run-Spiel in einer Art verzaubertem Garten.

Bei „Dreams“ gibt es auch von der Community erstellte Spiele zu entdecken.
Foto: Media Molecule 

Nach dem Willen der Entwickler soll das aber nur der Anfang sein. Sie starten nun Projekte, um zu zeigen, was das Spiel alles kann: Die Berlinerin Lovra, die als Produzentin und House-DJ recht erfolgreich ist, verkündete nun eine Kooperation mit Playstation. Sie lässt sich einen Song und ein Musikvideo in „Dreams“ nachbauen.

Das geht, weil sogar ein kleines Musikprogramm integriert wurde. Wenn man es aufruft, schwebt eine Ansicht im virtuellen Raum, die Programmen wie „Garage Band“ ähnelt – Tonspuren, Schlagzeug, Gesang, Bass, mit verschiedensten verfügbaren Sounds. Das Angebot im Spiel kann alles, was Musikprogramme eben können müssen. Zwei besonders versierte „Dreams“-Spieler bauen derzeit ihren Song „Someone in the Dark“ sowohl musikalisch nach als auch als Video.

Erinnerungen an die 3D-Welt „Second Life“ werden wach

Die musikalischen Beispiele stehen exemplarisch für alles, was dieses Spiel ausmacht: Die beiden Künstler, die das Video in den kommenden Tagen umsetzen, stammen aus der Community, sind letztlich besonders engagierte Spieler. (Eine Vorab-Version von „Dreams“ war für einen eingeschränkten Kreis schon vor einem Jahr verfügbar.) Der Fall zeigt auch, wie viel das Spiel kann – letztlich fast alles.

Andererseits weckt es auch Erinnerungen an die 3D-Welt „Second Life“, die sich vor zehn Jahren in sehr kurzer Zeit vom größten Hype zum größten Flop der Games-Geschichte entwickelte. Wenn jetzt eine B-Prominente der DJ-Szene ihr virtuelles Video machen lässt, regt das deswegen auch den den Gedanken an: Hoffentlich wird das nicht peinlich.

Das ist eine der vielen Herausforderungen, vor denen „Dreams“ nun steht. Es kann die Spieleszene verändern, weil jede und jeder nun Spiele designen kann. Ohne Ausbildung und Vorkenntnis. Es könnte aber auch scheitern, weil vielleicht niemand zum Gamedesigner werden will und die Steuerung etwas komplex ist. Es ist allemal sehr ungewöhnlich – und sehr gewagt.

„Dreams“, Media Molecule/Sony, nur für die Playstation 4 geeignet, 39,99 Euro