Sie kann streng wirken. Unterkühlt. Für ihr offizielles Pressefoto hat Anette Hess ein schwarzes T-Shirt angezogen. Die Arme hält sie überschränkt, wie eine Türsteherin bei einem Rockkonzert. Worauf passe sie denn auf? „Auf meine Geschichte“, antwortet sie knapp, „und zwar in jeder Phase.“

Noch eine Stunde bis zur Premiere. Im Cinema Paris am Kurfürstendamm, wo der neue ZDF-Dreiteiler „Ku’damm 59“ vorab gezeigt wird, ist Annette Hess genauso gefragt wie die anwesenden Stars, von Emilia Schüle bis Heino Ferch. Die 51-Jährige ist nicht nur Erfinderin und Autorin der Familien-Saga, sondern eine Art Oberaufseherin der Produktion. Für diese Position gibt es im boomenden Serien-Geschäft der USA den Begriff „Showrunner“. Es ist eine absolute Machtstellung.

Fernseh-Deutschland ist da noch immer Entwicklungsland. Es sei noch gar nicht so lange her, erzählt Hess, da habe sie als Autorin „gar nicht auf der Premieren-Liste gestanden“. Jetzt geht nichts ohne sie. Sabin Tambrea, der in der Serie einen traurig-liebenden Fabrikantensohn spielt, wird sich später auf der Bühne, noch bevor er Eltern und andere Väter des Erfolges preist, zuallererst bei der Frau bedanken, die seine Figur entworfen hat: „Es ist ein Geschenk, solch einen vielschichtigen Charakter spielen zu dürfen. Und Annette hat uns alle immer wieder mit ungewöhnlichen Wendungen überrascht.“

 „Ku’damm 56“  - Fortsetzung einer Erfolgsstory

Mit rund sechs Millionen Zuschauern pro Folge war die UFA-Produktion „Ku’damm 56“ einer der großen Quotenhits des Fernsehjahres 2016. Und dessen Schöpferin, die schon vorher überaus erfolgreich war, etwa mit der preisgekrönten Serie „Weissensee“ oder den „Polizeirufen“ um den schrulligen Polizeihauptmeister Krause, wurde auf einmal gefeiert, als hätte sie das Fernsehen neu erfunden. Für deutsche Verhältnisse, wo Drehbuchautoren eher unterhalb der Wahrnehmungsschwelle laufen, fast wie ein Star. Und das auch noch als Frau.

Neben dem Lob aus Branche und Medien erhielt Hess auch einen Anruf von einer Cousine in der Schweiz. „Die ist ja wie Oma ... wie Oma“, habe diese ganz aufgeregt gerufen. Für Annette Hess war das das größte Lob: Caterina Schöllack, die von Claudia Michelsen gespielte, seelisch wunde, im Nachkriegs-Berlin eisern das Eheglück ihrer drei Töchter verfolgende Tanzschulen-Gouvernante, ist ihrer Großmutter nachempfunden. „Sie war eine begabte Frau, die sich nicht entfalten konnte, das hat sie bitter gemacht.“ Offenbar ist sie gut getroffen.

Überhaupt habe sie bei vielen Frauen in der Familie kleine Geschichten gefunden, um damit „den deutschen Nachkriegsalltag aus weiblicher Sicht“ zu erzählen: „Ich brauche diesen persönlichen Bezug.“ Das Klischee eines amerikanischen GIs, Darling deutscher Mädchen in vielen Nachkriegsromanzen, vermeidet sie – auch „weil es das bei uns nicht gab“.

Die drei Schöllack-Töchter rebellieren gegen Wirtschaftswunderspießigkeit, unterdrückte Sexualität und verhinderte Selbstentfaltung. Und es ist die Kunst von Annette Hess, dies so zu verdichten, dass es einen Fernsehabend trägt. Hess, Mutter zweier Mädchen und zu Hause im niedersächsischen Dorf Dörpel, ist eine Meisterin lebensnaher Dialoge und Figuren. In den neuen Folgen spielt Ulrich Noethen einen schmierigen Regisseur und dreisten Grabscher – von Hess lange vor #MeToo und der Debatte um Dieter Wedel angelegt: „Die Besetzungscouch gab es schon immer“, sagt sie. „Als Drehbuchautorin sehe ich mich als eine Art Seismograph, da sollte man auch Themen früher als andere aufgreifen.“ Annette Hess könnte sicherlich selbst von vielen unangenehmen Erfahrungen erzählen. Sie setzt es aber lieber produktiv um.

Ingmar Bergmann als Idol

Die Autorin wirkt jünger als sie ist und auch sonst nicht so, wie es das Bild des von zu wenig Schlaf und zu viel schwarzem Kaffee geschlauchten TV-Lohnschreibers will. Sie trägt ein T-Shirt, das man von weitem für einen Fan-Artikel einer Heavy-Metal-Band halten könnte. Es steht aber kein Bandname darauf, sondern „Ingmar Bergman“. Der schwedische Filmemacher war ihr Jugendidol und ist bis heute ihr Vorbild: „Seine Drehbücher funktionieren wie ein Uhrwerk“, sagt sie. „Und Bergman konnte hervorragende Frauen-Figuren entwerfen.“

Ihre Grundausbildung absolvierte Annette Hess mit dem Studium Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Doch das Handwerk kam mit Bergman, einem Mann, der heftige Gefühle mit kühler Präzision sezieren konnte. Ihr erster Bergman-Film „Fanny und Alexander“ im Jahr 1982 habe sie „umgehauen“. Danach: alle Original-Skripte besorgt und immer wieder studiert. „Sprache hat viel mit Musikalität zu tun“, sagt sie, „deshalb stößt es mir manchmal auf, wenn Schauspieler im Eifer des Gefechts Worte umdrehen oder wiederholen. Dann ist mein persönlicher schöner Rhythmus dahin.“

Wenn so etwas passiert, ist Annette Hess sofort zur Stelle. Sie steht im ständigen Kontakt mit dem Regisseur Sven Bohse und allen Hauptdarstellern. Insbesondere mit Claudia Michelsen telefoniert sie während der Dreharbeiten oft. Das empfinde sie als produktiven, transparenten Prozess, während sie in der Frühphase ihrer Karriere das Schicksal der meisten Autoren teilte: Man gibt sein Buch ab – und damit jede weitere Einflussnahme, ausgeliefert an selbstherrliche Regisseure oder „Produzenten, die einknicken“.

Annette Hess hat sich ihre Position hart erarbeitet, von der Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“ über die Fälle der „Soko Köln“ bis hin zum Drama „Die Frau vom Checkpoint Charlie“. Hess wird geschätzt. In UFA-Chef Nico Hofmann hat sie einen ihrer größten – und einflussreichsten – Fans. Oliver Berben arbeitet mit ihr gerade an einer Serie, die auf dem Klassiker „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ basiert. Sie sagt selbst: „Ich kämpfe um meinen Stoff, bei manchen Punkten bin ich unerbittlich. Aber genauso gern lasse mich von anderen Kreativen überzeugen. Ich möchte definitiv auch eine gute Quote erzielen, das gelingt nur mit einem guten Team.“

Zwischen Berlin und Bullerbü-Idylle

Die bleiernde Stasi-Atmosphäre von „Weissensee“, die bunte Zwangsjackenwelt des „Ku'damm“, bald die Drogen-Tristesse der 70er-Jahre am „Bahnhof Zoo“: Annette Hess vermisst mit ihren Geschichten die Geschichte von Berlin ganz neu. In ihrer Studienzeit konnte sie die Stadt studieren, ihre Eigenarten, Gerüche, typischen Ecken. „Das ist für die Stoffe elementar. Aber zum Schreiben brauche ich unbedingt meine ländliche Abgeschiedenheit.“

In der niedersächsischen Provinz taucht Annette Hess in eine Bullerbü-Idylle ab. Sie wohnt auf einem Bauernhof und hat sich dort die Scheune als Fantasie-Kammer eingerichtet. Zur Inspiration benötigt sie allenfalls etwas Musik, bei „Ku’damm“ vorwiegend Rock’n’Roll: „Dann ist die Bühne errichtet, und ich schaue mit dem heutigen Wissen auf diese Zeit. Das fällt mir leichter als aktuelle Themen.“ Ansonsten ist es still um sie herum, manchmal wandert der Blick auf eine Madonnen-Statur, die sie aus dem Nachlass von Ingmar Bergman erworben hat.

Bei Schreibblockaden bricht sie gerne zu einem Spaziergang auf: „Da gibt es eine bestimmte Stelle im Wald, da sprudeln die Ideen nur so aus mir heraus.“ Und das Familienleben – ihr Mann ist freischaffender Künstler – war auch entscheidend für ihre Idee zu „Ku'damm“. Sie kam unverhofft aus dem Alltag. Zuvor hatte sie in Berlin mehrere mögliche Schauplätze begutachtet – darunter ein Warenhaus und das Hotel Interconti. Die Hotel-Option wurde favorisiert, aber der Erfolg der Serie „Das Adlon“ ließ das ZDF davon abrücken. In dieser Situation fuhr Annette Hess ihre jüngste Tochter zum Tanz-Unterricht: „Da dachte ich: Genau! Das ist doch viel besser.“

Es sind solche Momente, die Annette Hess als Kick benötigt. Danach füge sich alles. Und das Schreiben könne für sie im Kopf so leicht wirken, als tanze sie selbst übers frisch gebohnerte Parkett der Tanzschule „Galant“.