Berlin - Der Schmelz des Elfenbeins wird seit Jahrtausenden in Gedichten und Fabeln besungen, steht für Eleganz und perfekte Schönheit. Doch diese menschliche Sehnsucht bedeutete den Tod für Millionen Elefanten, Lebewesen, denen so manche menschliche Eigenschaft zugesprochen wird: Erinnerungsvermögen, Liebe, Ehrfurcht vor dem Alter, Jähzorn. Wenn also in der ersten Sonderausstellung des Berliner Humboldt-Forums das schöne Elfenbein und der Schrecken um dieses zum Thema gemacht werden, erscheint das durchaus folgerichtig. Auch an diesem Material macht sich Weltgeschichte fest. Fotos von afrikanischen Zwangsarbeitern, die für ihre Fürsten oder europäische Kolonialisten gewaltige Stoßzähne durch Savannen und Urwälder tragen, sind schließlich auch blanke Machtdemonstrationen gewesen.

Ganz am Beginn der Ausstellung ist ein winziges, geradezu niedliches Mammut zu sehen. Geschnitzt wurde es mit phänomenalem Naturalismus vor 40.000 Jahren aus einem Mammutstoßzahn in Oberschwaben. Sollte es Geister beschwören, ein Schmuckstück sein, einen Sieg verherrlichen? Wir werden es nie erfahren. Raffinierte Drechsel- und Schnitzarbeiten aus vielen Jahrtausenden werden gezeigt – Haarschmuck aus dem alten Mesopotamien, spätantike Tafeln, mit denen hohen Beamten ihr Status bestätigt wurde, byzantinische Elfenbeinbüchsen, in denen Reliquien aufbewahrt werden konnten, der „Einzug nach Jerusalem“, von Jan Holschuh 1962 in neoexpressionistischen Formen aus einem Zahn geschnitzt. Und wenn kein Elfenbein zur Verfügung stand, wie nach dem Zusammenbruch der antiken Handelswege, dann wurde auf den ähnlichen Wahlrosszahn zurückgegriffen, aus dessen Material der mittelalterliche Schachstein mit seinen Rittergestalten besteht.

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