Jens Wawrczeck legt mit "Celluloid" ein spätes musikalisches Debüt vor.
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BerlinSein Name mag nicht jedem ein Begriff sein, doch die Stimme von Jens Wawrczeck gehört sicherlich zu den bekanntesten Deutschlands. Bereits als Jugendlicher wurde er als Sprecher für Hörspiele engagiert, 1979 übernahm er als 16-Jähriger die Rolle des Peter Shaw in der Reihe „Die drei Fragezeichen“. Der Erfolg dieser Detektivgeschichten hält nicht nur bis heute an, er wurde über die Jahre immer größer: Zu einer Live-Lesung in der Waldbühne mit Wawrczeck und seinen Kollegen Oliver Rohrbeck und Andreas Fröhlich kamen 2010 mehr als 15 000 Zuschauer.

Doch der 56-jährige Wahlberliner leiht seine Stimme auch vielen anderen Audioproduktionen und steht als Schauspieler auf der Bühne. Jetzt hat Wawrczeck obendrein ein Album aufgenommen und singt auf „Celluloid“ seine Lieblingsfilmsongs.

Herr Wawrczeck, Ihr Album wirkt wie ein echtes Herzensprojekt. Wie lange hegten Sie den Traum vom eigenen Album mit Filmsongs?

Ungelogen mindestens 40 Jahre. Mit zehn Jahren fing ich an, Filmmusik zu hören. Mein ganzes Taschengeld ging in den Kauf von Soundtrack-Alben, zu denen ich teils die Filme gar nicht kannte. Der Wunsch, etwas Musikalisches zu machen, war seit jeher stark. Ursprünglich wollte ich viel lieber Sänger werden als Schauspieler, und als ich in New York zur Schauspielschule ging, bin ich aus Geldmangel zusammen mit einem Pianisten in Jazz-Clubs aufgetreten.

Warum haben Sie diesen Weg erstmal nicht weiterverfolgt?

Als ich zurück nach Deutschland kam, hat mich der Mut verlassen. Denn die Haltung hierzulande war damals: Sie müssen sich schon entscheiden, was Sie sein wollen, Schauspieler oder Sänger. Also habe ich mich auf die Schauspielerei konzentriert. Aber ich wusste, dass mein Wunsch zu singen irgendwann so stark werden würde, dass er alle Dämme brechen lässt. Wobei ich wahnsinnigen Respekt vor den Originalen habe und mir lange nicht sicher war, ob die Welt nun auch noch mich als Sänger braucht. Allerdings kam ich irgendwann zu der Erkenntnis, dass es gar nicht darum geht, so gut zu singen wie X, Y oder Z. Viel wichtiger ist, dass man weiß, was man kommunizieren möchte. Das war in meinem Fall die Liebe zu diesem Songmaterial.

Waren Sie denn auch als Kind schon ein richtiger Cineast?

Ich habe schon damals unglaublich gerne Filme geguckt. Die Soundtrack-Alben inspirierten mich, denn wenn ich sie aufgelegte, hatte ich meinen eigenen Film vor Augen. Die Kraft von guter Filmmusik ist ja, dass sie auch ohne die optische Verbindung besteht und das eigene Kopfkino startet. Ein Ausdruck übrigens, den ich eigentlich hasse und hier nur zähneknirschend verwende.

Es ist eine spannende Mischung von Songs geworden. Wie schwer fiel Ihnen die Auswahl?

Oh, das war enorm schwierig. Ich hatte ungefähr 60 Songs zusammengesucht, von denen ich wusste, dass ich sterbe, wenn ich sie nicht singe. Kurz stand die Frage im Raum, ob ich vielleicht 20 Alben aufnehme. Letztlich habe ich dann aber versucht, einen roten Faden insofern zu ziehen, dass es live auf der Bühne eine Art Dramaturgie gibt. Zum Beispiel beginnt das Album mit dem Song „At the Crossroads“, denn tatsächlich fühle ich mich, als ob ich an einem Kreuzweg stehe und entscheiden kann, in welche Richtung ich gehe.

Der Song stammt aus dem Musicalfilm „Dr. Dolittle“, aber Sie wurden auch im französischen und spanischen Kino oder beim Thriller „Warte, bis es dunkel ist“ mit Audrey Hepburn fündig …

Oder auch bei Walt Disneys „Cinderella“. Mir war wichtig, dass es auch Momente der komödiantischen Leichtigkeit gibt. Daher „Bibbidi Bobbidi Boo“ nach eher Melancholischem wie „Porque Te Vas“. Ich bin ja ein großer Balladen-Fan, aber natürlich muss man manchmal musikalisch gegensteuern, damit es nicht zu eintönig wird.

Gab es Songs, die Sie eigentlich lieben, aber trotzdem nicht singen wollten?

Als großer Doris-Day-Fan habe ich natürlich überlegt, ob ich „Que Sera Sera“ singe. Aber auf gewisse Art ist der Song so abgenutzt, dass ich mich dagegen entschied. Stattdessen habe ich eher versucht, mich für Songs stark zu machen, die ein bisschen in Vergessenheit geraten sind. Mit Ausnahme vom James-Bond-Song „You Only Live Twice“, an dem ich einfach nicht vorbeigehen wollte, weil ich den Text so großartig finde.

Alle Lieder haben ein paar Jahre auf dem Buckel. Gibt es auch moderne Filmsongs, für die Sie schwärmen?

Nicht wirklich. Ich bin ein treuer Fan dieser bestimmten Soundtrack-Ära, also der 50er- und 60er-Jahre. Schon allein, weil man hören kann, dass die Sänger meistens gemeinsam mit dem Orchester aufgenommen wurden und wenig gepfuscht wurde. Auch wir haben deswegen sehr wenig an den Aufnahmen, die in einem Studio in der Sonnenallee entstanden, nachträglich bearbeitet.

„Die drei Fragezeichen“: Oliver Rohrbeck, Andreas Fröhlich und Jens Wawrczeck (v. l.)
Foto: dpa

Ihre Stimme hat Sie auch ohne Gesang berühmt gemacht. Passiert es Ihnen im Alltag, dass Menschen Sie nur über die Stimme erkennen?

Ja, sogar recht häufig, und das sind immer nette Begegnungen. Die Menschen, die mich ansprechen, haben ein sehr positives Verhältnis zu meiner Stimme. Besonders oft werde ich natürlich wegen der „Drei Fragezeichen“ erkannt. Früher kam dann immer irgendwann die Frage: Sind Sie Peter Shaw? Aber inzwischen kennen erfreulich viele Leute auch meinen eigenen Namen.

Wann wurde Ihnen klar, dass die „Drei Fragezeichen“ Sie Ihr Leben lang begleiten werden?

Das war vor etwa 20 Jahren, als wir merkten, wie groß der Hype tatsächlich ist. Damals wurden wir zu einem Playback-Hörspiel auf die Popkomm nach Köln eingeladen. Wir dachten, es geht da um eine kleine Liebhaber-Veranstaltung. Stattdessen waren dann 1500 erwachsene Zuschauer in diesem Raum, die teilweise ganze Passagen mitgesprochen haben. Da haben wir plötzlich verstanden, dass wir für viele Leute Kult sind.

Eine befremdliche Erkenntnis?

Ich fand es vor allem verblüffend. Die „Drei Fragezeichen“ nehme ich drei- oder viermal im Jahr für zwei Tage auf, also beschäftigen sie mich maximal acht Tage im Jahr. Ich mache so viele andere Dinge, die sehr viel mehr Einsatz bedeuten, ohne annähernd diese Wirkung zu haben. Deswegen war für mich immer klar, dass ich zwar Teil dieses Erfolges, aber überhaupt nicht dafür verantwortlich bin. Ich stelle ja bloß meine Stimme zur Verfügung und versuche meinen Job ordentlich zu machen. Das war’s auch schon, was ich zu diesem Phänomen beitrage.

Ist es frustrierend, wenn zu einer „Drei Fragezeichen“-Veranstaltung 15000 Menschen strömen, während bei den Sachen, in denen viel mehr Herzblut steckt, womöglich nicht einmal ein Hundertstel davon kommt?

Es gab durchaus eine Phase, in der mich das frustriert hat. Auch was die Presse anging, die man kaum für etwas anderes interessieren konnte. Aber Gott sei Dank hat sich das ein bisschen geändert. Und zwar einfach, weil ich wie ein stoischer Missionar vehement weiter das gemacht habe, was mich wirklich interessiert, vom Theaterspielen über mein eigenes Hörbuch-Label bis zu diesem neuen Album.

Foto: Christian Hartmann
Zur Person

Jens Wawrczeck ist als Schauspieler, Synchronsprecher, Hörspielsprecher und Hörbuchinterpret tätig. Seine Stimme ist vor allem aus der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“ bekannt, in der er seit 1979 die Rolle des zweiten Detektivs Peter Shaw spricht.

Der 56-Jährige synchronisierte Serien wie „King of Queens“, „Arrested Development“ oder „Two and a Half Men“. Ursprünglich absolvierte er eine professionelle Schauspielausbildung in Hamburg, Wien und New York City. Mit 13 debütierte er an den Hamburger Kammerspielen.